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Burnout – eine Volkskrankheit?

Ausgebrannt sein – man ist körperlich, emotional und geistig einfach nur noch erschöpft und nicht mehr in der Lage, im Arbeitsleben die gewohnten Leistungen zu erbringen. Doch auch im Privatleben gibt es diese Symptome, wodurch auch sehr viele der Betroffenen schließlich in Depressionen verfallen. Alles in allem eine sehr beeinträchtigende Krankheit – und doch wurde sie erst 2019 von der WHO, der Weltgesundheitsorganisation, als eine solche anerkannt.

Burnout-Syndrom – Ein kurzer Abriss

Immer mehr Menschen erkranken an der neu anerkannten Krankheit, so viele, dass sie bereits nicht selten als die neue Volkskrankheit bezeichnet wird – doch wie entsteht sie, seit wann wird sie schon inoffiziell genannt und woran liegt es, dass immer mehr Menschen dem Syndrom zum Opfer fallen?

Zunächst startet es meist mit dem noch harmlosen Wunsch, sich zu beweisen. Man hat einen neuen Job oder hatte vor kurzem eine Beförderung und will beweisen, dass es sich für den Arbeitgeber gelohnt hat. Unterbewusst artet dies jedoch schnell in eine Art Zwang aus, der dafür sorgt, dass man sich mehr und mehr im Job einsetzt, auch wenn man es gar nicht nötig hat. Auf dieser Stufe fangen die Betroffenen an, Überstunden zu machen, Arbeit mit nach Hause zu nehmen und vor allem auch einfach nicht mehr „Nein“ zu sagen, aus Sorge, dass, wenn sie Arbeit ablehnen würden, sie direkt in Schwierigkeiten kommen. Arbeitgeber verwechseln diesen Zwang oft mit einfachem Enthusiasmus beim Arbeiten, womit es alles ja auch angefangen hat.

Eine Stufe weiter beginnt der Betroffene dann, eigene Bedürfnisse für die Arbeit zu vernachlässigen. Zum Beispiel beginnt er, Pausen zu streichen, in denen er essen sollte oder schläft zu wenig, da er – wie gesagt – zu Hause weiter- und weiterarbeitet oder Überstunden schiebt und erst spät überhaupt zu Hause ist. Dies verschlimmert sich immer weiter bis zur vierten Stufe des Burnouts, bei dem dann auch private Konflikte vermieden werden und ein leichter Rückzug eintritt; Betroffene vergessen private Termine, werden ungenau und schaffen es hier schon nicht mehr, versprochene Aufgaben zu erledigen.

Stufe fünf ist das Ende der Seite des Burnouts, die noch schnell behandelt werden kann – ab diesem Punkt dreht die Spirale schon so tief, dass professionelle Hilfe nötig ist.

Jetzt wird nämlich die Arbeit endgültig vor allen anderen Dingen gestellt und die Erkrankten stumpfen ab oder geben Kontakte auf, die sie plötzlich als belastend empfinden. Viele geraten dazu noch in Stress mit dem Partner.

Stufe sechs ist die Verleugnung der aufgetretenen Probleme – die Betroffenen versuchen, weiterzuleben wie zuvor und wollen sich nicht helfen lassen, während sie beginnen, Hass oder Angst gegenüber der Arbeit zu entwickeln und den Wunsch zu bekommen, nicht mehr dorthin zu gehen. Sie bekommen mehr und mehr Fehlzeiten und arbeiten, wenn sie es tun, erst später, wobei sie letztendlich früher aufhören. Aus dem anfänglichen Enthusiasmus ist genau das Gegenteil geworden; sie versuchen, so wenig zu arbeiten, wie nur möglich.

Infografik: Die stärksten Belastungen im Arbeitsalltag | Statista Mehr Infografiken finden Sie bei Statista


Bei der nächsten Stufe tritt der Rückzug ein, der schon bei vorherigen Stufen langsam angefangen hat. Hier ist dieser Rückzug jedoch schon sehr extrem. Kontakte werden ausnahmslos fallengelassen, die Betroffenen reden nicht mehr viel und verschließen sich vor der kompletten Außenwelt. Sie wollen sich nicht helfen lassen, da sie sich schwertun, überhaupt ihre Probleme wahrzunehmen und zu akzeptieren. Diese Menschen fühlen den Ansatz einer Gefühlsleere und versuchen diese mit Alkoholkonsum oder ungesundem Essen zu füllen.

Im Verhalten direkt ändert sich vieles erst bei Stufe acht. Erkrankte beginnen hier, sich aggressiv gegenüber gut gemeinter Zuneigung zu verhalten, egal wie lieb und ruhig sie sonst sind. Sie leiden unter Selbstmitleid und Einsamkeit und geben jegliche Produktivität auf. Dies schließt an die nächste Stufe an, die die endgültige innere Leere und das Gefühl der Entfremdung mit sich trägt. Sie funktionieren einfach nur noch, etwa wie eine Maschine, und fühlen durch besagte Entfremdung einfach nicht mehr. Negative Wechselwirkungen zwischen der physischen und psychischen Gesundheit treten weiter in den Vordergrund und belasten die Betroffenen weiter.

