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„Wir schweigen nicht!“

Es lebe die Freiheit“, dies waren die letzten Worte von Hans Scholl, bevor er von den Nationalsozialisten mit dem Fallbeil hingerichtet wurde. Wenige Minuten vor ihm war seine Schwester Sophie bereits umgebracht worden. Gemeinsam mit einigen Mitstreitern der Widerstandsbewegung „Weiße Rose“ hatten die beiden Studenten mit Flugblättern gegen die Schreckensherrschaft Hitlers gekämpft, für Frieden und Freiheit.

Im Sommer 1942 begann die studentische Widerstandsgruppe „Die Weiße Rose“ in München und später in weiteren Städten wie Stuttgart, Linz, Salzburg und Wien Flugblätter zu verteilen, in denen sie zunächst zum passiven Widerstand gegen das Hitlerregime und später auch zum Sturz der Regierung aufriefen. Kern der Gruppe waren zu Beginn die beiden Medizinstudenten Hans Scholl und Alexander Schmorell. Später kamen Christoph Probst, Sophie Scholl, Willi Graf und ihr Mentor Professor Kurt Huber hinzu und beteiligten sich an den Aktionen der Widerstandsgruppe. Als die Schlacht um Stalingrad im Winter 1942/43 tausende Todesopfer forderte, verstärkte die Gruppe ihre Aktivitäten, verteilte Flugblätter und schrieb Anti-Hitler-Parolen an Hauswände.

Lichthof der Universität München. Hier verbreiteten Hans und Sophie Scholl ihr letztes Flugblatt. (CC BY-SA 3.0, Richard Huber).

Die Gestapo, die Geheime Staatspolizei, hatte natürlich von den aufsehenerregenden Aktionen erfahren, doch tappte sie auf der Suche nach den Urhebern lange Zeit im Dunkeln. An jenem schicksalhaften Donnerstagmorgen des 18. Februar 1943  betraten die Geschwister Scholl die Universität München, an der Hans Medizin und Sophie Biologie und Psychologie studierte. In ihrem Koffer befanden sich ca. 1700 Flugblätter. Der Hausmeister Jakob Schmid, Mitglied der SA, entdeckt um kurz nach 11 Uhr Sophie Scholl dabei, wie sie einen Stapel Flugblätter in den Lichthof der Universität warf. Nachdem sie mehrere Stunden vom Rektor der Universität verhört worden waren, wurden sie schließlich der Gestapo übergeben.

In der Gestapo-Zentrale in München wurden die Geschwister in den nächsten zwei Tagen stundenlangen Verhören durch Kriminalobersekretär Robert Mohr unterzogen. Bereits in ihrer ersten Vernehmung erklärte Sophie Scholl ihre „Abneigung gegen die Bewegung“, weil „die geistige Freiheit des Menschen in einer Weise eingeschränkt wird, die meinem inneren Wesen widerspricht“. Sie wolle „mit dem Nationalsozialismus nichts zu tun haben“. Dennoch gelang es ihr, die gegen sie erhobenen Vorwürfe abzustreiten. Sie sei am Vormittag nur in der Universität gewesen, um eine Freundin abzupassen und eine Verabredung abzusagen. Anschließend hätte sie ihre Eltern in Ulm besuchen wollen und hätte deswegen einen leeren Koffer bei sich geführt. Die Flugblätter habe sie „im Vorbeigehen“ mit der Hand einen Stoß gegeben“. Dies sei eine „Dummheit“ gewesen, die sie „aber nicht mehr ändern“ könne.

Flugblätter der Weißen Rose gelangten auch auf geheimen Wegen nach England. Dort wurden sie tausendfach kopiert und mit Flugzeugen über Deutschland abgeworfen. Dieses trägt den Titel „Ein deutsches Flugblatt, Manifest der Münchner Studenten,“ (England, 1943)

Nachdem bei einer Hausdurchsuchung große Mengen an Briefmarken und anderes belastendes Material gefunden worden war, gestand Hans Scholl für die Flugblätter verantwortlich zu sein. Nachdem Robert Mohr Sophie Scholl vom Geständnis ihres Bruders berichtet hatte, räumte auch sie ein, an den Flugblattaktionen beteiligt gewesen zu sein. Zum Abschluss des Verhörs gab Sophie Scholl zu Protokoll: „Ich bin nach wie vor der Meinung, das Beste getan zu haben, was ich gerade jetzt für mein Volk tun konnte. Ich bereue deshalb meine Handlungsweise nicht und will die Folgen, die mir aus meiner Handlungsweise erwachsen, auf mich nehmen.“

Hitlers „Blutrichter“ Roland Freisler. Er führte die Prozess gegen die Mitglieder der „Weißen Rose“, später auch gegen die Verschwörer des 20. Juli.

