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Der 8. Mai – Von der Niederlage zur Befreiung

In der Wahrnehmung vieler Deutscher ist der 8. Mai ein ganz normaler Tag. Doch vor genau 71 Jahren endete an diesem Tag der zweite Weltkrieg in Europa und mit ihm die Gewaltherrschaft der Nationalsozialisten.
Das ist der Grund, warum man diesen Tag als „Tag der Befreiung“ bezeichnet. Doch nicht alle empfanden den Sieg der Alliierten als Befreiung.

„Tag der Kapitulation“, „Die Stunde Null“, „Tag des Neuanfangs“, „Tag der Befreiung“ – die Bezeichnungen für den 8.Mai sind vielfältig und haben sich im Laufe der vergangenen 70 Jahre verändert. Lange Zeit taten sich viele Deutsche schwer damit, den 8. Mai als Befreiung zu empfinden. Gründe gab es dafür viele: Zerstörung und Hunger wohin das Auge blickte, Ostpreußen und Schlesier wurden aus ihrer Heimat vertrieben, viele Männer kamen in Gefangenschaft und kehrten nicht mehr zurück, Frauen wurden von alliierten Soldaten vergewaltigt, Deutschland wurde geteilt und der Kalte Krieg begann.

Der Begriff der Befreiung war noch Jahrzehnte später umstritten. Bundeskanzler Ludwig Erhardt sagte anlässlich des 20. Jahrestages, der 8. Mai sei ein Tag gewesen „so grau und trostlos wie so viele vor oder auch noch nach ihm“. Und auch Bundeskanzler Willy Brandt sagte 5 Jahre später vor dem Bundestag: „Was vor 25 Jahren von unzähligen Deutschen neben der persönlichen als nationale Not empfunden wurde, war für andere Völker die Befreiung von Fremdherrschaft, von Terror und Angst.“ Erst die Rede des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Kriegsendes sorgte endgültig für ein Umdenken in den Köpfen der Deutschen, dass dieser Tag unsere Befreiung war.

Um die Gefühle der Menschen und die Umstände, die damals herrschten, besser zu verstehen, hilft es vielleicht, sich diese Rede einmal genauer anzuschauen:

„Der 8. Mai ist für uns vor allem ein Tag der Erinnerung an das, was Menschen erleiden mussten…

53 Millionen Kriegstote auf der ganzen Welt.
Schmerz, Trauer, Zerstörung und Tod.

Er ist zugleich ein Tag des Nachdenkens über den Gang unserer Geschichte…

Wie konnten Menschen zu solch schrecklichen Dingen wie sie in Auschwitz und anderen Konzentrationslagern geschahen, fähig sein? Wie konnte jemand wie Adolf Hitler an die Macht kommen? Und wieso folgten so viele Deutsche ihm blindlings in den Untergang?
Das alles ist ein Teil der Geschichte unseres Volkes auf den wir nicht stolz sein können. Umso wichtiger ist es, darüber nachzudenken und es nicht einfach zu verdrängen.

Je ehrlicher wir ihn begehen, desto freier sind wir, uns seinen Folgen verantwortlich zu stellen…

Auch wenn unsere Generation für die Geschehnisse des Zweiten Weltkriegs keine Verantwortung trägt, so sind wir doch für das verantwortlich, was in der Zukunft passieren wird. Deshalb ist es wichtig, aus den Fehlern der Vergangenheit zu lernen und sie nicht zu ignorieren. Nie wieder darf sich das Geschehene wiederholen.

Der 8. Mai ist für uns Deutsche kein Tag zum Feiern. Die Menschen, die ihn bewusst erlebt haben, denken an ganz persönliche und damit ganz unterschiedliche Erfahrungen zurück. Der eine kehrte heim, […]

Nach langer Zeit, endlich von der Front zurück nach Hause.

der andere wurde heimatlos.

Sein Haus in Trümmern, oder aus seinem Heimatland vertrieben.

Dieser wurde befreit,

von der Gewaltherrschaft des Nationalsozialismus

für jenen begann die Gefangenschaft.

Kriegsgefangenschaft oder gefangen unter der sowjetischen Diktatur im eigenen Land.

