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„Als ich aufwachte, war die D-Mark weg“

Im Rahmen des „Schutzengel“-Projektes fand am 9. Juli die Veranstaltung mit dem Nahmen „Mit Unfallopfer und Notärztin an die Front“ statt. Sie soll Jugendliche dazu bewegen vorsichtig zu fahren. Nach einem Vortrag eines Polizisten fand ein Gespräch mit Michaela Meyer, einer jungen Frau, statt, die Opfer eines Unfalls geworden ist und nun im Rollstuhl sitzt.

Zehn Prozent der Menschen im Landkreis Cloppenburg sind 15-24 Jahre alt und die Hälfte der schweren Verkehrsunfälle sind durch Fahrer im Alter von 15-24 Jahren verursacht worden. Das heißt das ein Fünftel der Menschen für die Hälfte der schweren Verkehrsunfälle verantwortlich ist. Davon wiederum sind 70% der Verursacher Männer. Ein Grund dafür ist laut dem Verkehrssicherheitsberater der Polizeiinspektion Cloppenburg/Vechta, Achim Wach, das Imponiergehabe. Das Auto diene für einige Jungen als „Schwanzverlängerung“. Eine weitere ernst zu nehmende Ursache für die große Anzahl an schweren Unfällen ist die Ablenkung durch das Smartphone. Wach rät dazu es während der Fahrt abzuschalten, wenn man es nicht aushält nicht darauf zu sehen, wenn es geklingelt hat. Auch appelliert er an die Beifahrer, den Mund aufzumachen und zu sagen, wenn einem der Fahrstil zu gefährlich ist. Hierbei sollten allerdings Worte und Taten übereinstimmen. Wenn man zum Beispiel täglich von einem Freund oder Kumpel, der sehr riskant fährt, zur Schule mitgenommen wird, sollte man ihm sagen, dass ein Fahrstil nicht in Ordnung ist. Wenn er den dann nicht ändert, sollte man lieber den unbequemen Weg mit dem Bus nehmen, damit die eigene Handlung das Gesagte unterstützt und nicht im Widerspruch zu ihr steht.

Um zu verdeutlichen was ein Verkehrsunfall bewirken kann, kam Michaela Meyer zu uns. Sie geriet in der Nacht vom 10. auf den 11. November 2001 in einen schweren Verkehrsunfall. Gemeinsam mit ihrem Freund war sie in Löningen in einer Disco gewesen. Nachdem sie einen Bekannten zuhause abgesetzt hatten, das letzte Ereignis an das Michaela sich erinnert, fuhren sie auf einer geraden Straße nach Hause. Aus nicht bekannter Ursache kam das Auto von der Fahrbahn ab und fuhr gegen einen Baum. Michaela und ihr Freund erlitten schwere Verletzungen. Michaela hatte ein schweres Schädelhirntrauma, Risse in mehreren Organen und Wirbel und Beine mehrfach gebrochen. Noch heute sitzt Michaela im Rollstuhl. Im Krankenhaus sagte man ihrer Mutter, Michaela würde nicht überleben.

laurentinews.de: Wie lange lagen Sie im Koma?

Michaela Meyer: 5 Monate

Wie fühlt es sich an im Koma zu liegen?

Es fühlt sich gar nicht an. Es ist so wie ein langer Schlaf. Das letzte, an das ich mich erinnern kann, ist, dass ich und mein damaliger Freund unseren Bekannten zu Hause abgesetzt haben und ich zu ihm sagte: „Dann sehen wir uns morgen wieder“ Daraus wurde dann fast ein ganzes Jahr.

Was ist das erste an das Sie sich nach dem Koma erinnern können?

Das erste was ich gesehen hab, waren viele weiße Kittel. Es waren sehr viele Ärzte um mein Bett versammelt. Dann kam meine Mutter in den Raum.

Was auch komisch war, ist, dass als ich aufgewacht bin, auf einmal die D-Mark weg war. Ich hab die Umstellung von D-Mark auf Euro verschlafen.

Welche Verletzungen haben Sie durch den Unfall erlitten?

