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Aus zwei mach eins – Der Tag der Deutschen Einheit

Gepostet von am Okt 3, 2015 in Allgemein, Damals, Wissen | Keine Kommentare

Zum 25. Mal feiern die Deutschen heute den „Tag der Deutschen Einheit“. Als Millionen Menschen in der Nacht vom 2. auf den 3. Oktober 1990 die Wiedervereinigung der beiden deutschen Staaten feierten, endete damit auch der Kalte Krieg zwischen Ost und West. Um die historische Bedeutung dieses Tages zu verstehen, muss man einige Jahrzehnte in die deutsche Geschichte zurückblicken.

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„Die DDR war keine Kuscheldiktatur“

Gepostet von am Mrz 4, 2011 in Allgemein, Damals, Interviews, Wissen | 2 Kommentare

Rainer Dellmuth, der zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik politischer Häftling im Stasi Gefängnis Hohenschönhausen war, besuchte am gestrigen Donnerstag, den 03. März, das LSG. Der Vortrag von Rainer Dellmuth war eine interessante Mischung aus Berliner Schnauze und zynischem Sarkasmus. Jedoch ist dies für seine Zuhörer nur vordergründig komödiantisch, tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Persönlichkeit, die noch heute massiv von ihrer Vergangenheit geprägt ist. Eine Tatsache, die auch Dellmuth gar nicht erst versuchte zu leugnen, so dass nicht zuletzt durch diese Authentizität und Glaubwürdigkeit die Ausführungen nachhaltig Eindruck bei den Zuhörern hinterlassen haben. Nach seinem Vortrag hatten wir die Gelegenheit, Rainer Dellmuth im Interview zu seinen Erlebnissen in der DDR, zur Bedeutung seiner Jugendarbeit und zu seiner Meinung zur Partei „Die Linke“ zu befragen.

Rainer Dellmuth - Zur Person

Rainer Dellmuth, geboren am 20. Juli 1948 in Berlin-Köpenick, wuchs in der DDR auf. Schon als Schüler fiel er dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen „hetzerischen Äußerungen“ auf. Während seiner Ausbildungszeit 1967 versuchte er, die DDR zu verlassen – scheiterte aber und wurde dann wegen „Republikflucht“ verhaftet. 1971 verhaftete man ihn erneut mit dem Vor-wurf des „versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts in besonders schwerem Fall“. In seinem Buch mit dem Titel „Ausflüge im Grotewohl-Express“ (Anita-Tykve Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-925434-93-3) berichtet er über diese zwei Haftzeiten und enthüllt teilweise unglaubliche Dinge im Umgang mit Häftlingen oder Andersdenkenden in der DDR. So wurden Gefangene zum Beispiel tagelang mit einem Zug von einer Gefängnisanstalt zur nächsten gebracht und die Züge (Scherzes halber „Grotewohl-Express“ nach dem damaligen Minis-terpräsident der DDR Grotewohl benannt) mit Insassen standen stundenlang in der brütenden Hitze. Im November 1972 wurde Rainer Dellmuth dann in die Bundesrepublik Deutschland überführt. Als er später nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten mit dem Namen „Operativ-Vorgang – Deckname Lehrling“ sichten durfte, stellte er auf 1250 Blatt fest, wie er unter anderem rund um die Uhr überwacht wurde. Heute besucht er bundesweit Schulen, um Schüler über die Schrecken der zweiten Diktatur, die sich DDR nannte, aufzuklären.

LaurentiNews: Sie reisen bereits seit vielen Jahren immer wieder durch Deutschland und besuchen Schulen. Warum ist es so wichtig, gerade Jugendliche über die SED-Diktatur aufzuklären?
Dellmuth:Die Jugend ist die Zukunft Deutschlands. Ich möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag leisten, eine mögliche dritte Diktatur auf deutschem Boden verhindern. Außerdem finde ich, dass das DDR-Regime in den Lehrplänen zu kurz kommt, obwohl sich hier etwas tut.
Eigentlich wollte ich Lehrer werden. Indem ich also an Schulen von der DDR erzähle, komme ich diesem Beruf nahe. Aber natürlich sind meine Vorträge auch ein Weg um meine eigene Vergangenheit aufarbeiten.

