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Ich bin ein 89er. Das ist meine Zeit.

Gepostet von am Apr 2, 2012 in Allgemein, Damals, Lehrerportraits, Schule, Video, Wissen | 1 Kommentar

Burghard Gieseler pendelt in diesem Halbjahr vom AMG in Friesoythe  zu uns an die Schule, um Frau Busse während ihrer Babypause im Lateinunterricht zu vertreten. Im Unterricht sprachen wir über den 9. November 1989, den Fall der Berliner Mauer und Herr Gieseler ermöglichte der Klasse mit fesselnden Erzählungen über persönliche Erlebnisse eine kleine Zeitreise in diese Tage.

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„Sally, Du sollst leben!“

Gepostet von am Mai 26, 2011 in Damals, Interviews | Keine Kommentare

Sally Perel, der durch seine Autobiografie „Ich war Hitlerjunge Salomon“ weltberühmt geworden ist, besuchte gestern die Jahrgänge 8 – 10 des Laurentius-Siemer-Gymnasiums. In seinem fast zweistün-digen Vortrag schilderte er auf eindrückliche und berührende Weise seine Lebensgeschichte und machte damit die anwesenden Schüler, wie er es selbst sagte, auch zu Zeitzeugen. Seine Botschaft war eindeutig: Lernt aus der Geschichte, denn der Holocaust darf sich nie mehr wiederholen! Laurentinews.de hatte nach dem Vortrag die Gelegenheit, mit Sally Perel ein Interview zu führen. Dabei erzählte er uns, warum er vor allem die deutsche Jugend ansprechen will, wie er von Auschwitz er-fuhr und ob er jemals Rachegedanken hatte.

Sally Perel bei seinem Vortrag am LSG

LaurentiNews: Ihr Vortrag hat heute viele Schülerinnen und Schüler begeistert. Warum ist es Ihnen wichtig, auf Ihren Vortragsreisen besonders auf junge Menschen zuzugehen?
Perel: Ich sehe das als Mission. Und wer eine Mission hat, der hat auch die Kräfte dazu. Es geht mir vor allem um die kulturelle Aufklä-rung der jungen Mitmenschen. Die Jugend muss die Geschichte des Landes kennen, in welchem sie wohnt. Sie muss vor allem alle Seiten wissen, auch die dunklen. Als Zeitzeuge war ich mitten im Gesche-hen und kann objektiv erzählen, wie es hier war. Es ist meine Aufga-be, so lange es geht, das historische Bewusstsein zu wecken.

LaurentiNews: Tragen Zeitzeugen wie Sie bei der historischen Aufklärung eine besondere Verantwortung?
Perel: Ja, ein Zeitzeuge kann dies besser als ein Geschichtslehrer. Nach den Zeitzeugen bleiben ei-gentlich nur Dokumente und Dokumente kann man sehr leicht fälschen, wie dies bereits heutzutage von Holocaustleugnern versucht wird. Durch meine Berichte leiste ich auch einen Beitrag dazu, dass der Holocaust nicht geleugnet und vergessen wird. Die Jugend weiß es zu schätzen, dass man ihnen die volle Wahrheit sagt.

LaurentiNews: Ein wichtiges zeitgeschichtliches Dokument ist ihr Buch „Ich war Hitlerjunge Salomon“. Wie haben die Menschen auf diese außergewöhnliche Geschichte reagiert?
Perel:Das Buch hat in Deutschland nicht nur positive Kritiken bekommen. Einige behaupteten, dass meine Geschichte nur erfunden sei. Um das Gegenteil zu beweisen, kam ich nach Deutschland und habe in der Begleitung von zwei Reportern von STERN und SPIEGEL einen ehemaligen Hitlerjungen getroffen, der bezeugen konnte, dass meine Geschichte wahr ist. Dort habe ich aber auch noch viele Informationen bekommen, die noch ins Buch hineinkamen. So wurde das Buch zu einem authentischen Dokument.

