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Abtreibung – Mord auf Rezept?

Habt ihr euch schon einmal gefragt, wo das menschliche Leben beginnt? Und damit auch das Töten? Zahlreiche bürgerliche und religiöse Initiativen protestieren gegen die Abtreibungspraxis, radikale Abtreibungsgegner bezeichnen Frauen, die abgetrieben haben, sogar als Mörderinnen. Der Frage, ob man diese These unterstützen sollte, wollen wir sachlich auf den Grund gehen.

Gebannt stiert Anna auf den Clearblue in ihrer Hand. Ehe sie das Ergebnis erfahren hat, ist die 22-jährige Studentin nicht in der Lage einen klaren Gedanken zu fassen. Da! Endlich bildet sich etwas auf dem Anzeigefeld. Gleich schon wird sie an Klarheit gewinnen! Einzelne Buchstaben bilden ein Wort. Mit einem dumpfen Klirren landet der Schwangerschaftstest auf den Fliesen. Eine Welle voller Emotionen droht Anna von den Beinen zu reißen. Ihre Sicht verschwimmt; verzweifelt schluchzend bricht sie auf dem Badezimmerteppich zusammen.

Verzweiflung - abtreiben oder nicht?

Silvester 2011. Anna ist für eine Woche zu Besuch in ihrem Heimatdorf. Das neue Jahr will sie mit ihren alten Freunden in Empfang nehmen. Es hat sie ins Tange verschlagen. Den vorangegangenen Tag und die Nacht hatte sie bei einer Freundin verbracht. Auch da hatten die Frauen sich schon prächtig amüsiert.

Anna hat keinen festen Freund, die Pille nimmt sie trotzdem. Heftige Menstruationsbeschwerden haben sie zu ihrer Frauenärztin geführt. Nun hat sie dummerweise vergessen, die Hormontabletten zu Julia mitzunehmen. Aber das wird ihr schon nicht zum Verhängnis werden. Sie hat sich eben um wichtigere Dinge kümmern müssen.

Aufgehübscht und warmgetrunken bricht die lustige Truppe auf. Alles lässt verlauten, dass die Nacht spaßig werden wird. Und so ist sie auch. Es wird gefeiert, gelacht, gebaggert und vor allen Dingen getrunken. Anna lernt Kai kennen. Irgendwann bietet er ihr an, in seiner Studentenbude „weiter zu tanzen“. Seine Mitbewohner seien außer Haus und würden so bald nicht heimkehren. Anna willigt ein. Doch nach jener traumhaften Silvesternacht, bekommt sie Kai nie wieder zu Gesicht.

Das Kind kann und will Anna nicht gebären. Sie ist jung, -wie sie nun feststellen muss- auch dumm und dazu leichtgläubig. Ein Kind würde ihr jegliche Zukunftsperspektive hinsichtlich ihrer Karriere verwehren. Zu allem Überfluss wurde es bei einem One-Night-Stand gezeugt und ist so gesagt mehr oder weniger vaterlos. Ein Baby wäre bei Anna nicht gut aufgehoben, das weiß sie. Und ihr eigener Vater ist tot. So will sie auch ihre Mutter nicht mit der Erziehung eines Kindes belasten. Was bleibt ihr denn nun anderes übrig, als abzutreiben? Der Schwangerschaftsabbruch ist für sie einfach unumgänglich.

Abtreibungspille Mifegyne

Der Zeitpunkt der Befruchtung liegt vier Wochen zurück. Also entschließt sich Anna für eine medikamentöse Methode mit der Abtreibungspille „Mifegyne“. Der Embryo hat im Entwicklungsstadium noch kaum menschliche Gestalt und misst etwa 5 mm. Er hat noch keine festen Körperteile und kann nichts spüren. Aber dafür hat er sich bereits in die Gebärmutter eingenistet und die ersten Organanlagen gebildet. So funktioniert sein rudimentärer Blutkreislauf beispielsweise schon nach drei Wochen. Sogar das Neuralrohr (eine rohrförmige Anlage des Nervensystems), eine Vorstufe zur Bildung des Gehirns und des Rückenmarks, schließt sich bereits, doch sind noch keine Hirnwellen messbar. Natürlich weist jede einzelne lebende Zelle messbare elektrische Schwingungen auf, doch sind diese nicht mit regelmäßigen Hirnströmen zu vergleichen. Diese treten nämlich nicht vor dem sechsten Monat auf.