Am 22. Februar stehen die Geschwister Scholl gemeinsam mit Christoph Probst, Vater von drei kleinen Kindern, vor dem Volksgerichtshof. Bei der Verhaftung von Hans Scholl war ein Flugblattentwurf von Probst gefunden worden, sodass auch dieser verhaftet und angeklagt worden war. Probst und die Geschwister Scholl standen vor dem sogenannten „Blutrichter“ Roland Freisler, die Anklage lautete „landesverräterischer Feindbegünstigung, Vorbereitung zum Hochverrat, Wehrkraftzersetzung.“ Doch es war klar, dass bereits vor dem Schauprozess das Urteil über die drei Angeklagten gefallen war. Schon vor Prozessbeginn erhielt das Gericht die Anweisung, dass „die Aburteilung in den nächsten Tagen hier und die Vollstreckung alsbald darauf vorzunehmen“ seien.

Ein Zeuge, der der Verhandlung beiwohnte, schrieb später, Freisler habe den Prozess „tobend, schreiend, bis zum Stimmüberschlag brüllend, immer wieder explosiv aufspringend“ geführt.  Die Angeklagten seien immer wieder als eine Mischung von Dümmlingen und Kriminellen dargestellt worden. Als die Eltern von Hans und Sophie Scholl vom Prozess erfahren, eilen sie nach München, doch Freisler verweigert ihnen den Zutritt zum Gerichtssaal. Nach einer gut dreistündigen Verhandlung verkündete um 12.45 Uhr Roland Freisler das Todesurteil – unter anderem wegen „Wehrkraftzersetzung“. Die Gnadengesuche der Eltern werden abgelehnt.

Der Text des letzten Flugblattes der Weißen Rose

Kommilitoninnen! Kommilitonen! Erschüttert steht unser Volk vor dem Untergang der Männer von Stalingrad. Dreihundertdreißigtausend deutsche Männer hat die geniale Strategie des Weltkriegsgefreiten sinn- und verantwortungslos in Tod und Verderben gehetzt. Führer, wir danken dir! Es gärt im deutschen Volk: Wollen wir weiter einem Dilettanten das Schicksal unserer Armeen anvertrauen? Wollen wir den niedrigsten Machtinstinkten einer Parteiclique den Rest unserer deutschen Jugend opfern? Nimmermehr! Der Tag der Abrechnung ist gekommen, der Abrechnung der deutschen Jugend mit der verabscheuungswürdigsten Tyrannis, die unser Volk je erduldet hat. Im Namen des ganzen deutschen Volkes fordern wir vom Staat Adolf Hitlers die persönliche Freiheit, das kostbarste Gut der Deutschen zurück, um das er uns in der erbärmlichsten Weise betrogen. In einem Staat rücksichtsloser Knebelung jeder freien Meinungsäußerung sind wir aufgewachsen. HJ, SA und SS haben uns in den fruchtbarsten Bildungsjahren unseres Lebens zu uniformieren, zu revolutionieren, zu narkotisieren versucht. „Weltanschauliche Schulung“ hieß die verächtliche Methode, das aufkeimende Selbstdenken und Selbstwerten in einem Nebel leerer Phrasen zu ersticken. Eine Führerauslese, wie sie teuflischer und zugleich bornierter nicht gedacht werden kann, zieht ihre künftigen Parteibonzen auf Ordensburgen zu gottlosen, schamlosen und gewissenlosen Ausbeutern und Mordbuben heran, zur blinden, stupiden Führergefolgschaft. Wir „Arbeiter des Geistes“ wären gerade recht, dieser neuen Herrenschicht den Knüppel zu machen. Frontkämpfer werden von Studentenführern und Gauleiteraspiranten wie Schulbuben gemaßregelt, Gauleiter greifen mit geilen Späßen den Studentinnen an die Ehre. Deutsche Studentinnen haben an der Münchner Hochschule auf die Besudelung ihrer Ehre eine würdige Antwort gegeben, deutsche Studenten haben sich für ihre Kameradinnen eingesetzt und standgehalten… Das ist ein Anfang zur Erkämpfung unserer freien Selbstbestimmung, ohne die geistige Werte nicht geschaffen werden können. Unser Dank gilt den tapferen Kameradinnen und Kameraden, die mit leuchtendem Beispiel vorangegangen sind! Es gibt für uns nur eine Parole: Kampf gegen die Partei! Heraus aus den Parteigliederungen, in denen man uns politisch weiter mundtot halten will! Heraus aus den Hörsälen der SS-Unter- und Oberführer und Parteikriecher! Es geht uns um wahre Wissenschaft und echte Geistesfreiheit! Kein Drohmittel kann uns schrecken, auch nicht die Schließung unserer Hochschulen. Es gilt den Kampf jedes Einzelnen von uns um unsere Zukunft, unsere Freiheit und Ehre in einem seiner sittlichen Verantwortung bewussten Staatswesen. Freiheit und Ehre! Zehn lange Jahre haben Hitler und seine Genossen die beiden herrlichen deutschen Worte bis zum Ekel ausgequetscht, abgedroschen, verdreht, wie es nur Dilettanten vermögen, die die höchsten Werte einer Nation vor die Säue werfen. Was ihnen Freiheit und Ehre gilt, das haben sie in zehn Jahren der Zerstörung aller materiellen und geistigen Freiheit, aller sittlichen Substanz im deutschen Volk genügsam gezeigt. Auch dem dümmsten Deutschen hat das furchtbare Blutbad die Augen geöffnet, das sie im Namen von Freiheit und Ehre der deutschen Nation in ganz Europa angerichtet haben und täglich neu anrichten. Der deutsche Name bleibt für immer geschändet, wenn nicht die deutsche Jugend endlich aufsteht, rächt und sühnt zugleich, ihre Peiniger zerschmettert und ein neues geistiges Europa aufrichtet. Studentinnen! Studenten! Auf uns sieht das deutsche Volk! Von uns erwartet es, wie 1813 die Brechung des napoleonischen, so 1943 die Brechung des nationalsozialistischen Terrors aus der Macht des Geistes. Beresina und Stalingrad flammen im Osten auf, die Toten von Stalingrad beschwören uns! „Frisch auf mein Volk, die Flammenzeichen rauchen!“ Unser Volk steht im Aufbruch gegen die Verknechtung Europas durch den Nationalsozialismus, im neuen gläubigen Durchbruch von Freiheit und Ehre.