Gebannte Zuhörer

LaurentiNews: Gab es Menschen, die Ihnen vorgeworfen haben, dass Sie in ihrer Zeit in der Hitler-jugend sich bzw. ihre Religion verleugnet haben?
Perel: Ich habe keinen Grund mir Vorwürfe zu machen. weil ich mein Leben nicht auf Kosten anderer gerettet habe. Außerdem habe ich das Gebot meiner Mutter erfüllt. Ihre letzten Worte, die sie an mich gerichtet hat, waren: „Sally, Du sollst leben!“ Daran habe ich mich gehalten. Außerdem denke ich, dass jeder so handeln würde. Auch in der jüdischen Religion ist das Menschenleben das Allerhei-ligste und alles andere ordnet sich diesem unter. Ein Rabbiner in Israel hat mich einmal angegriffen und gesagt: „Deine Geschichte ist unmoralisch, du hast deine Religion verleugnet, um deine Haut zu retten.“ Daraufhin fragte ich: „Welche Moral predigst du mir? Sollte ich den deutschen Soldaten sa-gen „Ich bin Jude, schießt mich tot!“? Dann wäre ich moralisch gestorben, aber ich wollte moralisch überleben. Ich brauche mich bei niemandem für mein Handeln zu entschuldigen.

LaurentiNews: In der Hitlerjugend wurden sie stän-dig mit der Ideologie der Nationalsozialisten kon-frontiert. Wie standen Sie zur nationalsozialistischen Ideologie? Gab es damals Momente, in de-nen sie ins Zweifeln kamen, ob diese Ideologie in manchen Punkten doch Recht hat?
Perel: Nein, ich glaube wenn die Basis falsch ist, kann alles was darüber steht, nicht richtig sein. Das Fundament war falsch und unmenschlich.

LaurentiNews: Wussten sie damals vom Holocaust?
Perel: Natürlich wusste ich davon, aber ich wollte es nicht wissen. Im Unterbewusstsein wusste ich, was geschieht.

LaurentiNews: Wussten sie auch von dem Ausmaß des Holocausts?
Perel:Nein, über Auschwitz wusste ich nichts. Ich habe dieses Thema ganz verdrängt. Ich wollte mei-ne Energie und meine Kräfte nur für meinen ganz

Gerührt vom lang anhaltendem Beifall

persönlichen Überlebenskampf haben. Ich war ja im Ghetto Lodz. Aber in dem Moment, in dem ich wieder zurückkam, habe ich sofort umgeschaltet, denn hätte ich jeden Tag darüber nachgedacht, hätte ich es gar nicht überstanden. Ich hatte nur ei-nen Gedanken, an den ich mich geklammert habe, wie ein Ertrinkender an einen Strohhalm: Mada-gaskar. Ich habe gehofft, dass dort vielleicht doch ein Judenstaat besteht und ich dort eines Tages mal hinfahren kann.

LaurentiNews: Wann und wie haben sie von Auschwitz erfahren?
Perel: Von Auschwitz habe ich erst nach dem Krieg erfahren. Ich habe in Braunschweig ein paar Tage nach der Befreiung einen Juden auf der Straße getroffen, der einen Sträflingsanzug trug. Als ich sei-nen Judenstern sah, kam mir plötzlich die Erinnerung hoch, dass ich ja auch Jude bin. Das war bei mir so tief in Vergessenheit geraten. Ich ging also zurück und fragte ihn: „Entschuldigen sie, sind sie Ju-de?“ Er ignorierte mich und ging weiter, schließlich trug ich ja noch meine HJ Uniform, an der nur die Hakenkreuze abgerissen waren. Seine Ignoranz tat mir sehr weh und ich überlegte mir, wie ich ihn überzeugen konnte, dass ich auch Jude bin. Ich stellte mich also vor ihn und sagte nur zwei Worte, die am Anfang des heiligsten Gebets der Juden stehen: „Schma Jisrael“, das heißt auf Deutsch „Höre Israel“. Da schaute er mich an und umarmte mich. Und ich umarmte ihn. Ich hätte ihn fast erstickt vor lauter Freude, denn er kam ja aus einem KZ und war nur noch Haut und Knochen. Wir weinten beide auf der Straße. Von ihm habe ich zum ersten Mal von Auschwitz erfahren. Ich wusste zwar
schon vorher, dass es KZs gibt, z.B. in Dachau und Buchenwald, auch die Moorsoldaten waren be-kannt. Als Kind hörte man auch immer wieder den Spruch: „Sei artig, sonst kommst du ins KZ!“ Aber wir dachten, dass in den KZs hauptsächlich die politische Opposition inhaftiert wurde, wie die Kom-munisten und die Sozialdemokraten, aber niemand konnte sich vorstellen, dass dort Gaskammern und Krematorien gebaut wurden, um uns Juden zu vernichten.

