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Digitales Lernen – das Ende der Kreidezeit?

Morgen haben wir Englisch, also wuchte ich „Das große Oxford Wörterbuch“ in meinen Rucksack. 1400 Seiten stark, 1,7 Kilogramm schwer. Dazu noch vier andere Schulbücher, alle voll mit geballtem Schulwissen. In meiner Hosentasche habe ich ein Smartphone, 140g schwer und dank Wikipedia das gesammelte Weltwissen immer dabei. Doch das muss in der Schule leider draußen bleiben.

Unser Mathelehrer hat gerade fein säuberlich eine Sinusfunktion an die Tafel gezeichnet und blickt mit einem gewissen Stolz auf sein Werk, während wir konzentriert die Funktion in unser Heft abzeichnen. Er klopft sich den Kreidestaub vom Ärmel seines Sakkos und setzt sich ans Pult. Vor ihm steht der „Kleine Brockhaus“ in drei Bänden, mit einer Schicht von Staub bedeckt. „Für den Fall, dass man mal schnell was nachschlagen muss“, meinte unser Klassenlehrer. Das hat bis jetzt aber noch nie jemand getan und es wird auch wohl nie geschehen, denn in diesem Lexikon ist die Welt erstarrt im Jahr 2009, verstaubtes Wissen. Wir befinden uns im 21. Jahrhundert, im digitalen Zeitalter, doch unsere Schule steckt immer noch in der Kreidezeit und es gibt wenig Anzeichen, dass sich das zeitnah ändern könnte. Die Vorboten der Digitalisierung fristen in unserer Schule ein tristes Dasein. Im Naturwissenschaftsraum hängt ein Smartboard, das jedoch seit Monaten nicht genutzt wird. Der Beamer beginnt nach 5 Minuten zu flackern und der Lüfter gibt ein ohrenbetäubendes Geräusch von sich. Also wurde ein Whiteboard davor geschoben. „Das nutze ich sowieso viel lieber“, die Meinung unseres Biolehrers. Nicht viel besser sieht es im Computerraum aus: Bei vielen Tastaturen fehlen Tasten, bei einigen Schülern leuchtet der Bildschirm pink und wieder andere warten eine Viertelstunde, bis Windows alle Updates installiert hat. Wer es dann doch mal geschafft hat, die gestellten Aufgaben zu bearbeiten, muss fest die Daumen drücken, ob der Drucker nun auch seine Ergebnisse ausdrücken möchte. Wenn die Digitalisierung an unserer Schule bislang irgendwas erreicht hat, dann ist dies Frust bei allen Beteiligten.

Der Einsatz von Tablets im Unterricht ist in Deutschland immer noch die Ausnahme. (Quelle: pixabay.com CC0 Public Domain)

Und da kann es auch wenig trösten, dass unsere Schule mit diesem Problem kein Einzelfall ist. Die internationale Vergleichsstudie ICILS brachte 2014 das Ergebnis, dass Deutschland in der IT-Ausstattung seiner Schulen stagniere. Im Durchschnitt teilen sich 11,5 Schüler einen Computer. Derselbe Wert, der bereits bei einer Erhebung im Jahr 2006 festgestellt worden war. Dass es auch anders geht, zeigt Norwegen: Hier kommen 2,4 Schüler auf einen Computer. Ähnlich dürftig sehen die Ergebnisse beim Einsatz von Tablets aus: 6,5 Prozent der deutschen Schulen verwenden Tablets im Unterricht, der EU-Schnitt beträgt 15,9 Prozent, in Australien sind es sogar zwei Drittel der Schulen. In keinem anderen Land setzen Lehrer so selten Computer im Unterricht ein wie in der Bundesrepublik. Doch warum unterstützen unsere Lehrer nicht stärker die digitale Entwicklung? Wäre es nicht eine Bereicherung für Schüler und Lehrer?

