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Missbraucht per Mausklick

Der Fall Edathy hat in den letzten Wochen das Thema Kinderpornografie im Internet in die Schlagzeilen gebracht. Der Umgang des Rechtssystems mit aufreizenden Darstellungen Minderjähriger wirft diverse Fragen auf.  Die Politik fordert ein umfassendes Verbot für den Handel mit Nacktbildern. Doch einige Kriminologen, Strafrechtler und Psychologen halten das für falsch.

Darf es sein, dass unter anderem Sauna- und Badaufnahmen von Kindern offen im Netz gehandelt werden? Erleben wir hier eine massive Sicherheitslücke des Rechtssystems, oder sollte Pädophilen ein wenig Raum zum Ausleben ihrer Vorlieben geboten werden, um aktive Taten vorzubeugen? ¨An der Grenze zur Strafbarkeit¨ – so lautet die Beurteilung der Staatsanwaltschaft Hannover zum Material, welches auf Sebastian Edathys PC gefunden wurde. So soll der SPD Politiker ganze 31-mal Fotosets und Filme bei einem kanadischen Anbieter geordert haben. Diese bestellten Medien zeigen nackte Jungen im Alter von neun bis 14 Jahren. Laut des BKA werden die hier vorgefundenen Aufnahmen der ¨Kategorie 2¨ zugeordnet. Dieser Begriff ist nicht juristischer Natur sondern wird ausschließlich von BKA Beamten verwendet. Er dient der Unterscheidung ob Bilder strafbar oder straflos einzuschätzen sind. Bilder aus der „Kategorie 2“ bedeutet demnach, dass die Aufnahmen nicht eindeutig pornografisch sind und nach unserer heutigen Justiz nicht strafbar. Unser Rechtssystem toleriert hier fragwürdiger weise die von den Pädophilen selbsternannten ¨naturalistischen Filme¨, eine Falschbezeichnung, die die Bildträger als FKK-Bewegung verschleiern soll. Geht es nach den Plänen von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD), so sollen unbefugte Posing Bilder, also Bilder von nackten Kindern, die eine unnatürliche und geschlechtsbetonte Körperhaltung haben und gegen den Willen des Kindes gemacht worden sind, gesetzlich verboten werden. Der Hamburger Kriminologie-Professor Sebastian Scheerer und andere Experten sehen dieses Gesetzesvorhaben jedoch kritisch. Scheerer warnt: „Wenn Sie einfach Druck ausüben auf Menschen und ihnen keinen Ausweg geben, dann können unvorhergesehene Dinge passieren.“

Jüngst sorgte auch ein Twitter-Account für Aufsehen: Ein Mann gab sich als ¨Kevin¨ aus, der Formel 1-Fan ist und Autos liebt. Doch auf dem Profil des Mannes waren lauter aufreizende Bilder junger, leichtbekleideter Mädchen zu sehen. Sogenannte Posing-Bilder. Nachdem ein junger Mann aus dem Rheinland Marina Weisband, Piraten-Politikerin, darauf aufmerksam machte, wurde die Seite binnen 24 Stunden gelöscht. Auch Grünen Politikerin Renate Künast zeigte sich besorgt: „Alles, was mindestens in der Grauzone ist, muss man an die Sicherheitsbehörden weitergeben.“ so Künast in der BILD am Sonntag. Ein Twitter-Sprecher äußerte sich ebenfalls zu Vorfall: „Wir dulden auf Twitter keinen sexuellen Missbrauch von Kindern.“Auch auf sozialen Netzwerken sind also stets die Augen offenzuhalten. Tatsache bleibt: erst bei aktivem Posen, beim zur Schau stellen von Genitalien eines Kindes, handelt es sich um illegale Materialien. Doch die Unterscheidung zwischen legal und illegal bleibt  in der Praxis schwierig und kann letztendlich nur im Einzelfall entschieden werden. Auch wenn es moralisch verwerflich ist, wenn sich Erwachsene an der bildlichen Darstellung kindlicher Nacktheit erregen, so bleibt eine juristische Grauzone, die vor allem Pädophile für ihre Zwecke nutzen. Heutzutage gibt es für Pädophile viele Möglichkeiten, ihre Vorlieben auszuleben. Das Internet ist das Portal zum selbstbewussten Austausch, sowohl verbal, als auch medial. In so genannten ¨Girllover¨- und ¨Boylover¨foren schreiben pädophil orientierte Menschen ihre Emotionen und Empfindungen nieder, die sie erleben, wenn sie in bekannten Filmen für sie attraktive Kinder erspähen. So schreibt in einem Girllover-Forum ein Benutzer über einen aktuellen Kinofilm. ¨Was mein Herz aber höher springen lässt ist: L. (…) Sie taucht im Film zuerst bei ihrem Geburtstag auf und später gehen F. und L. ins Freibad. Beim Anblick von L. im Bikini blieb mir der Atem stehen. Traumhaft schön. Perfekt. Und ihre kesse aber auch unsichere Art bewirkt schnell, dass man sich in sie verliebt.¨ Hinzu kommt ein weiterer User, der Name und Geburtsjahr der Darstellerin vermerkt.

Nun stellt sich doch die Frage: Ist es wirklich rechtens, sich derartig frei über eine minderjährige Person zu äußern, und seine Vorliebe für jeden, das heißt auch für die umschriebene Person, zugänglich zu machen? Oft wird das Argument genutzt, welches besagt, dass diese verbale Zusammenkunft das aktive, physische Ausleben der Vorliebe vorbeugt, und die Pädophilen schon insofern zufrieden stellt, dass sie ihren Kopf von ihrem Gedankengut befreien.

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und deshalb therapeutische Hilfe suchen.