LaurentiNews: Nach dem Krieg emigrierten Sie nach Israel. Wie fühlten Sie sich, nachdem Sie so lange vortäuschen mussten, judenfeindlich zu sein, unter Ihren Landsleuten?

Begehrt - eine persönliche Widmung

Perel: Ich freute mich in meinem Land zu sein, wo die Juden in der Mehrheit waren. Aber ich merkte auch, dass sich in Israel eine Tragödie abspielte. Plötzlich begriff ich, dass die Palästinenser aus ihrem Land, wo heute Israel ist, vertrieben wurden. Das wusste ich nicht, als ich noch in Europa war. Ich dachte mir: Das was uns angetan wurde, dürfen wir keinem anderen Volk antun. Und deshalb habe ich mich der Friedensbewegung angeschlossen und habe mich politisch engagiert. Ich bin auch heute noch für eine gerechte Lösung der Palästinenserfrage. Das ist meine Lehre aus dem Holocaust. Ich liebe Israel, es ist ein schönes Land, aber ich hätte niemals geglaubt, dass es ein Besatzungsland wird und dass ein anderes Volk durch die israelische Armee brutal unterdrückt wird. Das ist gegen meine Erfahrung vom Holocaust.
LaurentiNews: Sie sind also dafür, dass die Grenzen von 1967 wieder hergestellt werden?
Perel: Ganz klar, am besten nicht morgen sondern gestern schon. Kein Friedensprozess kann gelin-gen, wenn es nur einen Paragraphen gibt, der zu einem neuen Konflikt führen kann. So wie es 1967 war, so soll es zurück. Alle Siedlungen müssten geräumt werden und alle Siedler sollten zurückkeh-ren. Oder die israelischen Siedler sollen dort bleiben, aber dann als palästinensische Bürger. Aber das wollen sie natürlich nicht, also haben wir noch vieles vor uns.

LaurentiNews: Ihr Buch und Ihr Film sind sehr populär. Erkennt man Sie in Israel auf der Straße und spricht Sie an?
Perel: Ja, auf jeden Fall. In Israel gibt es keine Schule, in der mein Buch nicht zum Unterricht gehört. Es wird immer populärer, vor allem in den niedrigeren Klassen. Mein Buch wird auf der ganzen Welt gelesen und wurde in fast alle Sprachen übersetzt, außer auf Chinesisch glaub ich.

LaurentiNews: Was haben Sie für einen Beruf ausgeübt, bevor sie Autor wurden?
Perel: Ich bin schon lange im Ruhestand. Davor habe ich mit meinem Bruder in einer kleinen Fabrik Reißverschlüsse produziert. Dann wurde ich am Herzen operiert und ging in den Ruhestand. Und erst dann kam die Erinnerung hoch. Seit 1992 bin ich nun mit meinem Buch unterwegs, nächstes Jahr habe ich also mein 20jähriges Jubiläum. Aber es melden sich immer mehr Menschen bei mir und möchten mich einladen. Und so lange es geht, mache ich es. Ich sage immer: „Oh, lieber Herrgott, lass mir noch etwas Zeit.“ Ich wollte schon mit 80 Jahren aufhören, aber jetzt bin ich schon 86 und habe noch so einiges vor mir.