Der Text der Kapitulationsurkunde vom 8. Mai 1945

KAPITULATIONSERKLAERUNG

1. Wir, die hier Unterzeichneten, handelnd in Vollmacht für und im Namen des Oberkommandos der Deutschen Wehrmacht, erklaeren hiermit die bedingungslose Kapitulation aller am gegenwaertigen Zeitpunkt unter deutschem Befehl stehenden oder von Deutschland beherrschten Streitkraefte auf dem Lande, auf der See und in der Luft gleichzeitig gegenueber dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditions-Streitkraefte und dem Oberkommando der Roten Armee.

2. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzueglich allen Behoerden der deutschen Land-, See- und Luftstreitkraefte und allen von Deutschland beherrschten Streitkraeften den Befehl geben, die Kampfhandlungen um 23:01 Uhr Mitteleuropaeischer Zeit am 8. Mai einzustellen und in den Stellungen zu verbleiben, die sie an diesem Zeitpunkt innehaben und sich vollstaendig zu entwaffnen, indem sie Waffen und Geraete an die oertlichen Alliierten Befehlshaber beziehungsweise an die von den Alliierten Vertretern zu bestimmenden Offiziere abliefern. Kein Schiff, Boot oder Flugzeug irgendeiner Art darf versenkt werden, noch duerfen Schiffsruempfe, maschinelle Einrichtungen, Ausruestungsgegenstaende, Maschinen irgendwelcher Art, Waffen, Apparaturen, technische Gegenstaende, die Kriegszwecken im Allgemeinen dienlich sein koennen, beschaedigt werden.

3. Das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht wird unverzueglich den zustaendigen Befehlshabern alle von dem Obersten Befehlshaber der Alliierten Expeditions Streitkraefte und Oberkommando der Roten Armee erlassenen zusaetzlichen Befehle weitergeben und deren Durchfuehrung sicherstellen.

4. Diese Kapitulationserklaerung ist ohne Praejudiz fuer irgendwelche an ihre Stelle tretenden allgemeinen Kapitulationsbestimmungen, die durch die Vereinten Nationen und in deren Namen Deutschland und der Deutschen Wehrmacht auferlegt werden moegen.

5. Falls das Oberkommando der Deutschen Wehrmacht oder irgendwelche ihm unterstehenden oder von ihm beherrschte Streitkraefte es versaeumen sollten, sich gemaess den Bestimmungen dieser Kapitulations-Erklaerung zu verhalten, werden das Oberkommando der Roten Armee und der Oberste Befehlshaber der Alliierten Expeditions Streitkraefte alle diejenigen Straf- und anderen Massnahmen ergreifen, die sie als zweckmaessig erachten.

6. Diese Erklaerung ist in englischer, russischer und deutscher Sprache abgefasst. Allein massgebend sind die englische und die russische Fassung.

Unterzeichnet zu Berlin am 8. Mai 1945

gez. v. Friedeburg    gez. Keitel    gez. Stumpff

für das Oberkommando der deutschen Wehrmacht

Viele waren einfach nur dafür dankbar, dass Bombennächte und Angst vorüber und sie mit dem Leben davongekommen waren.

Keine Angst mehr haben zu müssen vor Todesnachrichten von der Front, vor Bombenangriffen, die alles was man hat zerstören könnten. Keine Angst mehr vor dem Tod eines geliebten Freundes oder Verwandten, keine Angst mehr vor dem eigenen Tod. Große Erleichterung, das empfanden die meisten – verständlich.

Eine große Menge der Deutschen verdrängte was geschehen war. Sie wollten nicht mehr an den Krieg denken. In der unmittelbaren Nachkriegszeit bis 1948 ging es zunächst einmal um das bloße Überleben. Dann richtete sich die Aufmerksamkeit darauf, die Wirtschaft wieder aufzubauen und sich eine neue Existenz aufzubauen. Die Zeit des „Wirtschaftswunders“ stand bevor. Man baute sich ein kleines Häuschen, fuhr mit dem Käfer in den Urlaub nach Italien und wollte die Schrecken des Krieges ein für alle Mal hinter sich lassen. Verdrängen statt erinnern war das Motto dieser Zeit.