Dellmuth bei seinem Vortrag im LSG

LaurentiNews: Gibt es eigentlich unterschiedliche Reaktionen auf ihre Vorträge in ostdeutschen Schulen?
Dellmuth: Viele Schüler in Ostdeutschland sind sehr neugierig darauf, was ich zu erzählen habe. Sie haben die DDR ja nicht mehr erlebt, aber sie möchten wissen, in welchen Verhältnissen ihre Eltern gelebt haben. Bei den Lehrern erlebe ich es immer wieder. dass sie oft sehr verunsichert und peinlich berührt sind. Bei eine Führung in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen fragte mich einmal eine Lehrerin, die bereits zu DDR-Zeiten im Dienst war, warum ich nicht auch etwas Gutes über die DDR sagen würde. Ich konnte nur antworten: Gute Frau, das war hier kein Weihnachtsmarkt, hier sind Menschen gestorben. Die DDR war nicht nur Trabant und Rotkäppchen Sekt. Das war ein totalitäres System mit Toten und Verletzten an der Grenze. Über die Krüppel, die im Minenfeld ihr Bein verloren haben, redet heute kaum jemand. Wer redet über die Jugendwerkhöfe, in denen Kinder- und Jugendliche gequält wurden, über Zwangsadoptionen? Was ist denn das alles, will man das nicht mehr wissen? Sollen deshalb die Akten zugeklappt werden, weil immer mehr Schmutziges hochkommt? Nein, nicht mit mir. Das finde ich überhaupt nicht richtig.

LaurentiNews: Ihre Erlebnisse in der Stasi-Haft haben sie in ihrem Buch „Ausflüge im Grothewohl Express“ niedergeschrieben. Sie bezeichnen darin die Kommunisten des Öfteren als „rote Faschisten“. Dürfen wir uns die Kommunisten daher ebenso intolerant und radikal wie die Nationalsozialisten vorstellen? Wo waren die Parallelen zwischen der kommunistischen und faschistischen Diktatur in Deutschland?
Dellmuth: Kurt Schumacher sagte einmal: ´Unter jedem roten Rock sitzt ein brauner Arsch´. Und damit hat er meiner Meinung nach Recht – nur, dass die Sozialisten diese Intoleranz in ihrer Diktatur geräuschlos ausgelebt haben. Neben den Verhältnissen in Gefängnissen sah man dies zum Beispiel an der „militärischen“ Ordnung in der DDR. Es gab viele Uniformträger unterschiedlicher Gruppierungen. Auch die Jugend wurde von Anfang an auf das kommunistische System getrimmt – wie bei den Nazis die Pimpfe. Bei den Sozialisten hießen diese ´Jungpioniere´.
LaurentiNews: Sie hingegen haben schon in Ihrer Jugend eine Haltung gegen das kommunistische System in der DDR geäußert. Warum hat die sozialistische Propaganda Sie nicht anstecken können und wurden Sie dadurch nicht zu einem Außenseiter in Ihrer Altersgruppe?
Dellmuth: Es gab auf jeden Fall viele Mitläufer, Introvertierte. Ich habe mir meine Freunde auch nach meinen Ansichten gesucht. Zu Hause wurde ich katholisch und pro-westlich erzogen. Im Nachhinein bin ich meinen Eltern dafür dankbar. Ich bin eher der extrovertierte Typ und habe damit Wahrheiten geäußert, die keiner hören wollte. Das war natürlich gefährlich. Die Wahrheit ist in der Geschichte tatsächlich oft ungewollt. Deshalb wurde ich aufmüpfig. Die Mutter eines Jungen, mit dem ich Fußball spielte, zum Beispiel hat mich bespitzelt.
LaurentiNews: Fühlten Sie sich auch in der Schule wegen Ihrer antikommunistischen Haltung in der Notengebung benachteiligt?
Dellmuth: Das ist schwer zu sagen. Es war auf jeden Fall so, dass Konfessionelle – egal, ob katholisch oder evangelisch – beispielsweise einen besseren Notendurchschnitt haben mussten, um auf einem Gymnasium angenommen zu werden. Wenn man in kommunistischen Massenorganisationen wie zum Beispiel der FDJ („Freie Deutsche Jugend“, d.Red.) war, hatte man es nochmal einfacher.

LaurentiNews: Durch Deutschland schwappte in den letzten Jahren eine Ostalgie-Welle. Gerade im TV treten immer wieder ehemalige DDR Bürger auf und lassen den Anschein erwecken, dass doch nicht alles schlecht war in der DDR. Wie war der Alltag wirklich in der DDR?

Früher Stasi Gefängnis - heute Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen

Dellmuth: Diese Sendungen zeigen ein sehr verzerrtes Bild der DDR. Seit 1949 gab es in der Bundesrepublik Deutschland, im Westen, ein Grundgesetz, das Menschenrechte und Meinungsfreiheit sicherstellte. Im Osten, in der DDR, gab es dies nicht. Überall war der Staat, der einen kontrollierte. Demokratie herrschte auch nicht. Es war ja nur die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, d.Red.) wählbar, die alles vorgab. So sagte Walter Ulbricht, ein Kommunist, der 1961 die Mauer er-bauen ließ: „Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir Kommunisten müssen alles im Griff haben. Und so war es auch. Dies konnte man zu jeder Zeit im Alltag spüren. Ein unheimlich beklemmendes Gefühl, das noch viel schlimmer war, als auf bestimmte Westprodukte verzichten zu müssen.