Perel im Interview mit laurentinews.de

LaurentiNews: Wie gefährlich sind rechte Gruppierungen heutzutage noch? Hat Deutschland aus seiner Geschichte gelernt?
Perel: Die deutsche Jugend von heute lässt sich nicht mehr von solchen Parolen provozieren. Es gibt gewisse Randgruppen mit primitiven Jugendlichen, die sich mitreißen lassen. Das mag sich für diese Jugendlichen gut anhören, wenn sie Parolen hören wie „Deutschland den Deutschen!“, „Ausländer raus!“ oder „Zurück mit den polnischen Gebieten nach Deutschland!“. Aber die Jugendlichen denken nicht weit genug, denn sie begreifen nicht, dass die Gebiete friedlich nicht zurückzubekommen sind, sondern nur durch Krieg. Aber wir wollen doch keine Kriege mehr! Aber die überwiegende Mehrheit der deutschen Jugend hat keine Kriege mehr im Kopf. Die Jugend von damals war viel militaristischer, die haben gejubelt, wenn sie für den Führer in den Krieg ziehen durfte. Und auch Hitler sagte: „Ihr habt genug gelernt, ich brauche jetzt rücksichtslose Kämpfer“. Die Jugendlichen fühlten sich dadurch gebraucht und bestärkt. Hitler ist es gelungen, die Jugend von damals um den Finger zu wickeln. Wir müssen deshalb die Jugendlichen von heute in ihrer Persönlichkeit stärken und ihnen ein Selbstwert-gefühl vermitteln. dabei spielt natürlich auch die Schule eine wichtige Rolle. Dann wird man nicht noch einmal ein Opfer solcher Parolen. Und die Ju-gend muss kritisch sein! Man muss nicht alles hin-nehmen, was die Leute von oben sagen, weil sie nicht immer die Wahrheit sagen. Das hat man z.B. bei Bun-despräsident Köhler gemerkt. Er sagte einmal die Wahrheit und das hat ihm sein Amt gekostet.

LaurentiNews: Vor einigen Wochen wurde John Demjanjuk, ein ehemaliger KZ Aufseher des Konzent-rationslagers Sobibor, von einem deutschen Gericht zu 5 Jahren Haft verurteilt. Wie haben Sie dieses Urteil aufgenommen?
Perel: Er wurde ja verurteilt, bleibt aber trotzdem frei. Ich bin damit zufrieden. Er hat seine Strafe bekommen. Aber mit 91 Jahren kommt er sowieso bald nach oben und dann soll er sich dort verant-worten.

LaurentiNews: Hatten sie niemals Rachegedanken?
Perel: Ich war nie mit Rachegedanken erfüllt. Wie schön würde die Welt sein, wenn es keine Rache- und Vergeltungsgedanken gäbe. Das sehen wir ja auch wieder im Nahen Osten: Vergeltung folgt auf Vergeltung, dieses Blutbad endet nicht. Das ist schlimm. Deswegen will ich keine Rache.

LaurentiNews: Herzlichen Dank für das Interview und alles Gute für Sie.
Perel: Gerne, bitte sehr. Shalom.

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„Die DDR war keine Kuscheldiktatur“

Gepostet von am Mrz 4, 2011 in Allgemein, Damals, Interviews, Wissen | 2 Kommentare

Rainer Dellmuth, der zu Zeiten der Deutschen Demokratischen Republik politischer Häftling im Stasi Gefängnis Hohenschönhausen war, besuchte am gestrigen Donnerstag, den 03. März, das LSG. Der Vortrag von Rainer Dellmuth war eine interessante Mischung aus Berliner Schnauze und zynischem Sarkasmus. Jedoch ist dies für seine Zuhörer nur vordergründig komödiantisch, tatsächlich verbirgt sich dahinter eine Persönlichkeit, die noch heute massiv von ihrer Vergangenheit geprägt ist. Eine Tatsache, die auch Dellmuth gar nicht erst versuchte zu leugnen, so dass nicht zuletzt durch diese Authentizität und Glaubwürdigkeit die Ausführungen nachhaltig Eindruck bei den Zuhörern hinterlassen haben. Nach seinem Vortrag hatten wir die Gelegenheit, Rainer Dellmuth im Interview zu seinen Erlebnissen in der DDR, zur Bedeutung seiner Jugendarbeit und zu seiner Meinung zur Partei „Die Linke“ zu befragen.

