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Der Mensch will Blut sehen

Zum 1000. Mal läuft heute der Tatort im Ersten. Und so gut wie keine Tatortfolge kommt dabei ohne eine ordentlich Fernsehleiche aus. Sonntag für Sonntag schaut Fernsehdeutschland gebannt zu. Nur ein Mann sieht etwas genauer hin.

Es gibt zu vielen Themengebieten Experten, sogar zum Thema „Tatort“. Stephan Völlmicke, wissenschaftlichen Koordinator aus Münster, ist so ein „Tatort“ Experte und mit ihm konnten wir uns über den Gegenstand seiner Doktorarbeit, „Leichendarstellung im Tatort“, unterhalten.

Um die Inhalte Ihrer Arbeit einordnen zu können, wäre es gut, Genaueres über Ihren Beruf zu erfahren. Wo genau sind Sie aktuell beschäftigt?

Ich bin wissenschaftlicher Koordinator von einem DFG-Graduiertenkolleg „Vertrauen und Kommunikation in einer digitalisierten Welt“ an der Universität Münster.

Das interdisziplinäre* Graduiertenkolleg erforscht, wie unter den Bedingungen neuer Formen medial vermittelter Kommunikation (Briefe, Chat, E-Mail, Telefon) Vertrauen entwickelt und aufrecht erhalten werden kann.

Stephan Völlmicke (Foto: Cordsen)

Ich bin nicht für die ganze Koordination zuständig. Zu meinen Aufgaben zählen aber z. B. die Organisation des Studienprogramms, Ringvorlesungen und auch die ganzen administrativen Dinge wie Geldverwaltung etc. Also bin ich dort weniger für die Forschung zuständig, als für die…

[interdisziplinär*=mehrere wissenschaftliche Teilbereiche einbeziehend]

Koordination?

Es muss Koordination heißen, richtig.

Und wie sind Sie ausgehend von dieser Beschäftigung auf die Idee gekommen, sich in Ihrer Doktorarbeit mit der „Leichendarstellung im Tatort“ zu beschäftigen?

Das hat mit dem aktuellen Projekt nichts zu tun. Das Graduiertenkolleg ist erst am 1.4.2012 gestartet. Vorher war ich wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Kommunikationswissenschaft an der Uni Münster. Als Kommunikationswissenschaftlicher beschäftigt man sich u.a. natürlich auch mit Medieninhalten. Auf die Idee für das Thema bin ich vor vielen Jahren gekommen.

Als Wissenschaftler, bzw. Forscher ist man immer bestrebt, sich mit Themen zu beschäftigten, sogenannte Forschungslücken, die noch nicht erforscht wurden. Mir ist bereits als Tutor an der Uni aufgefallen, dass das Thema „Tod in den Medien“ oder „Tod in Film, Serien, etc.“ noch kaum erforscht war, es also sehr wenig Literatur zu diesem Themenkomplex gab. Als Tatort-Fan kam mir dann irgendwann in einem glücklichen Moment die Eingebung, diese Forschungslücke mit meiner persönlichen Beobachtung beim Fernsehgucken zu füllen. Wie vielen anderen Zuschauern sicherlich auch ist mir über die Jahre hinweg nämlich aufgefallen, dass sich die Todesdarstellungen verändert haben. Doch diesen Tatbestand hat natürlich noch keiner wissenschaftlich bewiesen.

Und das wollten Sie dann tun?

Ja, das habe ich dann getan.

Verraten Sie uns Ihr Ergebnis? Innerredaktionell haben unsere Beobachtungen uns zum Fazit der zunehmenden Gewaltdarstellung geführt.

Zunächst geht es in meiner Arbeit nicht um Gewalt. Das ist ein wesentlicher Unterschied zu euren Vermutungen. Ich habe einen klaren Cut gemacht zwischen Gewalt (also dem Zeigen des Tötungsdeliktes selbst) und der Präsentation der Leiche. Meine Arbeit liefert keine Aussagen über die Todesarten etc., sondern nur über die Veränderung der Leichendarstellung.

Dabei wird die Präsentation von Verletzungen und Hemmatomen an der Leiche auch immer drastischer, nicht wahr?

