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In der Zeit verloren

Jetzt liest du, dass du liest. Nachdem du diesen Satz gelesen hast, ist das „jetzt“ nicht mehr aktuell. Warum? Was ist Zeit?

Im Jahre 1931 zauberte der surrealistische Künstler Salvador Dalí mit Ölfarben ein Bild auf eine DIN A4-große Leinwand. Er nannte es „La persistencia de la memoria“, Die Beständigkeit der Erinnerung. Vielen ist der Titel „Die zerrinnende Zeit“ geläufiger. Dieses Ölbild zeigt vier zerfließende Taschenuhren vor den schroffen Felsen des Cap de Creus am Strand einer Mittelmeerbucht. Die Uhr, die dem Betrachter am nächsten ist, wird von Ameisen zerfressen. Diese Symbolik steht für die Vergänglichkeit. Während die Erinnerung bleibt, vergeht die Zeit, indem sie Gegenwarten zu Vergangenheiten macht. Denn alles ist vergänglich und verfällt. Vorher unterliegt es ständigen Veränderungen. So formt das Meer die katalanische Bucht. Millionen Jahre wird der Künstler schon gebraucht haben, um sein Glanzstück in diese Form zu bringen. Viele weitere Jahre wird er noch an seinem Werk arbeiten. Wie lange er das schon oder noch tut, ist irrelevant. Doch dass ich mir diese Frage überhaupt stelle, gründet darauf, dass etwas vorhanden ist, das sich wandelt. Gäbe es nichts, was sich auf der Reise mit der Gegenwart verändere, warum sollte ich mich dann fragen, ob Zeit existiert? Eigentlich wird es uns doch in die Wiege gelegt, die Zeit als selbstverständlich anzusehen. Die meisten von uns würden nie auf die Idee kommen, ihre Existenz auch nur anzuzweifeln. Von klein auf sind uns Tage, Monate und Jahre vorgegeben. Wir lernen, die „Uhr zu lesen“ und Jahreszeiten Monate zuzuordnen. Dabei vergessen wir völlig, dass diese Parameter der reinen Zweckmäßigkeit entspringen, die der Mensch einführte, um zu wissen, wann er pflügen, sähen und wann er ernten sollte. Zweifelsohne finden sich in der Natur periodische Vorgänge. Nichtsdestoweniger wird jeder von uns das Gefühl verfliegender Stunden und dahineilender Minuten kennen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines Verstandes zu bedienen! Zeit ist nichts Selbstverständliches.

„La persistencia de la memoria“, Salvador Dali, Öl auf Leinwand, 24,1 cm × 33 cm

Wenden wir uns mit dieser Eingebung wieder Dalís Bild zu, erkennen wir in der Mitte ein elfenbeinfarbenes Etwas, auf dem eine Uhr zerfließt. Es soll sein eigenes Gesicht darstellen. Die zerfließende Zeit könnte man dann für seine „eigene Uhr“ halten, wie sie ein jeder hat. Denn zwei Stunden sind nicht automatisch zwei Stunden. Nicht für jeden „dauern“ sie gleichlange. Wenn man genau hinsieht, stellt man auch fest, dass die abgebildeten Uhren unterschiedliche Uhrzeiten anzeigen. Normalerweise laufen Uhren gleichschnell. Die Zeiger zeigen die „richtige“ Uhrzeit an, die wir ihnen vorgeben. Doch sie messen ebenso ihre eigene Uhrzeit, wie auch wir aus Masse bestehende Menschen es tun. Wie will man Zeit überhaupt messen, wo sie doch gar nicht zu generalisieren ist? Viele Faktoren beeinflussen die „persönliche Zeit-Zeit.“ Wie schnell die eigene Uhr dann tickt, hängt zunächst einmal von der Gravitation und Geschwindigkeit ab, mit der man sich bewegt. Wenn ein Zwilling beispielsweise eine Reise mit Lichtgeschwindigkeit (ca. 300000 Kilometer pro Sekunde) unternimmt, verändert sich an seinem Zeitempfinden nichts. Im Flugobjekt braucht er noch genauso lange, um seine Zähne zu putzen, wie auf der Erde, meint er. Würde sein Zwillingsbruder die Ereignisse im Flugobjekt von der Erde aus betrachten, käme es ihm hingegen so vor, als würde der Reisende die Zahnbürste in Zeitlupe kreisen lassen. Dieses Phänomen bezeichnet man als „das Zwillingsparadoxon“. Denn als der Verreiste zurückkehrt, ist sein auf der Erde verbliebener Zwillingsbruder einige Jahre älter als er. Dabei unterscheidet sich das eigentlich gemessene Alter der Zwillinge gar nicht voneinander. Beide haben 35 Jahre und 75 Tage ihres Lebens hinter sich, jedoch ist der verreiste Zwilling dank der Beschleunigungsvorgänge langsamer „gealtert“. Er hat beispielsweise ein paar Fältchen weniger um die Augen. Das ist darauf zurückzuführen, dass derjenige, der nicht gereist ist, nichts von der Bewegungsumkehr mitbekommen hat. An der Zeit, wie sie als physikalische Größe gemessen wird, hat sich nichts verändert.