Andere empfanden Schmerz über die vollständige Niederlage des eigenen Vaterlandes. Verbittert standen Deutsche vor zerrissenen Illusionen,…

Millionen Flüchtlinge, Ausgebombte und Waisen blickten einer unsicheren Zukunft entgegen. Und sicherlich gab es auch diejenigen, die vollkommen verblendet an die nationalsozialistische Idee geglaubt und bis zuletzt auf einen Endsieg gehofft hatten. Sie mussten erkennen, welchem mörderischen und zerstörerischen Wahn sie jahrelang gefolgt waren. Es begann die Zeit der Vertreibung der Deutschen in Ostpreußen und Schlesien. Die Zeit der Besatzung Deutschlands durch die Siegermächte. Die Zeit der Teilung Deutschlands.

Den Siegermächten war bewusst, dass die Welt nicht mehr so war wie früher. Sie teilte sich in zwei Lager. Die Angriffe auf Hiroshima und Nagasaki hatten deutlich gemacht, wieviel zerstörerische Macht die Atombomben besaßen und die Welt befand sich kurz nach dem zweiten Weltkrieg schon wieder im Kalten Krieg. Die Blöcke, die kaum unterschiedlicher hätten sein können, standen sich in Berlin gegenüber.  Die Siegermächte wussten: Einen dritten Weltkrieg würde die Menschheit wahrscheinlich nicht überleben. Diese Angst vor der totalen Vernichtung sollte die Menschen jahrzehntelang gefangen halten und endete erst mit dem Fall der Berliner Mauer.

Auch das alles ist heute schon wieder Vergangenheit, doch für die Menschen damals ein Grund zu glauben, dass das Ende des zweiten Weltkrieges nicht nur positive Seiten hatte.

Jeder dachte anders über das Kriegsende, je nachdem in welcher Lage er sich befand. Denn…

…dankbar waren andere Deutsche für den geschenkten neuen Anfang…

die neue demokratische Verfassung bot die Grundlage für ein neues, sichereres und glücklicheres Leben. Zumindest galt dies für West-Deutschland. Im Osten Deutschlands litten die Menschen fortan unter der sozialistischen Diktatur.

Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015)

Bundespräsident Richard von Weizsäcker (1920-2015)

Der 8. Mai war ein Tag der Befreiung. Er hat uns alle befreit von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft. Niemand wird um dieser Befreiung willen vergessen, welche schweren Leiden für viele Menschen mit dem 8. Mai erst begannen und danach folgten. Aber wir dürfen nicht im Ende des Krieges die Ursache für Flucht, Vertreibung und Unfreiheit sehen. Sie liegt vielmehr in seinem Anfang und im Beginn jener Gewaltherrschaft, die zum Krieg führte.
Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen.

Von Weizsäcker betonte mit diesen Sätzen sehr deutlich, dass die Verbrechen der Nationalsozialisten neben dem Neuanfang das Gedenken bestimmen müssen. Denn ohne den Beginn des Krieges, der von deutschem Boden begonnen wurde, hätte es auch kein Ende gegeben.

Wir haben wahrlich keinen Grund, uns am heutigen Tag an Siegesfesten zu beteiligen…

Auch in diesem Jahr gibt es Siegesfeiern in ganz Europa, wie z.B. in Frankreich, den Niederlanden, Tschechien oder der Slowakei stattfinden. Auch in den ehemaligen Ländern der Sowjetunion gibt es große Siegesfeiern anlässlich des Endes des 2.Weltkrieges. Diese finden allerdings erst am 9.Mai statt, da die Kapitulation nach sowjetischer Zeitrechnung erst einen Tag später unterzeichnet wurde.

Richard von Weizsäcker beendet seine Rede mit einem Appell an die Jugend. Dieser Appell hat auch 30 Jahre nach seiner Rede und 71 Jahre nach dem Ende des Krieges nichts an Aktualität und Bedeutung verloren:

Die Bitte an die jungen Menschen lautet: Lassen Sie sich nicht hineintreiben in Feindschaft und Hass gegen andere Menschen, gegen Russen oder Amerikaner, gegen Juden oder Türken, gegen Alternative oder Konservative, gegen Schwarz oder Weiß. Lernen Sie, miteinander zu leben, nicht gegeneinander.

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