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Als der Hunger nach Deutschland kam

Heutzutage werfen wir Lebensmittel tonnenweise weg. Doch in der Nachkriegszeit vor 70 Jahren waren Lebensmittel ein sehr kostbares und knappes Gut. Der Nachkriegswinter 1946/47 gehört zu den kältesten des 20. Jahrhunderts. In Mitteleuropa traf er die Menschen mitten in den Wirren der Nachkriegszeit. Durch das eisige Wetter wurde der Winter zum Hungerwinter.
Nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Diktatur liegt Deutschland in Trümmern. Über 55 Millionen Tote sind weltweit zu beklagen
Ende des Jahres 1946, des ersten Friedensjahres nach Kriegsende, verläuft der Wiederaufbau äußerst schleppend. Aufgrund eines trockenen und heißen Sommers sind die Ernteerträge vielerorts selbst hinter den bescheidenen Erwartungen zurück geblieben.
Doch es sollte noch schlimmer kommen: November 1946 und März 1947 durchleben die Menschen einen der kältesten Winter des 20. Jahrhunderts. Bereits im November sinken die Temperaturen unter den Gefrierpunkt. Mehrere Frostwellen ziehen im Dezember und Januar über das Land.

„Für uns war es damals unvorstellbar Essen wegzuwerfen. Es wurde immer alles aufgegessen. Und blieb doch einmal etwas übrig, dann wurde es an die Tiere verfüttert. Wenn unsere Mutter manchmal etwas Milch und Zucker übrig hatte, dann hat sie daraus in einer Pfanne Bonbons für uns Kinder gemacht. Damit waren wir glücklich. Selbst heute werfen wir sehr selten Essen weg.“

„Weißer Tod“ und „schwarzer Hunger“ lauten Redewendungen der Zeit. Doch nicht nur Deutschland ist betroffen, die Lage der Bevölkerung in ganz Europa ist dramatisch.
Vor allem die Bewohner der zerbombten Großstädte leiden am meisten unter Hunger und Kälte. Mehrere hunderttausend Menschen sterben in Deutschland nach Schätzungen von Historikern an Mangel und Frost.
Neben den Witterungsbedingungen gibt es weitere Gründe für die schlechte Versorgung der Bevölkerung: Die Infrastruktur und die Verkehrswege sind an vielen Orten stark zerstört. Aufgrund der vielen Opfer des Krieges fehlen Arbeiter in der Landwirtschaft und in der Nahrungsmittelindustrie. Millionen Flüchtlinge aus den deutschen Ostgebieten suchen außerdem ein neues Zuhause. Sie sind häufig vollkommen mittellos.
„Auf dem Land hatten wir ja zum Glück die Möglichkeit uns weitestgehend selbst zu versorgen. Deswegen hatten wir es etwas besser als die Menschen in der Stadt. Wir hatten einen Gemüsegarten, einige Tiere, die uns mit Fleisch und Milch versorgten. Die Milch wurde dann auch zu Butter verarbeitet. Das Brot wurde selber gebacken. Wenn wir etwas nicht selber herstellen konnten, dann haben wir versucht es mit anderen zu tauschen. Zu kaufen gab es fast nichts, es gab nur Wertmarken, für die man Lebensmittel bekam.“

Lebensmittel wegzuschmeißen ist zu dieser Zeit unvorstellbar. Die täglichen Rationen ergeben meist nicht mehr als 1500 Kalorien. 800 Kalorien und weniger sind keineswegs selten. Das tägliche Leben ist geprägt von der Anstrengung, das Allernötigste heranzuschaffen. Das heißt: stundenlanges Anstehen, weite Hamsterfahrten, Tauschen, aber auch gelegentlicher Diebstahl.
Die Alliierten geben in ihren jeweiligen Sektoren neue Lebensmittelkarten aus, die entsprechend der Schwere der Arbeit in Kategorien von I bis V eingestuft werden. Für diese Marken können die Menschen Brot, Fleisch, Fett, Zucker, Kartoffeln, Salz, Kaffee und Tee bekommen. Doch nicht alles ist zu jeder Zeit zu haben. Öffentliche Aushänge machen bekannt, was in der jeweils nächste Woche zur Verfügung steht.
Kleinkinder und Jugendliche wurden zeitweilig durch Schulspeisungen vor Unterernährung bewahrt. Der ehemalige US-Präsident Hoover empfahl „eine tägliche Zusatzmahlzeit (350 kcal) für Kinder und alte Menschen aus Armeebeständen, ergänzt durch Fett und Fleisch aus dem deutschen Viehabbauprogramm“. Die Kinder mussten einen Löffel und ein Gefäß selber mitbringen. Manchmal bestand dies nur aus einer einfachen Konservendose.

Der Kölner Erzbischof Joseph Kardinal Frings rechtfertigt in seiner Silvesterpredigt 1946/47 den Mundraub für den Eigenbedarf: „Wir leben in Zeiten, da in der Not auch der Einzelne das wird nehmen dürfen, was er zur Erhaltung seines Lebens und seiner Gesundheit notwendig hat, wenn er es auf andere Weise durch seine Arbeit oder durch Bitten nicht erlangen kann.“  Seitdem spricht man von „fringsen“, wenn man Nahrung oder Kohle organisiert.

Erst der April 1947 bringt endlich wieder wärmere Temperaturen. Doch der Hunger bleibt noch länger in Deutschland. Erst in den Sommermonaten des Jahres 1948 ist die Lebensmittelversorgung in Deutschland wieder stabil.

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