Das Smartphone im Unterricht nutzen – an vielen Schulen nicht erlaubt. (Quelle: pixabay.com CC0 Public Domain)

Das Schulbuch ist für Lehrer sicheres Terrain. Sie kennen die Texte und Abbildungen in- und auswendig, haben für die Aufgaben ein Lösungsheft und können sich zudem sicher sein, dass sie damit die Vorgaben des Lehrplans erfüllen. Vom Buch droht keine Gefahr sich zu blamieren, ganz im Gegensatz zum DVD Player, den man mal wieder nicht ans Laufen kriegt. Außerdem hat der Lehrer mit dem Buch ein Monopol auf Wissen. Kein Schüler wird bestreiten können, dass Schiller „Die Räuber“ 1781 geschrieben hat. Er muss es dem Lehrer wohl glauben. Wären alle Schüler online, wäre der Lehrer nicht mehr allwissend. Doch Wissen ist Macht, besonders im Klassenzimmer. Rudolf Kammerl, Dozent in der Lehrerausbildung in Hamburg, formuliert die provokante These: „Wer gern ins Internet geht, wird nicht unbedingt Lehrer.“ Und so bleibt auch wohl weiterhin der Overheadprojektor das Lieblingsmedium vieler Lehrer.

Aber nicht nur Lehrer, auch viele Eltern stehen auf der digitalen Bremse. Meine Mutter berichtete von einem Elternabend, auf dem über die Einführung einer Tabletklasse diskutiert wurde. Nicht wenige Eltern protestierten gegen diese Idee, schließlich würden ihre Kinder doch schon den ganzen Nachmittag vor dem Bildschirm hängen. Und dann die ganzen Gefahren des Internets: Sex- und Gewaltvideos, Mobbing in sozialen Netzwerken, Datenklau und illegale Raubkopien. Also wenn man schon ins Internet ginge, dann bitte nur auf Seiten, die auch wirklich sicher und pädagogisch sinnvoll seien. Den Rest müsse man dann sperren, so die Meinung der Elternschaft. Doch gerade mit dieser Einstellung verhindern Eltern, dass ihre Kinder eine wichtige Kompetenz erlernen: Sich in der unendlichen Fülle von Informationen zu Recht zu finden, mit Daten verantwortungsvoll umzugehen, das Wichtige vom Unwichtigen und das Richtige vom Falschen zu unterscheiden. Gerade in einem postfaktischen Zeitalter wird dies immer bedeutsamer.

Viele Jugendliche nutzen tägliche mehrere Stunden ihr Smartphone oder ihren Computer – die Schulen nutzen dies jedoch kaum. (Quelle: pixabay.com CC0 Public Domain)

Dabei wäre es doch im wahrsten Wortsinne spielend leicht, die Fähigkeiten von Kindern zu fördern, z.B. mit Hilfe von Computerspielen. In vielen Spielen ist der Spieler in komplexe Denk- und Problemlösungsprozesse eingebunden. Moderne Computerspiele bieten dem Spieler eine große Fülle von Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten. Man muss sich also stark konzentrieren, Zusammenhänge erkennen, vorrausschauend denken und planen. In Simulationen wie „Civilization“ können Schüler zum Beispiel ihr Geschichtsverständnis ausbauen. In diesem Spiel geht es um den Aufbau einer Zivilisation, die in Konkurrenz zu anderen Zivilisationen steht. Verschiedene Faktoren spielen dabei eine Rolle: Eine solide Wirtschaft, die Weiterentwicklung von Technik, der verantwortungsvolle Umgang mit Ressourcen und in seiner neuesten Variante auch die Verbreitung von Religionen. Dies alles sind Dinge, die auch den realen Gang der Menschheitsgeschichte stark beeinflusst haben. Computerspiele gehören seit Jahrzehnten zur Lebenswirklichkeit von Kindern und Jugendlichen. Doch die Schule hat sich bis heute nicht für Computerspiele geöffnet, sie werden von vielen Lehrern nach wie vor negativ bewertet. Dabei sind Computersimulationen in vielen Berufsausbildungen schon heute Gang und Gäbe, z.b. in der Medizin, der Luftfahrt oder auch beim Militär.