Das Präventionsnetzwerk „Kein Täter werden“ bietet ein kostenloses und durch die Schweigepflicht geschütztes Behandlungsangebot für Menschen, die sich sexuell zu Kindern hingezogen fühlen und deshalb therapeutische Hilfe suchen.

Falsch, sagt Julia von Weiler. Sie ist seit dem Gründungsjahr 2003 Geschäftsführerin der nichtpolitischen Einrichtung ¨Innocent in Danger e.V.¨, welche sich zum Ziel setzt, sexuellen Missbrauch an Kindern sowie das Vertreiben kinderpornografischer Medien zu stoppen. Dies geschieht unter anderem durch die Aufklärung sexueller Gewalt gegen Kinder im Internet, dem Beistehen betroffener Familien sowie das Sperren kinderpornografischer Webseiten. Von Weiler stuft die Girl-/Boylover-Foren als genau gegenteilig wirkend ein: ¨Der Schritt, sich an einem Kind zu vergehen, wird für die Täter so leichter. Sie haben Gleichgesinnte, mit denen sie sich austauschen, die sie in ihrer Fantasie unterstützen, bestärken – bis sie denken, dass es okay ist, ihr Verlangen auszuleben.¨ Sinnvoll klingt das allemal. Nehmen Sie sich nur einmal eine ihrer Vorlieben und tun sie so, als wäre sie rechtens. Nun schreiben Sie mit vielen anderen Leuten, die dieselbe Ansicht wie Sie pflegen, und diese bestärken Sie auch noch konsequent in ihrem Gedankengut. Dass dies genauso gut dazu führt, dass das gern Getane dadurch ausgereizt wird, ist sehr gut vorstellbar. Durch diesen Austausch findet ein weiteres Vorrücken der Vorliebe in das aktive, handlungsfähige Bewusstsein statt. Eine umstrittene Frage, die von zwei Seiten betrachtet werden kann. Katja Schoon, Beauftragte des Hilfswerks ¨Kein Täter werden¨, eine Initiative für  die Therapie von Pädophilen oder sich so Fühlenden, sagte nämlich entgegen in stern.tv: ¨Da streiten sich die Geister. Wissenschaftlich ist keine These bisher bewiesen. Mittlerweile aber weiß man: Das eine führt nicht direkt zum anderen. Es müssen dabei auch andere Faktoren eine Rolle spielen.¨ Auf die Frage, ob schärfere Verbote die Situation verbessern würde, meint Schoon: ¨Ich weiß nicht ob Verbote irgendwas verbessern. In den USA zum Beispiel sind die Gesetze viel schärfer, das hat aber jetzt auch nicht dazu beigetragen, dass dort weniger Kinderpornografie genutzt wird.¨ Nach Meinung Schoons sei die Aufklärung, auch für Eltern, ein Hilfsmittel gegen Kinderpornografie. Man solle sich im Klaren sein, was ins Netz kann und was dort nichts verloren hat. So könne man selbst die Nutzung vorbeugen. Außerdem gibt die ¨Kein Täter werden¨-Beauftragte an, dass es für Leute mit der sexuellen Präferenz Therapiekurse, auch in ihrem Hause, gäbe, die durchaus erfolgreich und hilfreich seien. Viele Patienten, so berichtet Katja Schoon, schränken ihr Ausleben nach der Aufklärung über erlaubte und unerlaubte Medienträger ein und seien einsichtig. Auch deshalb sei es so wichtig, sich therapieren zu lassen. Auch bei Ungewissheit, das heißt, wenn man nicht sicher weiß, ob man nun tatsächlich pädophil ist, sollte eine Therapiestätte wenigstens aufgesucht werden um sicherzugehen. Frau Schoon erzählt weiter, dass viele der anfänglich aufkreuzenden Personen nicht pädophil seien, sondern viel mehr Initiative ergreifen, um mit sich selbst im Klaren zu sein.

Bis heute bleibt die Frage ungeklärt, ob eine pädophile Ausrichtung angeboren ist oder im Laufe des Erwachsenwerdens erworben wird. Wissenschaftler vermuten ein individuelles Zusammenspiel aus biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren. Ein Pädophiler kann zunächst einmal nichts für seine Neigung, genauso wenig wie ein Mann etwas für seine Vorliebe für erwachsene Frauen oder Männer kann. Von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird Pädophilie als Störung der Sexualpräferenz aufgeführt. Die Betroffenen sind quasi erkrankt und nicht jeder, der pädophil ist, ist automatisch der kindersuchende Sexualstraftäter oder perverser Blogger. Dennoch müssen Pädophile daran arbeiten, ihre Wünsche unter Kontrolle zu bekommen. Dafür gibt es unterschiedliche Therapieansätze. Gemeinsamkeit aller Therapien ist jedoch, die Hemmschwelle zum Ausleben der pädophilen Neigung so hoch wie möglich zu setzen. Dies gelingt vor allem dadurch, indem der Pädophile sich in sein mögliches Opfer hineinversetzt und einen Perspektivwechsel vollzieht. Niemand kann von einer Pädophilie „geheilt“ werden. Deshalb muss man Pädophilen umso stärker dazu raten, in Form einer Therapie Möglichkeiten zu entwickeln, angemessen mit der eigenen sexuellen Präferenz zu leben. Aber so wichtig es erscheinen mag pädophilen Männern therapeutische Hilfsangebote zu machen, so sollte dennoch der Blick zu allererst den tausenden Kindern gelten, die jährlich Opfer sexueller Gewalt werden und für den Rest ihres Lebens darunter leiden müssen. Bei aller Notwendigkeit von Präventionsarbeit muss vor allem den Opfern sowohl durch die Politik als auch durch die Gesellschaft geholfen werden.

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