Ich hatte Risse in Blase, Leber und Lunge, sowie mehrere Brüche im Becken und in den Beinen. Mein Schädel war zweimal gespalten. Insgesamt musste ich 13 schwere Operationen über mich ergehen lassen.

Hat der Unfall sich auch auf ihre Hobbys ausgewirkt?

Vor dem Unfall hab ich Streetdance, Hip Hop und so etwas getanzt, nicht nur auf Partys sondern auch auf Wettbewerben. Das ist nun gar nicht mehr möglich.

Wie haben Sie sich gefühlt, als Ihnen klar geworden ist, dass sie nie wieder tanzen können?

Der Vorgang dies zu verstehen hat sehr lange gedauert. Nach und nach habe ich realisiert, dass ich nie wieder tanzen können werde. Das war einschneidend und sehr schockierend.

Haben Sie noch Kontakt zu ihren alten Freunden?

Nein. Ich bin nicht mehr die Alte. Damit können sie nicht umgehen. Ein, zwei Freunde haben mich öfter mal besucht. Nun habe ich mir jedoch einen neuen Freundeskreis aufgebaut.

Waren Sie nach dem Unfall noch mit ihrem Freund, dem Fahrer, zusammen?

Nein. Er konnte sich die Schuld nicht eingestehen und hat behauptet, ich hätte ihm ins Lenkrad gegriffen. Anhand der Driftsouren kann man allerdings erkennen, dass dies kaum möglich ist. Ich hätte das Lenkrad vom Beifahrersitz aus gar nicht so herumreißen können. Außerdem bin ich in Besitz eines Führerscheins und weiß, dass das lebensgefährlich ist.

Was denken Sie, wenn Sie in den Spiegel schauen?

Ich denke dann: „Man, was bist du eine starke Frau, dass du das alles überlebt hast“. Ich freue mich, dass ich überhaupt noch in den Spiegel schauen kann, dass ich noch lebe.

Wie lange waren Sie insgesamt im Krankenhaus?

Mit Reha war ich insgesamt zwei Jahre in Behandlung. Nach dem Koma war ich nur 45 Kilo schwer. Obwohl ich 1,78 Meter groß bin. In der Reha habe ich dann rund um mich drum zu gegessen.

Um die ganzen OP´s durchzubekommen musste meine Mutter mehrmals vor Gericht ziehen, damit die Krankenkasse diese bezahlt. Am Ende hat sie immer recht bekommen und es hat sich gelohnt. Ich kann mittlerweile mit meinen Schuhen und meiner Sackkarre(damit meint sie ihren Rollator) 300 Meter am Stück laufen.

Heute hab ich immer noch täglich Physiotherapie und viele andere Termine. Wenn ich mal eine faule Zeit hab und nicht so viel mache, merke ich sehr schnell einen Rückschritt und alles, was ich mir hart erarbeitet habe, war umsonst.

Mussten sie auch Dinge wie zum Beispiel das Sprechen oder Schreiben komplett neu erlernen?

Sprechen konnte ich sofort, nachdem ich aufgewacht war. Weil allerdings meine linke Körperhälfte gelähmt war und ich Linkshänderin bin, musste ich das Schreiben mit der rechten Hand lernen. Auch heute muss ich noch mit der rechten Hand schreiben, weil ich in der linken Hand keine Feinmotorik hab.

Konnten Sie ihre Ausbildung beenden? Können Sie überhaupt noch arbeiten?

Meine Ausbildung konnte ich nicht weiter verfolgen, weil ich dazu meine Feinmotorik bräuchte. Als etwas anderes kann ich auch nicht arbeiten, weil ich mich nicht so lange konzentrieren kann. Bei mir geht das höchstens eine halbe Stunde am Stück.

Als Abschlussstatement sagte Michaela: „Macht den Mund auf, wenn irgendwas schiefläuft!“. Weil wir jetzt gesehen haben, wie stark ein Unfall ein Leben verändern kann, werden die meisten von uns das nun, denke ich, auch tun.

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