Die Zukunft der Bildung – virtuelle Lehrer begleiten uns durch unser ganzes Leben.
(Quelle: pixabay.com CC0 Public Domain)

Doch wo wird die digitale Bildungsreise hingehen, wie werden Schüler im Jahr 2037 lernen? Das individualisierte Lernen wird den heute noch üblichen Bildungseinheitsbrei ablösen. Jeder Schüler bekommt seinen eigenen virtuellen Lehrer. Dieser kann anhand einer Fülle von Daten genau erkennen, in welcher Lernstimmung der Schüler sich gerade befindet. „Ich sehe an deinem Blutdruck und deiner Hauttemperatur, dass du gerade sehr aufnahmefähig bist. Hast du Lust auf etwas Mathe?“ Und schon startet ein Videotutorial, an dessen Ende der Schüler mit ein paar Testaufgaben überprüfen kann, ob er die Inhalte verstanden hat. Hat er das nicht, bekommt er in einem weiteren Video noch vertiefende Erläuterungen. Und wenn dem Jugendlichen mal gerade eher der Sinn nach einer Gruppenarbeit steht, so sind wir sofort per Videochat mit anderen Schülern auf der ganzen Welt verbunden und tüfteln gemeinsam an einer Aufgabe. „Peter aus London und Julia aus Amsterdam haben auch gerade Interesse an einer Gruppenarbeit. Darf ich euch verbinden?“ Vorbei die Zeit, in der man seinem Lehrer vorgaukeln muss, sich für den Unterrichtsinhalt zu interessieren. Jeder lernt in seinem eigenen Tempo, nach seinen eigenen Fähigkeiten und Interessen. Der virtuelle Lehrer wird uns durchs Leben begleiten. Er weiß, wann, wo und wie wir am besten lernen, er kennt unsere Interessen und Vorlieben und weiß, wie er uns zum Lernen motivieren kann. „Lena merkt sich am besten Vokabeln, wenn sie beim Spazierengehen lernt. Kiran zeigt die meisten Fortschritte, wenn im Hintergrund Musik läuft.“ Kein Lehrer auf der Welt, und sei er noch so kompetent und motiviert, wird Schüler so individuell fördern können wie der Computer. Trotzdem macht der Computer den menschlichen Lehrer nicht überflüssig. Dieser wird zum Lernbegleiter, der die Fortschritte mit den Schülern bespricht und die emotionale Entwicklung der Schüler fördert. Auch Noten wird es nicht mehr geben. Man sammelt Points. Mit diesen Points kann man sich auf verschiedenen Bildungslevel hocharbeiten und zwar sein Leben lang.
Diese Technik für die Bildung der Zukunft ist nicht unumstritten, denn auch hier stellt sich die Frage, was mit den angesammelten Daten passieren wird und wie stark wir uns von Computern steuern lassen. Doch diese Technik ist keine Zukunftsmusik, sie ist bereits im Einsatz. Auf Amazon, Spotify und Facebook berechnen komplexe Algorithmen, welche Interessen wir haben und sammeln Daten, um uns maßgeschneiderte Produkte vorzuschlagen und Werbeanzeigen einzublenden. Ich google nach „Taucherbrillen“ und bekomme bereits fünf Minuten später ein Pauschalangebot für einen Tauchurlaub präsentiert. Diese Technik könnte auch im Bildungsbereich eingesetzt werden. Ich schaue mir den Film „Jurassic Park“ an und mein virtueller Lehrer zeigt mir einen Artikel über das Aussterben der Dinosaurier vor 65 Millionen Jahren, dem Ende der Kreidezeit. Es wird Zeit, dass diese nun auch in der Schule endet.

1 Kommentar

  1. Wenn es den SPIEGEL-Schülerzeitungswettbewerb noch gäbe, wäre dieser Artikel nominiert in der Sonder-Rubrik „Moderne Bildung – Pädagogik und Didaktik im Wandel des digitalen Zeitalters“. Du würdest noch Hamburg eingeladen und auf der Preisverleihung übergäbe dir Klaus Brinkbäumer den ersten Platz für deine hervorragende journalistische Leistung. Er würde aus dem Gutachten der hochkarätigen Jury vorlesen: „Mit dem Artikel ‚Digitales Lernen – das Ende der Kreidezeit?‘ beweist die Autorin neben sprachlicher Finesse auch fundiertes Wissen zum Stand der Digitalisierung der Schulausbildung in der Bundesrepublik. Die Verfasserin bereitet das Thema altersgerecht auf, indem sie mittels plastischer Erfahrungsbeispiele die Retardierung Deutschlands bezüglich multimedial gestützter Bildung offenlegt. Der Text zeugt von hoher methodischer Kompetenz.“

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