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Blind sehen

Schwärze. Weiße Blitze jagen durch das Blickfeld. Es sind neuronale Entladungen. Man sieht sie nur im Dunkeln, wenn sie von keinen anderen Farben überlagert werden. „Rot, grün, gelb – das sind bloß Vokabeln für mich“, erklärt  Rudi, der von Geburt an blind ist, „ich habe keine Ahnung, WIE Farben sind. Sie fühlen sich alle gleich an.“

Die Leute, die er durch stockfinstere Räume in der Hamburger Speicherstadt führt, müssen wie er auf das Sehen verzichten. Tasten, Hören, Riechen und Schmecken sind angesagt. Denn egal, wie weit sie die Augen aufreißen, auch sehfähige Menschen bekommen in der Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ nichts als Schwärze zu Gesicht. Doch sie spüren umso mehr. Mit Blindenstöcken ausgerüstet wird jede Achtergruppe hineingeführt in das neunzigminütige Abenteuer Blindsein. Nach einem kurzen Adrenalinstoß, der sie in dem dunklen Raum empfängt, geht es über wackelige Brücken im Park, über Wiesen und Kies in den Keller hinein, der erfüllt ist von Nelken- und Anisgeruch. Anschließend steht ein Besuch auf dem Wochenmarkt an. Über die Ampel führt der Weg in ein Bootshaus. An Bord eines Bootes können die vorübergehend Blinden sich zum Singen hinreißen lassen. Entspannung steht im Klangzimmer auf dem Plan, ehe der Besuch in der neu entdeckten alten Welt ein Ende hat. Doch vorerst darf der Nachmittag an der Bar ausklingen – bei einem gewohnten Getränk, das plötzlich viel besser zu schmecken scheint als bei Tageslicht.

„Wenn ihr vor der Wahl stündet taub-stumm oder blind zu sein, wofür würdet ihr euch entscheiden?“, fragte kürzlich eine Lateinlehrerin ihre zehnte Klasse. Der „Dialog im Dunkeln“ zeigt, dass das Leben blind ein anderes ist. Ein Großteil der Kommunikation erfolgt über das Hören und Sprechen. Andere Reize wie Berührungen und Gerüche werden wesentlicher intensiver wahrgenommen.

Normalerweise bewirkt der nonverbale Anteil der Kommunikation mehr als 80 Prozent der Reaktionen, so die Auffassung des Pantomimen und Hochschullehrers Samy Molcho.

Rudi zum Beispiel hat dank seiner Erblindung Schwierigkeiten beim Flirten: Wie solle man auf die Blicke einer schönen Frau reagieren? Wie solle man überhaupt mitbekommen, dass sie ihm Aufmerksamkeit schenkt?

Die Binde, die ihn als blind auszeichnet, trage er selten. Er ist ein Mensch wie jeder andere, hat bloß andere „Bilder“ im Kopf. Er kommt durchs Leben, nur sieht er die Welt mit anderen Augen.

Weitere Informationen zum “Dialog im Dunkeln” findet Ihr hier.

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