Durch Reizung ausgelöste motorische Reflexbewegungen des Embryos können erst in der achten Woche nach der Befruchtung festgestellt werden. Doch sollte man anmerken, dass dies nicht mit „Schmerzempfinden“ gleichzusetzen ist. „Das Kleinhirn erreicht seine endgültige Form im 7. Monat. Die Umhüllung (Myelinisierung) des Rückenmarks und des Gehirns beginnt zwischen der 20. und 40. Schwangerschaftswoche. Diese und andere Entwicklungen des Nervensystems müssen stattgefunden haben, ehe der Fötus Schmerz empfinden kann“ So lautet eine Erklärung der Vereinigung der amerikanischen Frauenärzte. „Vor der 26. Woche ist die Großhirnrinde nicht funktionsfähig. Deshalb ist es auf jeden Fall unzutreffend, von einer «Wahrnehmung» oder einer «bewussten Reaktion» des Fötus zu sprechen“ Das besagt ein Statement von Maria Fitzgerald, Prof. für Neurobiologie in London.

Stadien der menschlichen Embryonalentwicklung

Zusammengefasst lässt sich sagen: Annas Baby lebt und entwickelt sich. Trotzdem empfindet es noch keinen Schmerz. Zwar existiert sein Persönlichkeitskern durch den von Annas Genen in ihrer Ei – und Kais Genen in seiner Spermazelle entworfenen „Bauplan“ bereits, doch würde das Kind von der bevorstehenden Abtreibung nichts mitbekommen.

Soviel erst einmal zur biologischen Sicht der Dinge, doch ist es keine Verletzung der Menschenrechte einen Menschen zu töten, selbst wenn er ungeboren ist? Dass ein Embryo zur Gattung des Menschen zählt, steht außer Frage. Und ganz eindeutig ist jeder Mensch einzigartig und kostbar. Bloß ist hierbei auf die Unschlüssigkeit hinzuweisen, ob einem Embryo schon alle Menschenrechte zugesprochen werden können. Zwar schlägt sein Herz schon am 18. Tag nach der Empfängnis, doch ist er noch kein selbstständig -außerhalb des Mutterleibs- funktionstüchtiger, sprich lebensfähiger, Organismus. Für die Kirche beginnt das Leben im Moment der Zeugung. Juristisch gesehen auch: Denn alle Menschen haben eine unantastbare Würde, sind frei und vor dem Gesetz gleich. Und weil eben der Wesenskern bereits vorhanden ist und die Menschenwürde nicht von biologischen Parametern abhängt, ist das ungeborene Kind ab dem Zeitpunkt der Zeugung auch Träger der Menschenwürde.

Lässt sich die Zukunft eines Menschen vorhersagen?

Ist es nun inhuman einen unerwünschten Menschen zu töten? Denn genauso könnte Abtreibung gedeutet werden. Natürlich mag man sagen, dass es dem Kind schlecht ginge, würde es geboren werden (z.B. in soziale Brennpunkte, schlechte Lebensbedingungen). Aber kann man sich das Privileg einräumen, den künftigen Lauf der Dinge, die Zukunft des ungeborenen Menschen vorherzusehen? Sollte nicht eher die Chance bestehen, dem Kind doch noch eine erfüllte Kindheit bieten zu können? Ihm das Leben zu ermöglichen?

Sicherlich haben Frauen, die abtreiben, es sich mit ihrer Entscheidung nicht leicht getan. Möglicherweise wurden sie sogar vergewaltigt und möchten durch das Kind nicht an jene schreckliche Tat erinnert werden. Oder sie sind selbst noch fast „Kinder“ und können kaum für sich selbst Verantwortung übernehmen. Sollte man ihnen –wie auch unserer Anna- wirklich noch die Erziehung eines Kindes zumuten, wenn sie sich dem nicht gewachsen fühlen?

Aber es gibt Alternativen! Es besteht doch die Möglichkeit das Kind zur Adoption freizugeben. So würden weder der ungewollt schwangeren Frau, noch dem Kind ihre Rechte verwehrt werden (abgesehen von den Schwangerschaftsmonaten der Mutter).

Das Kind könnte leben.

Darf man dennoch Frauen, die abtreiben, wirklich als Mörderinnen dastehen lassen? Sicher beginnt das Leben nach der Zeugung, schließlich befindet sich der Embryo im Wachstum und wird als Lebewesen bezeichnet. Und ebendieses Leben zerstört die Mutter ja auch. Ist sie nicht also auch eine Mörderin?