Das Zwillingsparadoxon (Quelle: leifiphysik.de)

Die biologische Uhr hingegen, die persönliche Zeit-Zeit, tickt in diesem Fall bei Lichtgeschwindigkeit langsamer. Allerdings kann der Reisende sich abgesehen von seiner verlangsamten Alterung über keinen Zeitvorteil freuen, weil er während seiner Reise nicht hätte mehr schaffen können als sein Bruder in der Zeit geschafft hat, um die der verreiste Zwilling biologisch gealtert ist. Ein Mensch kann sein Leben also nicht verlängern. Allerdings beweist das Zwillingsparadoxon, dass Zeit nicht gleich Zeit ist.

Ticken die Uhren in der „zerrinnenden Zeit“ unterschiedlich schnell? Dieser Tatbestand wäre interessant, zumal das Bild eigentlich surreal ist. Dabei entsprächen „verschiedene Zeiten“ sogar der Realität. Während alle Lebewesen demselben Überlebenstrieb ausgesetzt sind – alle wollen essen, schlafen und den Fortbestand ihrer Art sichern – haben sie verschiedene Lebenserwartungen.

Die Lebenserwartung bei Tieren hängt stark von der Körpergröße ab. (Quelle: members.aon.at)

Bei einem weiteren Blick auf das Ölgemälde fällt eine Fliege ins Auge, die auf einer der Taschenuhren sitzt. Was wenn eine Eintagsfliege, das Lebewesen mit der kürzesten Lebenserwartung, ihr Leben gar nicht als wesentlich kürzer empfindet als ein Mensch? Während eine Fliege so schnell mit ihren Flügeln schlägt, dass es außerhalb der Grenzen unserer Wahrnehmung liegt, würde die Fliege ein einziges ausgesprochenes Wort wahrscheinlich für eine ganze Ansprache halten. Wen wundert in dieser Vorstellung noch das enorme Reaktionsvermögen dieser Tiere? Grundsätzlich gilt: Je größer ein Lebewesen, desto langsamer die Herzfrequenz und desto länger seine Lebenserwartung. Ein Elefant wird älter als ein Tiger. Dieser wiederum genießt ein längeres Leben als ein Kaninchen. Dabei schlägt das Herz des Kaninchens aufgrund seines kleineren Volumens viel häufiger als das große eines Elefanten. Mutter Natur lässt „die Geschwindigkeit der Zeit“ von der Köpergröße des Betrachters abhängig sein. So wie wir einen Ameisenhaufen als Gewusel bezeichnen, würde auch ein Riese über das städtische Treiben in Berlin oder Hamburg sprechen.

Doch ist auch das Zeitempfinden nicht für jedes Wesen EINER ART in jeder Situation gleich. Sitze ich im Wartezimmer einer Arztpraxis, scheint die Zeit sich für mich buchstäblich in die Länge zu ziehen, so wie die Uhren auf dem Ölgemälde zu zerfließen scheinen. Führt meine Freundin zur selben Zeit  eine angeregte Unterhaltung oder geht einer anderen Beschäftigung nach, die ihr Spaß macht, muss sie bei einem Blick auf die Uhr erstaunt feststellen, wie schnell die Zeit verflogen „ist“.

Wir leben im Jetzt, das im nächsten Moment schon Platz machen muss für das nächste Jetzt. Stetig. Wie lange dauert ein Jetzt überhaupt an? Einen Augenblick. Und dann, leben wir nach dem einen Augenblick im Danach, in der Zukunft? Nein. Eine Gegenwart muss existieren. Oder nicht? Kaum ist sie da, ist sie schon Vergangenheit geworden. Die Zukunft von gerade ist dann die Gegenwart von jetzt. In Zukunft wird die Gegenwart dann Vergangenheit geworden sein. Möglicherweise ist die Gegenwart ein Punkt, der sich auf einem Zeitstrahl gen Zukunft bewegt. Aber wie schnell bewegt sich dieser Punkt? Müsste der Abschnitt „Vergangenheit“ dann nicht immer länger werden, der Abschnitt „Zukunft“ immer kürzer? Oder ist der Strahl unendlich lang? Wann beginnt die Zeit, wann endet sie? Ist sie immer da? Was ist Ewigkeit? Und ist die Zeit übergaupt da? Wo? Mein Kopf qualmt. Wie soll man das greifen? Wie BEgreifen? Die Zeit zerrinnt einem jeden zwischen den Fingern. Je älter ein Mensch wird, desto größer wird dieses Empfinden. Einer 75-jährigen Dame erscheinen die Ereignisse um sie herum viel schneller als früher. Laut Einsteins Relativitätstheorie würden wir die Bewegungen und Reaktionszeiten älterer Menschen dann im Gegenzug als langsamer wahrnehmen müssen. Und tatsächlich entspricht das der Realität. Welcher Realität überhaupt? Cogito, ergo sum? Ich denke, also bin ich? Weil wir in der Lage seien, unsere wahre Existenz anzuzweifeln, würden wir existieren, so Descartes. Ich zweifle an der Existenz der Zeit. Soll es sie allein deshalb geben? Ich zweifle auch an der Existenz von rosaroten Einhörnern. Soll es SIE deshalb geben?