Vor ihrer Hinrichtung hatten die Geschwister die Gelegenheit bekommen, sich von ihren Eltern zu verabschieden. Magdalena Scholl, eine tiefgläubige Frau, versuchte ihrer Tochter Mut zu machen: „Gell, Sophie, Jesus!“ Ihre Tochter entgegnete mit kräftiger Stimme: „Ja, Mutter, aber du auch!“ Dann fragte Magdalena Scholl ihre Sophie noch: „Mein Liebes, wirst du denn nun nie mehr bei mir zur Tür hereinkommen?“ Da antwortete ihre Tochter: „Ach Mutter, die paar Jährle noch …!“

Mahnmal zur Erinnerung an die „Weiße Rose“ vor der Universität München.

Um 17 Uhr werden die Geschwister Scholl und Christoph Probst mit der Guillotine hingerichtet. Der Henker, Johann Reichert, zeigte sich in späteren Gesprächen tief beeindruckt vom Mut, den Sophie Scholl im Angesicht ihres Todes hatte. Mit einer „kindlich festen Bereitschaft“ sei sie in den Tod gegangen. „Ich habe noch nie jemanden so sterben sehen“, so Reichert.

Auch Gestapo-Mann Robert Mohr, der übrigens nie zur Rechenschaft gezogen wurde, sah Sophie Scholl circa zwei Stunden vor der Hinrichtung ein letztes Mal und berichtete später: „Nach einigen Worten des Trostes habe ich mich von Sophie Scholl verabschiedet. Ich kann nur wiederholen, dass dieses Mädel, wie auch ihr Bruder, eine Haltung bewahrt hat, die sich nur durch Charakterstärke, ausgeprägte Geschwisterliebe und eine seltene Tiefgläubigkeit erklären lässt.“

Pfarrer Karl Alt, der kurze Zeit später die Särge der Geschwister segnete, sprach dabei Worte aus dem Johannes-Evangelium: „Niemand hat größere Liebe denn die, dass er sein Leben hingibt für seine Freunde.“

Die anderen Mitglieder der „Weißen Rose“, Kurt Huber, Willi Graf und Alexander Schmorell wurden am 19. April 1943 in einem zweiten Prozess vor dem Volksgerichtshof ebenfalls zum Tode verurteilt.

Die Widerstandsaktionen und Flugblätter der „Weißen Rose“ waren nicht nur ein Aufstand des Gewissens. Die Mitglieder der „Weißen Rose“ handelten aus der tiefen Überzeugung heraus, dass man nicht mehr schweigend zuschauen dürfe, sondern Widerstand gegen das verbrecherische Regime leisten müsse. Für diese Überzeugung bezahlten die fünf Münchner Studenten und ihr Professor mit ihrem Leben. Und so sagte Thomas Mann in einer Radioansprache vom 27. Juni 1943:

„Brave, herrliche junge Leute! Ihr seid nicht umsonst gestorben, sollt nicht vergessen sein“

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