Demonstration von Abtreibungsgegnern

Rein rechtlich gesehen ist sie es nicht, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind (allen voran, dass der Eingriff von einem Arzt vorgenommen wird und dass drei Tage davor eine Konfliktberatung stattgefunden hat), doch versucht der Staat mit ebendieser Beratung Alternativen für die Schwangere aufzuzeigen und damit seiner Pflicht nachzugehen, die unantastbare Würde des ungeborenen Menschen zu schützen. Auch die Kirche ist eindeutig gegen Abtreibung. Das zeigt sich darin, dass einige kirchliche Organisationen ebenfalls Konfliktberatung für Schwangere anbieten.

Trotzdem wurden letztes Jahr in Deutschland rund 108.900 Abtreibungen vorgenommen.

Annas Konfliktsituation dreht sich um die Frage nach einem Leben mit oder nach einem Leben ohne Kind. Die Entscheidung, ob ihr Kind lebt oder nicht liegt in ihrer Hand. Sie selbst würde leben. Aber ist der weitere Verlauf von Annas Leben abhängig davon, ob sie zulässt, dass ihr Kind, der gerade einmal 5mm große Embryo, sich weiterentwickelt oder eben nicht. Ob sie dem Resultat ihres One-Night-Stands eine Zukunft gewährt oder eben nicht.

Gedächtnistor auf dem Freiburger Hauptfriedhof - Trauermöglichkeit für Eltern mit Fehlgeburten

Die Frage, wann menschliches Leben beginnt und wieviel Wert und Würde diesem Leben beigemessen wird, wird noch lange diskutiert werden müssen. Ob es nun gerechtfertigt ist oder nicht, Tatsache ist, dass Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, von radikalen Abtreibungsgegnern als Mörderinnen bezeichnet werden, weil sie „einen lebenden Menschen“ töten. Aber demgegenüber wird Frauen, die eine Fehlgeburt erleiden, in den meisten Bundesländern nicht das Recht für eine Grabstätte für ihr Kind zugesprochen, wenn es (laut Gesetz) nicht gelebt hat, sprich nicht als Totgeburt eingestuft wurde. (Hat das Herz des Kindes nach der Trennung vom Mutterlaib geschlagen, hat die Nabelschnur pulsiert oder hat die natürliche Lungenatmung bereits eingesetzt, liegt eine Lebendgeburt vor. Ist keines der zuletzt genannten Anzeichen vorzuweisen, wiegt der Fötus jedoch mehr als 500 Gramm [oder ist Teil einer Mehrlingsgeburt, bei der mindestens ein Kind überlebt hat] ist noch eine Todgeburt zu verzeichnen. Ist nichts dergleichen der Fall, liegt eine Fehlgeburt vor.)

Juristisch mag diese gesetzliche Regelung korrekt sein, moralisch muss sie jedoch, vor allem wenn man sieht, wie über Frauen, die einen Schwangerschaftsabbruch vornehmen, geurteilt wird, als Widerspruch erscheinen. Wo also bleibt hier die Logik. die Gerechtigkeit?

2 Kommentare

  1. Die Gesellschaft ist immer noch gegenüber
    Schwangerschaftsabbruch und Abtreibung zu sehr verschlossen. Leider werden Frauen von den Gegnern der Abtreibung als Mörderin beschimpft. Mit so einer Äußerung sollte niemand daher kommen, ohne die Gründe nicht vorher zu können, warum sich eine Frau einen Schwangerschaftsabbruch entschieden hat. Jede Frau hat das Recht und sollte es weiterhin haben selbst zu entscheiden, wann Sie Kinder haben möchte. Daher steht der Frau auch das Recht einer Abtreibung bzw. Schwangerschaftsabbruchs zu.

    • Hallo Anna,

      ich sehe dies auch so wie Du. Was ich persönlich sehr schade finde: Es wird verurteilt, wenn die Frau den Abbruch vornimmt, dass sie dem Kind keine Chance gewährt. Wenn es später aber genau jene sind, die nicht zurecht kommen, ihr Kind her geben oder aus mangelnder Kraft verwahrlosen oder ob vielleicht gerade jene Kinder, die nie erwünscht waren, schlecht behandelt oder misshandelt werden… Das wird entweder nicht hinterfragt oder dann später ebenso verurteilt, vielleicht noch mit dem Satz „Hättest Du eben kein Kind in die Welt gesetzt“. Insgesamt bleibt somit, dass eine Frau dies für sich vertreten können muss, denn Gegner wird es immer geben, die leider ohne das Hintergrundwissen urteilen – das ist schade!

      Das Einzige was man hört ist „hättest Du eben anständig verhütet“ wobei das ebenso wenig ungeschehen macht…

      Liebe Grüße

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