Rainer Dellmuth - Zur Person

Rainer Dellmuth, geboren am 20. Juli 1948 in Berlin-Köpenick, wuchs in der DDR auf. Schon als Schüler fiel er dem Ministerium für Staatssicherheit (MfS) wegen „hetzerischen Äußerungen“ auf. Während seiner Ausbildungszeit 1967 versuchte er, die DDR zu verlassen – scheiterte aber und wurde dann wegen „Republikflucht“ verhaftet. 1971 verhaftete man ihn erneut mit dem Vor-wurf des „versuchten ungesetzlichen Grenzübertritts in besonders schwerem Fall“. In seinem Buch mit dem Titel „Ausflüge im Grotewohl-Express“ (Anita-Tykve Verlag, Berlin 1999, ISBN 3-925434-93-3) berichtet er über diese zwei Haftzeiten und enthüllt teilweise unglaubliche Dinge im Umgang mit Häftlingen oder Andersdenkenden in der DDR. So wurden Gefangene zum Beispiel tagelang mit einem Zug von einer Gefängnisanstalt zur nächsten gebracht und die Züge (Scherzes halber „Grotewohl-Express“ nach dem damaligen Minis-terpräsident der DDR Grotewohl benannt) mit Insassen standen stundenlang in der brütenden Hitze. Im November 1972 wurde Rainer Dellmuth dann in die Bundesrepublik Deutschland überführt. Als er später nach der Wiedervereinigung seine Stasi-Akten mit dem Namen „Operativ-Vorgang – Deckname Lehrling“ sichten durfte, stellte er auf 1250 Blatt fest, wie er unter anderem rund um die Uhr überwacht wurde. Heute besucht er bundesweit Schulen, um Schüler über die Schrecken der zweiten Diktatur, die sich DDR nannte, aufzuklären.

LaurentiNews: Sie reisen bereits seit vielen Jahren immer wieder durch Deutschland und besuchen Schulen. Warum ist es so wichtig, gerade Jugendliche über die SED-Diktatur aufzuklären?
Dellmuth:Die Jugend ist die Zukunft Deutschlands. Ich möchte mit meiner Arbeit einen Beitrag leisten, eine mögliche dritte Diktatur auf deutschem Boden verhindern. Außerdem finde ich, dass das DDR-Regime in den Lehrplänen zu kurz kommt, obwohl sich hier etwas tut.
Eigentlich wollte ich Lehrer werden. Indem ich also an Schulen von der DDR erzähle, komme ich diesem Beruf nahe. Aber natürlich sind meine Vorträge auch ein Weg um meine eigene Vergangenheit aufarbeiten.

Dellmuth bei seinem Vortrag im LSG

LaurentiNews: Gibt es eigentlich unterschiedliche Reaktionen auf ihre Vorträge in ostdeutschen Schulen?
Dellmuth: Viele Schüler in Ostdeutschland sind sehr neugierig darauf, was ich zu erzählen habe. Sie haben die DDR ja nicht mehr erlebt, aber sie möchten wissen, in welchen Verhältnissen ihre Eltern gelebt haben. Bei den Lehrern erlebe ich es immer wieder. dass sie oft sehr verunsichert und peinlich berührt sind. Bei eine Führung in der Stasi-Gedenkstätte Hohenschönhausen fragte mich einmal eine Lehrerin, die bereits zu DDR-Zeiten im Dienst war, warum ich nicht auch etwas Gutes über die DDR sagen würde. Ich konnte nur antworten: Gute Frau, das war hier kein Weihnachtsmarkt, hier sind Menschen gestorben. Die DDR war nicht nur Trabant und Rotkäppchen Sekt. Das war ein totalitäres System mit Toten und Verletzten an der Grenze. Über die Krüppel, die im Minenfeld ihr Bein verloren haben, redet heute kaum jemand. Wer redet über die Jugendwerkhöfe, in denen Kinder- und Jugendliche gequält wurden, über Zwangsadoptionen? Was ist denn das alles, will man das nicht mehr wissen? Sollen deshalb die Akten zugeklappt werden, weil immer mehr Schmutziges hochkommt? Nein, nicht mit mir. Das finde ich überhaupt nicht richtig.