Ja, die Leichendarstellungen sind über die 40 jährige Tatortgeschichte immer intensiver und direkter geworden. Der Fernsehzuschauer ist den Leichen im Fernsehen so nah wie nie zuvor in der Geschichte der Krimireihe. Konkret bedeutet das, dass beispielsweise heute (damit meine ich das letzte Jahrzehnt bis heute) ein Großteil der Leichen in großen Kameraeinstellungen gefilmt wird (Close-Ups: nah und groß). Zusätzlich sind für den Zuschauer immer mehr Details an der Leiche zu erkennen: Hämatome, Verletzungen, Verwesungserscheinungen usw. Das hat es früher so nicht gegeben.

Statistisch gesehen wird den Leichen im Tatort auch immer mehr Sendezeit zur Verfügung gestellt. Das bedeutet, dass sich die Einstellungslängen in den einzelnen Sequenzen verlängert haben. Darüber hinaus werden die Leichen heute immer öfter dann zur Schau gestellt, wenn sie bei der Rechtsmedizin sind. Das hat es zu Anfang überhaupt nicht gegeben.

Was denken Sie, wird diese Entwicklung in Zukunft noch drastischer aussehen oder ist das Endstadium bereits erreicht?

Tatort-Komissare Ritter und Stark begutachten eine Leiche. © rbb / Julia von Vietinghoff

Meines Erachtens wird diese Entwicklung schon noch etwas weitergehen. Der Zuschauer und auch die Tatort-Macher haben die Lust an den neuen Ermittlungsmethoden noch nicht verloren und es wird somit in der Reihe sicherlich noch weitere Rechtsmediziner und  vor allen Dingen Leichendarstellungen geben, die die toten Körper noch deutlicher und direkter präsentieren. Hier sind natürlich auch die Darstellungskonventionen aus den US-Amerikanischen Serien nicht uninteressant (z.B. CSI, Bones), weil Macher wie auch Zuschauer sich bereits an sie gewöhnt haben.

Was sind denn die wesentlichen Unterschiede zur Leichendarstellung dort und zu der im Tatort?

Im Vergleich ist die in amerikanischen Formaten natürlich  wesentlich drastischer. Hier werden den Zuschauern sehr viel mehr Details von Leichen gezeigt. Sie sehen beispielsweise abgesägte Finger, aufgeklappte Brustkörbe o.Ä. Diese Serien zeigen explizit tote Körper und ebenso ihr Sterben, indem es per Zeitraffer/Rückblende nachgestellt wird. Die Toten stehen im Mittelpunkt, quasi als körperliche Zeugenaussagen.

Im Tatort liegt der Fokus auf den Ermittlungen, oder?

Das stimmt. In den amerikanischen Formaten gibt es immer ein ganzes Team aus Ermittlern, die dann psychologisch ermitteln, aber natürlich auch forensisch und pathologisch. In den deutschen Formaten steht die Forensik und die Pathologie zwar – wie gesagt – auch schon mehr im Mittelpunkt, vergleichsweise wenig aber mit Serien wie CSI.

Wie sehen Sie denn diesen Wandel der Leichendarstellung, die Radikalisierung, wo die Menschen sich doch zunehmend vom Tod „entfernen“, das Thema tabuisieren?

Das ist ja gerade der interessante Aspekt an der Arbeit. Wir haben auf der einen Seite in der Gesellschaft ein strukturelle Verdrängung des Todes in vielen gesellschaftlichen Bereichen. Auf der anderen Seite gibt es aber einen regelrechten „totenboom“ in den Medien. Hier nimmt die „Beschäftigung“ mit dem Tod immer mehr zu. Und das ist zunächst paradox.

In der Dissertation* habe ich versucht, diesen wie sich zeigt, nur vordergründigen Widerspruch zu entschlüsseln, um zu zeigen, dass die fiktionale Darstellung des Todes im Fernsehen auf spezifische Weise mit unserem alltäglichen Umgang mit Sterben und Tod in der Gesellschaft korrespondiert*.

