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Den Tod als Beruf, denn gestorben wird immer

Jeder Mensch wird früher oder später der Kunde eines Bestattungsunternehmers sein. Doch nur wenige Menschen können sich vorstellen, selber als Bestatter zu arbeiten.  Grund genug, sich einmal genauer zu erkundigen, was ein Bestatter eigentlich so macht und wie er mit den Belastungen seiner Arbeit zurechtkommt.

Wir treffen uns mit dem Bestatter Andreas Sadelfeld in seinem Büro in Scharrel. Seit einem Jahr hat er sein eigenes Bestattungsunternehmen. Um ehrlich zu sein, sind wir alle ziemlich nervös, als wir uns auf dem Parkplatz vor dem Haus stehen. Immerhin, so denken wir, gehen wir jetzt dahin, wo Tote für die Beerdigung vorbereitet werden. Würden wir vielleicht sogar mit einer Leiche im selben Raum sein. Eine seltsame Vorstellung.

Als wir das Bestattungsinstitut betreten, steht gleich eine Reihe von Särgen vor uns. Und in einem Regal stehen Urnen in allen Farben und Formen. An der Wand hängt ein Schild mit der Aufschrift „Stille“.  Herr Sadelfeld begrüßt uns freundlich und wir gehen in sein Büro nebenan, in dem ein Bestatter, wie Sadelfeld sagt, die meiste Zeit verbringt.

„Das spiegelt sich auch in der Ausbildung wieder. Man könnte meinen, wir werden zu Bürokaufmännern ausgebildet“, scherzt Sadelfeld. Man muss rund um die Uhr erreichbar sein, dann wartet man und kümmert sich um die Buchführung und schreibt Rechnungen. Es kann sein, dass manchmal Wochen ins Land ziehen, bis es einen neuen Sterbefall gibt.

Kekse und Getränke sorgen sehr schnell dafür, dass unser Unwohlsein schon bald verfliegt und so werden unsere Fragen auch allmählich mutiger. Neben dem notwendigen Papierkram wollen wir auch wissen, wie der andere Teil der Arbeit eines Bestatters aussieht.

Und wir sind erleichtert, als wir erfahren, dass die Toten gar nicht in diesem Gebäude hergerichtet werden. Da Herr Sadelfeld noch über keinen eigenen Versorgungsraum verfügt, findet die sogenannte „hygienische Versorgung“ in der Regel bei den Verstorbenen zu Hause oder in den Krankenhäusern, in denen sie gestorben sind, statt. Das Einbetten in den Sarg erledigt der Bestatter meist in der Friedhofskapelle. Da dies bei einem Verstorbenen, der möglicherweise auch mal 120 Kilo wiegen kann, nicht alleine möglich ist, holt sich Herr Sadelfeld meist eine zweite Person als Unterstützung dazu.

Auf die Frage, ob seine Familie schon immer seinen Berufswunsch akzeptiert hat, lacht er kurz und erzählt dann, dass er den Berufswunsch Bestatter schon seit der fünften Klasse hat. Damals war der Pastor der Gemeinde gestorben und zur Abschiednahme öffentlich aufgebahrt. Das hat ihn so sehr fasziniert, dass er seitdem Bestatter werden wollte. Seine Familie habe das anfangs nur belächelt. Nach der Schule begann er zunächst ein Studium, bemerkte dann aber schnell, dass ihm das überhaupt nicht gefiel und machte schließlich eine Ausbildung zum Bestatter. Zunächst arbeitete er  in einem Bestattungsinstitut in Oldenburg, bis er sich vor einem Jahr selbständig machte.

Aber gibt es denn nicht im wahrsten Wortsinne Berührungsängste, wenn man einen Toten anfassen muss?

Doch natürlich, gibt er zu, hat man ein gewisses Unwohlsein, bevor man seinen ersten Verstorbenen anfasst. Ein toter Körper fühlt sich ja auch ganz kalt, steif und unnatürlich an, erklärt er, aber man hat sich irgendwann daran gewöhnt und man trägt aus hygienischen Gründen sowieso immer Handschuhe. Außerdem will man sich in dem Moment auch nicht anstellen, denn das Wichtigste in diesem Beruf sei es, die Würde der Verstorbenen zu bewahren.

Dann erzählte der Bestattungsunternehmer noch über besonders schwere Fälle: Bahnleichen und Selbstmorde. Die seien besonders emotional für einen Bestatter und auch für die Angehörigen. Einige seiner Kollegen hätten aufgrund solcher Fälle auch schon ihren Beruf aufgegeben.