Zeit kann ich weder riechen, noch schmecken, noch sehen, noch hören. Die Uhr tickt schließlich nach ihrer eigenen Zeit. Die Uhr soll nach ihrer eigenen Zeit ticken? Was für ein Irrsinn. Das Universum soll ein gekrümmter Raum sein, den ich in sieben Leben nicht durchqueren könne? Er soll zwischen 3×13,77 Mrd. und 156 Mrd. LICHTJAHREN groß sei? 26 Dimensionen inne habe? Ich kann mir so etwas nicht vorstellen. Ich verstehe es nicht. „Der Mensch ist nicht dazu geschaffen, dies zu begreifen.“, pflegte mein Lateinlehrer einst zu sagen. Aber ich will verstehen, was Zeit ist. Ich will zumindest wissen, ob es sie überhaupt gibt. Ich will und deshalb versuche ich es.

„Die weichen Uhren“ wie das Ölbild auch genannt wird, offenbaren, wie schwer man den Begriff der Zeit greifen kann. Das Kunstwerk stellt eine Irrealität dar und ebenso erscheint mir auch die Zeit – irreal oder zumindest irrational, aber existent. Warum bloß?

Das Raum-Zeit-Kontinuum bezeichnet in der Relativitätstheorie die Vereinigung von Raum und Zeit. (Quelle: NASA)

Wir wissen und verstehen, dass jeder Raum aus mindestens drei Dimensionen besteht: Länge, Breite und Höhe. Ohne die Zeit, die wir als vierte Dimension bezeichnen, wäre überhaupt keine Dimension mehr möglich. Ohne Zeit könnten wir uns nicht bewegen, nicht einmal ansehen, weil die fürs Sehen benötigte Bewegung das Vorhandensein der Zeit erfordert. Gäbe es keine Zeit, wäre ein Raum für uns nicht real, da wir ihn nicht wahrnehmen könnten. Andersherum gäbe es ohne den Raum auch keine Zeit, da wir keinen Raum hätten, durch den wir uns überhaupt bewegen könnten. Die Wissenschaft spricht vom Raum-Zeit-Kontinuum. Und sowieso wird für die Herstellung jeder Materie Zeit benötigt. Raum könnte ohne Zeit also auch gar nicht entstehen, denn jede Ursache hat eine Wirkung und genauso hat jede Wirkung auch eine Ursache. Wenn wir auf den Ursprung aller Ursachen zurückdenken (es zumindest versuchen), stellt sich die Frage, ob es die Zeit vor dem Universum gab oder ob die Zeit begann, mit dem Kosmos zu existieren, ob sie beim Big Bang entstand. Ist Zeit unendlich? Ist sie so unendlich wie Gott sein soll, der vollkommene Schöpfer aufgrund dessen Vollkommenheit wir tatsächlich existieren müssten, weil ein Täuschergott als Betrüger Mängel aufwiese und damit nicht mehr vollkommen wäre? Dass wir existieren, daran DÜRFEN wir dank Descartes Theorie glauben. Wenn ich meinen Freund küsse, dann spüre ich seine Lippen auf meinen. Er existiert, folgere ich. Wenn er an meiner Lippe knabbert, kollidieren seine Zähne mit meiner Lippe. Mit der „Rivalität des Harten mit dem Weichen“ thematisiert der Künstler der „Beständigkeit der Erinnerung“ seine sexuellen Begehrlichkeiten mithilfe des Kontrastes scharfer Kanten und weichen, zerfließenden Gegenständen in seinem Bild. Materie empfindet jeder Mensch als existent, weil er sie mit seinen Sinnen wahrnimmt. Aber Zeit? Ohne Zeit kein Raum. Also gibt es sie. Zumindest können wir ihre Existenz insoweit belegen, wie wir die Existenz der Realität belegen können. Letztlich also gar nicht. Descartes, eine Reihe anderer Philosophen und ebenso meine Wenigkeit können sich irren. Aber WENN wir sind, dann ist auch die Zeit irgendwo. Wenn wir nicht sind, tja… dann fühle ich mich ein wenig veräppelt, weil mich der große Marionettenspieler nicht einmal versucht, daran zu hindern, alles anzuzweifeln, von dessen Existenz ich selbstverständlich ausgehen sollte. Aber ja, Zweifeln ist menschlich. Doch das ist eine ganz andere Geschichte.

John A. Wheeler sagte einmal „Zeit ist, was verhindert, dass alles auf einmal passiert.“ Und dieser Aussage wird wohl niemand widersprechen können.

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