Ich habe versucht, Indizien für mögliche Korrespondenzen zwischen den Todesdarstellungen im Tatort und der Lebenswelt der Zuschauer zu ermitteln. Dabei zeigte sich, dass die moderne Lebenswelt gleichsam eine ideale Grundlage für immer direktere, intensivere und ausgeprägtere Darstellung im Tatort ist. Damit wurde deutlich, dass die Gründe für die zunehmenden und drastischeren Todesdarstellungen im Fernsehen nicht ausschließlich auf ihren hohen Unterhaltungswert und ökonomische Faktoren (Einschaltquoten) zurückzuführen sind, sondern dass die sich wandelnden lebensweltlichen Kontexte der Rezipienten*, speziell die gesellschaftlichen Veränderungen im Umgang mit Sterben und Tod, vermutlich einen wesentlichen Einfluss auf die Art und Weise der Todesdarstellungen im Fernsehen haben.

Szene aus dem „Tatort“: Leichen werden lange und detailliert gezeigt. (Foto: dpa)

Die zunehmende Darstellung von Leichen in der Rechtsmedizin korrespondiert auf verschiedene Weise mit der ‚realen‘ Lebenswelt der Zuschauer. Es ist nicht nur der visuelle Reiz des Ungewohnten, der den Rechtsmediziner und die Leiche vermehrt in den Mittelpunkt der Handlung rückt, sondern auch die streng anatomische Betrachtung des toten Körpers. Der Rechtsmediziner ermittelt an der Materie eines zum Gegenstand gewordenen Menschen – ein Indiz für das primär naturwissenschaftliche Todesbild in der Gesellschaft. Außerdem korrespondiert die ausgeprägte Leichendarstellung in der Rechtsmedizin insofern mit der ‚realen‘
Lebenswelt der Rezipienten, als eine technisch-hygienische Rationalität im Umgang mit den Toten gezeigt wird. Die durch medizintechnische Verfahren geschuldete Reduzierung des Menschen auf seine physische Disposition* korrespondiert mit der distanzlosen Präsentation von Leichen in der Rechtsmedizin.
Geht man von einem zunehmend rationalen und naturwissenschaftlichen Todesbild in der Gesellschaft aus, dann ist die filmische Darstellung der Rechtsmedizin also genau der Ort, mit dem die Rezipienten die oben genannten Aspekte des Umgangs mit Sterben und Tod assoziieren können. Somit stehen die Todesdarstellungen ganz offensichtlich in Beziehung zu den lebensweltlichen Horizonten der Rezipienten.

[Dissertation*= Doktorarbeit

korrespondieren*= in Zusammenhang stehen

Rezipienten*= Personen, die geistig etwas aufnehmen und verarbeiten (hier: Zuschauer)

physische Disposition*= körperliche Veranlagung]

Den Tatort-Zuschauern wird der Tod also so präsentiert, wie sie ihn sich selbst vorstellen: ein toter, Verwesungsmerkmale aufweisender Körper, die Leiche. Und dabei finden anscheinend wesentliche Teile der Folge auch noch in der Rechtsmedizin statt…

Aber mal ehrlich: Ein Großteil der Menschen stirbt doch an ganz anderen Todesursachen. Die wenigsten werden ermordet.

Ja, genau. Letztlich kann man diesen Totenboom in den Medien sogar als Verdrängung deuten. Das „normale Sterben“ (beispielsweise an Krebs) wird in den Medien nach wie vor sehr selten gezeigt. Die Toten am Bildschirm haben sehr wenig mit unserem alltäglichen Sterben zu tun. Es sind Gewaltopfer, die wir wiederum problemlos konsumieren können ohne großartig „Parallelen“ zwischen unserem Ende und dem des Fernsehtoten ziehen zu müssen.

Durch die Desozialisierung* des Todes und den Verlust von Primärerfahrungen fehlen vielen Zuschauers in der eigenen Lebenswelt Anknüpfungspunkte für eine sinnvolle Antizipation* des Todes. Indem er immer diese Tatort- (bzw. CSI-) Toten konsumiert, verdrängt er den „realen Tod“.

[Desozialisierung*= Rückzug aus dem gewohnten Umfeld

Antizipation*= Vorstellung]

Das Spiel zwischen Konsumenten und Produzenten erfolgt wie in der Wirtschaft, so auch im Film. Das Angebot richtet sich nach der Nachfrage. Was reizt die Menschen denn am Thema Mord?