LaurentiNews: Ihre Erlebnisse in der Stasi-Haft haben sie in ihrem Buch „Ausflüge im Grothewohl Express“ niedergeschrieben. Sie bezeichnen darin die Kommunisten des Öfteren als „rote Faschisten“. Dürfen wir uns die Kommunisten daher ebenso intolerant und radikal wie die Nationalsozialisten vorstellen? Wo waren die Parallelen zwischen der kommunistischen und faschistischen Diktatur in Deutschland?
Dellmuth: Kurt Schumacher sagte einmal: ´Unter jedem roten Rock sitzt ein brauner Arsch´. Und damit hat er meiner Meinung nach Recht – nur, dass die Sozialisten diese Intoleranz in ihrer Diktatur geräuschlos ausgelebt haben. Neben den Verhältnissen in Gefängnissen sah man dies zum Beispiel an der „militärischen“ Ordnung in der DDR. Es gab viele Uniformträger unterschiedlicher Gruppierungen. Auch die Jugend wurde von Anfang an auf das kommunistische System getrimmt – wie bei den Nazis die Pimpfe. Bei den Sozialisten hießen diese ´Jungpioniere´.
LaurentiNews: Sie hingegen haben schon in Ihrer Jugend eine Haltung gegen das kommunistische System in der DDR geäußert. Warum hat die sozialistische Propaganda Sie nicht anstecken können und wurden Sie dadurch nicht zu einem Außenseiter in Ihrer Altersgruppe?
Dellmuth: Es gab auf jeden Fall viele Mitläufer, Introvertierte. Ich habe mir meine Freunde auch nach meinen Ansichten gesucht. Zu Hause wurde ich katholisch und pro-westlich erzogen. Im Nachhinein bin ich meinen Eltern dafür dankbar. Ich bin eher der extrovertierte Typ und habe damit Wahrheiten geäußert, die keiner hören wollte. Das war natürlich gefährlich. Die Wahrheit ist in der Geschichte tatsächlich oft ungewollt. Deshalb wurde ich aufmüpfig. Die Mutter eines Jungen, mit dem ich Fußball spielte, zum Beispiel hat mich bespitzelt.
LaurentiNews: Fühlten Sie sich auch in der Schule wegen Ihrer antikommunistischen Haltung in der Notengebung benachteiligt?
Dellmuth: Das ist schwer zu sagen. Es war auf jeden Fall so, dass Konfessionelle – egal, ob katholisch oder evangelisch – beispielsweise einen besseren Notendurchschnitt haben mussten, um auf einem Gymnasium angenommen zu werden. Wenn man in kommunistischen Massenorganisationen wie zum Beispiel der FDJ („Freie Deutsche Jugend“, d.Red.) war, hatte man es nochmal einfacher.

LaurentiNews: Durch Deutschland schwappte in den letzten Jahren eine Ostalgie-Welle. Gerade im TV treten immer wieder ehemalige DDR Bürger auf und lassen den Anschein erwecken, dass doch nicht alles schlecht war in der DDR. Wie war der Alltag wirklich in der DDR?

Früher Stasi Gefängnis - heute Gedenkstätte in Berlin Hohenschönhausen

Dellmuth: Diese Sendungen zeigen ein sehr verzerrtes Bild der DDR. Seit 1949 gab es in der Bundesrepublik Deutschland, im Westen, ein Grundgesetz, das Menschenrechte und Meinungsfreiheit sicherstellte. Im Osten, in der DDR, gab es dies nicht. Überall war der Staat, der einen kontrollierte. Demokratie herrschte auch nicht. Es war ja nur die SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands, d.Red.) wählbar, die alles vorgab. So sagte Walter Ulbricht, ein Kommunist, der 1961 die Mauer er-bauen ließ: „Es muss alles demokratisch aussehen, aber wir Kommunisten müssen alles im Griff haben. Und so war es auch. Dies konnte man zu jeder Zeit im Alltag spüren. Ein unheimlich beklemmendes Gefühl, das noch viel schlimmer war, als auf bestimmte Westprodukte verzichten zu müssen.