Aber laufen Bestatter denn den ganzen Tag mit einer ernsten Miene und einem traurigen Gesicht durch die Gegend? „Nein, bei der Arbeit wird auch manchmal gelacht oder mit einem Kollegen gescherzt. Aber niemals werden Witze über den Verstorbenen gemacht, das wäre pietätlos“, so Sadelfeld.

Aber nicht nur der Umgang mit den Toten ist schwierig, auch die richtige Umgangsweise mit den Angehörigen und ihrer Trauer muss gelernt sein. Denn zu den fünf Phasen der Trauer gehört unter anderem auch Wut und die wird dann auch manchmal an dem Bestatter ausgelassen. „Man darf das einfach nicht persönlich nehmen“, sagt Sadelfeld.

Generell nimmt er seine Arbeit nicht mit nach Hause. In seiner Freizeit denke er nicht über seine Arbeit nach. Trotzdem muss jemand, der jeden Tag mit dem Tod konfrontiert wird, doch wissen, wie das mit dem Sterben ist. Deshalb unsere Frage an den Todes-Fachmann: „Glauben sie an ein Leben nach dem Tod?“ „Ja ich glaube, dass da etwas ist, ich hoffe es. Aber wissen kann es auch ein Bestatter nicht.“ Hat man als Bestatter denn weniger Angst vor dem Tod? „Ich habe keine Angst vor dem Tod, aber vor dem Sterben.“

Der Bestatter wünscht sich, wenn es irgendwann soweit ist, einen schnellen Tod ohne Schmerzen, einfach einschlafen. Angst habe er davor eine tödliche Krankheit zu bekommen und jahrelang zu leiden.

Die Bestattungskultur befindet sich in einem Wandel. Laut des Bundesverbandes der Bestatter liegt der Anteil der Feuerbestattungen inzwischen bei über 50 Prozent.  Doch für Bestatter Sadelfeld kommt dies für seine eigene Beerdigung nicht in Frage. „Die Vorstellung, verbrannt zu werden, gefällt mir nicht. Deswegen wünsche ich mir für meine eigene Beerdigung eine ganz klassische Erdbestattung“, erzählt Sadelfeld.

Viele Menschen entscheiden sich für eine Feuerbestattung, weil sie denken, dass sie ihren geliebten Verstorbenen dann zu Hause in der Urne auf den Kaminsims stellen können. Das ist in Deutschland jedoch verboten, wenn es auch, wie seit 2015 in Bremen, inzwischen erlaubt ist, die Asche von Verstorbenen auf Privatgrundstücken zu verstreuen.
In Deutschland gibt es bereits seit der preußischen Zeit den sogenannten Friedhofszwang. „Jeder Mensch muss aus hygienischen Gründen auf einem Friedhof bestattet werden“, erläutert Sadelfeld. Aber auch aus einem anderen Grund würde der Bestatter Sadelfeld niemandem raten, eine Urne zu Hause aufzubewahren. Dazu stelle man sich vor, die Oma sei gestorben und eingeäschert und steht nun bei ihren Kindern zu Hause im Wohnzimmer. Nach Jahren sterben auch diese und danach die Enkelkinder, bis nach drei oder vier Generationen niemand mehr die Frau kannte, die da in der Urne steht. Sie landet dann vielleicht im Keller zwischen den eingemachten Gurken oder im schlimmsten Fall im Müll. Will man das für seine Geliebten?

Natürlich kann man die Asche verstreuen, auf hoher See, oder nach neuen Methoden  ins Weltall schießen. Für viele ist es eine tröstende Vorstellung, dass der Verstorbene jetzt praktisch überall ist, aber die meisten Menschen brauchen einen Platz zum Trauern. Einen Ort an den sie ungestört gehen können, wo sie weinen können, vielleicht sogar sprechen können und wo sie sich an den Verstorbene erinnern können.

Der Bestatter rät auch dazu, noch einmal bewusst von dem Toten Abschied zu nehmen. Ihm vielleicht noch mal die Hand zu halten. Dies ist natürlich gerade bei Todesfällen, die aus Unfällen resultieren, nicht immer einfach. Es gibt jedoch Spezialisten, sogenannte Thanatopraktiker,  deren Beruf es ist, auch schwerstverletzte Tote so herzurichten, dass sie wie schlafend aussehen, damit die Angehörigen ihn noch einmal sehen können. Denn das hilft, die Trauer zu verarbeiten.

Wir wissen zwar auch nach unserem Besuch beim Bestatter noch nicht, was uns nach dem Tod erwartet. Aber jetzt wissen wir zumindest, wer uns unmittelbar danach erwartet. Und auch das ist schon ein beruhigendes Gefühl.

Wir sagen Danke für ein sehr ehrliches und tiefgründiges Gespräch!

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