Die Leichendarstellungen in amerikanischen Serien (hier CSI) sind noch drastischer. Foto: RTL Televison

Sterben und Tod haben auch jenseits der Einführung der Einschaltquoten bereits immer einen hohen Sensations- und Aufmerksamkeitswert gehabt. Die Faszination an Schrecken und der Darstellung von Gewalt mit oder ohne Todesfolge ist so alt wie die Geschichte der Menschheit. Eine gewisse Schaulust ist den Menschen „angeboren“ und vor allem die Schaulust des „Schauens“ ohne selbst betroffen zu sein.

Bilder von Leichen sind für den Zuschauer faszinierend, weil sie Neugier auslösen. Bereits die öffentlichen Leichensektionen im Mittelalter interessierten und faszinierten das Publikum – besonders durch den verbotenen Blick in das Innere eines Menschen. Hier scheint sich bereits der Wissensdurst auf die Anatomie des Menschen ausgebildet zu haben.

Sie können uns sehr viele spannende Aspekte liefern. Wie genau kann man sich denn Ihre Vorgehensweise bei der Vorarbeit für die Dissertation vorstellen? Waren Sie vielleicht selbst beim Dreh einer Tatortfolge dabei?

Ich war leider bei keinem Dreh dabei. Ich habe lediglich eine Stichprobe von 81 Tatorten aus 40 Jahren Tatortreihe gezogen, diese Filme dann angesehen und digitalisiert. Das bedeutet,  jede vorhandene Leichensequenz Sekunde für Sekunde auszuwerten und zu protokollieren. Im Protokoll habe ich dann  z. B. vermerkt, in welcher Einstellungsgröße gefilmt wurde. In einem nächsten Schritt wurden diese „800 Seiten“ an Filmprotokollen in ein Statistikprogramm eingegeben und ausgewertet. Allein das Protokollieren hat neun Monate gedauert.

Das muss eine sehr penible Arbeit gewesen sein… Sie haben also keine Tatortleiche persönlich „kennengelernt.“ Gab es trotzdem eine Leiche, die sie besonders schön fanden? Können Sie Ihre Lieblingsleiche benennen?

Ja, mir ist eine Leiche aus einem Tatort in den 90er Jahren noch gut in Erinnerung geblieben. Sie liegt in einem Auto. Bei der Analyse habe ich im „Zeitraffer“ gesehen, dass der Schauspieler sich relativ viel bewegt hat. In diesem Moment hat der Tote mir ziemlich lebendig geschienen. Ansonsten gibt es keine Lieblingsleichen.

Haben Sie sich denn jemals gewünscht, einmal selbst eine Leiche spielen zu dürfen? 

Das habe ich mir irgendwann tatsächlich als Clou nach Beendigung der Dissertation gewünscht. Ich habe immer gesagt, wenn du diese Hürde (eine Dissertationszeit ist nicht gerade schön) überwunden hast, dann willst du einmal selbst eine Leiche spielen. Letztlich habe ich das meinem Umfeld doch nicht zumuten wollen. Ich denke, dass es für nahe Verwandte ein kleiner Schreck sein könnte, wenn sie Papa als „als ob Leiche“ bereits zu sehen bekommen haben und sich nun schon vorstellen können, wie er später vielleicht mal aussehen wird.

Bezüglich der Leichendarstellung in Krimiserien haben Sie uns nun hinreichend aufgeklärt. Hierfür möchten wir uns jetzt schon einmal recht herzlich bedanken. Allerdings wollen wir Ihnen zum Schluss noch eine letzte „Off-Topic“ Frage stellen, die sich nicht an den Wissenschaftler, sondern an Ihre Privatperson richtet. Um an unseren letzten Artikel aus der Tod-Serie anzuknüpfen, würde es uns interessieren, wie Sie zum Jenseits stehen. Glauben Sie an ein Leben nach dem Tod?

Das tue ich in der Tat. Ich bin religiös erzogen worden und glaube auch (unabhängig) von meiner katholischen Sozialisiation an ein Leben danach.

Dann bedanken wir uns hiermit für die kooperative Offenheit Ihrerseits, uns geduldig alle Fragen beantwortet und somit ein aufschlussreiches Interview geliefert zu haben.

Auch mir hat die Zusammenarbeit sehr viel Spaß bereitet.

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