LaurentiNews: In diesem Jahr jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 50. Mal. Was würden Sie Leuten sagen, die sich heutzutage ernsthaft die Mauer zurückwünschen?
Dellmuth: Diese Leute sollten einen Psychologen aufsuchen!
LaurentiNews: Für wie gefährlich halten sie heutzutage die ehemaligen Stasi-Kader?
Dellmuth: Ich möchte auf die dokumentarisch festgehaltenen Aufforderung eines Stasi-Offiziers an seine Mitarbeiter aus der Wendezeit erinnern: Mischt euch in die Wirtschaft, die Verwaltung, die Justiz der Bundesrepublik Deutschland. Das war nichts anderes, als der Aufruf, die demokratischen Verhältnisse zu untergraben. Dies hat in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland wunderbar funktioniert. Deshalb ist es auch nach wie vor wichtig, die 40jährige SED Diktatur mithilfe der Stasi Unterlagen aufzuarbeiten.
LaurentiNews: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sehen, dass heutzutage in vielen Landesparlamenten und im Bundestag die Partei „Die LINKE“ vertreten ist?
Dellmuth: Schrecklich! Einige dieser Leute sind verantwortlich für das, was mir damals in der DDR widerfahren ist. Gregor Gysi zum Beispiel: Ein ganz schlimmer Finger, der die größte Klappe bei der Plagiatsaffäre um Herrn zu Guttenberg hatte, hat selber gewaltig viel Dreck am Stecken. Hätte ich die Gelegenheit ihm persönlich zu sprechen, dann würde ich ihm eine zweiwöchige Standpauke geben. Oder hier ganz in eurer Nähe, Michael von Klitzing, der Kreisvorsitzende der Linken in Cloppenburg, behauptet allen Ernstes, Stalin sei ein guter Mann gewesen. Dabei vergisst er, dass Stalin genauso ein Massenmörder wie Hitler war. Wir als Opfer dieses Regimes wünschen uns, dass man dies beachtet.
LaurentiNews: Ist ein wertender Vergleich zwischen der Nazi Diktatur und der SED Diktatur überhaupt zulässig?
Dellmuth: Selbstverständlich nicht. Wenn ich in meinen Vorträgen Vergleiche zwischen der NS-Zeit und der DDR Diktatur ziehe, dann mache ich das nie, um qualitativ zu werten, welche der beiden Diktaturen die grauenvollere gewesen sei, sondern um zu verdeutlichen, dass es sich bei der DDR nicht um eine „Kuscheldiktatur“, sondern um einen „menschenverachtenden Unrechtsstaat“ gehandelt hat, der alle Merkmale einer Diktatur verkörperte.

LaurentiNews: Leiden Sie heute noch unter den damailgen Haftbedingungen im Gefängnis?                                                                                                                                                         Dellmuth: Meine Haft damals hat mich für mein Leben geprägt. Ich war ja erst 18. Meine Diagnose lautet „posttraumatische Belastungsstörungen“. Das heißt Todesängste, chronische Schlafstörungen und Beziehungsschwierigkeiten. Selbst heute fällt es mir noch schwer, zu anderen Menschen Vertrauen aufzubauen. Außerdem verbringe ich lieber Zeit mit jungen Leuten als mit älteren. Diese wa-ren es, die mir so Schlimmes im Gefängnis angetan haben.                            

Rainer Dellmuth im Interview mit laurentinews.de

LaurentiNews: Was würden Sie sagen oder machen, wenn Sie heute einer Person gegenüberstehen würden, die sie damals bespitzelt hat oder die für Ihren Gefängnisaufenthalt verantwortlich war?
Dellmuth: Eine solche Begegnung hatte ich. Ich traf mich damals mit einem Herrn Berthold, der damals Oberleutnant im Gefängnis war, in Berlin, der mir seine Biographie vorstellte. Sein Vater war als politischer Gefangener, als Kommunist, in einem Nazi-KZ umgekommen. Daher war sein späterer Werdegang quasi vorgeschrieben. Aber Gewalt ist ja auch keine Lösung. Wir unterhielten uns daher. Das war höchst interessant.

LaurentiNews: Vielen Dank für dieses Interview.
Dellmuth: „Gern geschehen.“

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