LaurentiNews: In diesem Jahr jährt sich der Bau der Berliner Mauer zum 50. Mal. Was würden Sie Leuten sagen, die sich heutzutage ernsthaft die Mauer zurückwünschen?
Dellmuth: Diese Leute sollten einen Psychologen aufsuchen!
LaurentiNews: Für wie gefährlich halten sie heutzutage die ehemaligen Stasi-Kader?
Dellmuth: Ich möchte auf die dokumentarisch festgehaltenen Aufforderung eines Stasi-Offiziers an seine Mitarbeiter aus der Wendezeit erinnern: Mischt euch in die Wirtschaft, die Verwaltung, die Justiz der Bundesrepublik Deutschland. Das war nichts anderes, als der Aufruf, die demokratischen Verhältnisse zu untergraben. Dies hat in den letzten zwei Jahrzehnten in Deutschland wunderbar funktioniert. Deshalb ist es auch nach wie vor wichtig, die 40jährige SED Diktatur mithilfe der Stasi Unterlagen aufzuarbeiten.
LaurentiNews: Wie fühlen Sie sich, wenn Sie sehen, dass heutzutage in vielen Landesparlamenten und im Bundestag die Partei „Die LINKE“ vertreten ist?
Dellmuth: Schrecklich! Einige dieser Leute sind verantwortlich für das, was mir damals in der DDR widerfahren ist. Gregor Gysi zum Beispiel: Ein ganz schlimmer Finger, der die größte Klappe bei der Plagiatsaffäre um Herrn zu Guttenberg hatte, hat selber gewaltig viel Dreck am Stecken. Hätte ich die Gelegenheit ihm persönlich zu sprechen, dann würde ich ihm eine zweiwöchige Standpauke geben. Oder hier ganz in eurer Nähe, Michael von Klitzing, der Kreisvorsitzende der Linken in Cloppenburg, behauptet allen Ernstes, Stalin sei ein guter Mann gewesen. Dabei vergisst er, dass Stalin genauso ein Massenmörder wie Hitler war. Wir als Opfer dieses Regimes wünschen uns, dass man dies beachtet.
LaurentiNews: Ist ein wertender Vergleich zwischen der Nazi Diktatur und der SED Diktatur überhaupt zulässig?
Dellmuth: Selbstverständlich nicht. Wenn ich in meinen Vorträgen Vergleiche zwischen der NS-Zeit und der DDR Diktatur ziehe, dann mache ich das nie, um qualitativ zu werten, welche der beiden Diktaturen die grauenvollere gewesen sei, sondern um zu verdeutlichen, dass es sich bei der DDR nicht um eine „Kuscheldiktatur“, sondern um einen „menschenverachtenden Unrechtsstaat“ gehandelt hat, der alle Merkmale einer Diktatur verkörperte.

LaurentiNews: Leiden Sie heute noch unter den damailgen Haftbedingungen im Gefängnis?                                                                                                                                                         Dellmuth: Meine Haft damals hat mich für mein Leben geprägt. Ich war ja erst 18. Meine Diagnose lautet „posttraumatische Belastungsstörungen“. Das heißt Todesängste, chronische Schlafstörungen und Beziehungsschwierigkeiten. Selbst heute fällt es mir noch schwer, zu anderen Menschen Vertrauen aufzubauen. Außerdem verbringe ich lieber Zeit mit jungen Leuten als mit älteren. Diese wa-ren es, die mir so Schlimmes im Gefängnis angetan haben.                            

Rainer Dellmuth im Interview mit laurentinews.de

LaurentiNews: Was würden Sie sagen oder machen, wenn Sie heute einer Person gegenüberstehen würden, die sie damals bespitzelt hat oder die für Ihren Gefängnisaufenthalt verantwortlich war?
Dellmuth: Eine solche Begegnung hatte ich. Ich traf mich damals mit einem Herrn Berthold, der damals Oberleutnant im Gefängnis war, in Berlin, der mir seine Biographie vorstellte. Sein Vater war als politischer Gefangener, als Kommunist, in einem Nazi-KZ umgekommen. Daher war sein späterer Werdegang quasi vorgeschrieben. Aber Gewalt ist ja auch keine Lösung. Wir unterhielten uns daher. Das war höchst interessant.

LaurentiNews: Vielen Dank für dieses Interview.
Dellmuth: „Gern geschehen.“

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