Stufe zehn bringt die schmerzhaften, starken Emotionen wieder zurück, wechselt sie aber auch immer wieder mit dem Gefühl, dass man abgestorben ist, aus. Dazu kommen phobische Zustände, Panikattacken und die Angst vor anderen Menschen. Oft jagt die Angst den Erkrankten bis in die Träume nach und sorgt für durchgehend schlaflose Nächte. Hier tritt dann auch zum ersten Mal eine klare negative Einstellung dem Leben gegenüber ein. Dass es hier jedoch nicht bleibt, ist klar, da es noch zwei weitere Stufen gibt, die Burnout-Patienten durchmachen, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt werden; zunächst kommt es zu Depressionen. Die negative Einstellung setzt sich immer weiter durch und trägt Hoffnungslosigkeit mit sich. Dazu kommt noch der stetige Wunsch nach Dauerschlaf und zusammen gipfelt diese Stufe in einer existenziellen Krise. Mit so einer Krise kommen dann auch die Selbstmordgedanken ins Spiel – die Betroffenen befinden sich jetzt in der ernsthaften Gefahr, sich selbst etwas anzutun.

Wenn sie jetzt keine Hilfe bekommen, kommt es zur völligen Burnout-Erschöpfung; Stufe zwölf. Wenn Erkrankte es nicht selber durch Suizidgedanken und vor allem -versuche tun, gefährdet jetzt die komplette geistige, physische und psychische Erschöpfung ihre Leben. Das Immunsystem ist extrem beschädigt oder komplett zusammengebrochen und es kommt zu Herz-Kreislaufkrankheiten, tödlichen Infekten, sowie Magen-Darm-Krankheiten oder Schlaganfälle, da der Körper das einfach nicht mehr aushalten oder abhalten kann, da die ganze Energie vom Burnout entzogen wurde. Diese Stufe bringt durch Genanntes auf Dauer eine extreme Lebensgefahr mit sich; wer sich nun nicht helfen lässt oder sich selber Hilfe sucht, wird sehr wahrscheinlich früher oder später das Leben an die Krankheit verlieren.

Burnout ist also eine sehr wohl ernstzunehmende Krankheit – eine, die die Aufmerksamkeit, die sie im Moment bekommt, auch „verdient“ hat.

Der klassische Verlauf einer Burnout-Erkrankung.
(Quelle: Freudenberger/North / Bild: pixaybay (CC0) / Illustration: laurentinews)

Das Problem ist; auch wenn der Burnout in diesen letztlich genannten Extremen endet, ist er keine seltene Krankheit mehr – jährlich erkranken rund 40.000 Menschen an der neu anerkannten Krankheit. Vergleicht man die Zahlen mit denen von dem Zeitraum der 2000er, ist der Anteil an Burnout-Erkrankten um 115 Prozent gestiegen. Das Syndrom ist also auf dem Weg, neben Depressionen zu einer Volkskrankheit zu werden.

Um einen Einblick in die Erfahrungen eines Burnout-Patienten zu bieten, haben wir den ehemaligen Betroffenen Jan W. interviewt, der mit uns über seine Erfahrungen gesprochen hat.

Laurentinews.de: Da man womöglich eine eher differenzierte Sicht auf den Burnout haben kann, je länger er her ist, wäre unsere erste Frage erstmal, wie lange Ihrer bereits her ist.

Jan W.: Februar 2019. Dort endete der Burnout, nachdem er im Zeitrahmen des Novembers und Dezembers 2018 angefangen hatte.

Hätten Sie es schon vor dem Erleiden dieser Krankheit am Ende des Jahres 2018 für möglich gehalten, ein Betroffener zu werden, oder hielten Sie sich für die Art Person, die so ein Burnout nicht treffen könnte?

Ich glaube, zu denken, dass einen so etwas nicht treffen könnte, ist ein bisschen naiv. Sobald man in eine passende Situation gerät, ist es auch möglich, eine solche Krankheit zu bekommen. Gerade, weil man es auch zunächst nicht merkt und es sich erst eher um einen schleichenden Prozess handelt. Direkt geahnt habe ich es also nicht, aber ich habe mich auch nicht davon ausgeschlossen.

Was waren denn die ersten Anzeichen, dass etwas nicht stimmte, die Sie selber mitbekommen haben, und wie haben Sie darauf reagiert?

Naja, das werden wahrscheinlich viele Betroffene kennen; es war diese Angst zur Arbeit zu gehen oder generell weiterzumachen. Dazu kam dann noch die Schlaflosigkeit dazu, sowie Appetit- und Antriebslosigkeit. Gleichzeitig hatte ich auch noch diese Angst, dass ich etwas falsch mache. Das waren so die ersten Sachen. Und du hast halt einfach das Gefühl, dass dein Selbstbewusstsein leidet, du dauerhaft unter Strom stehst und du die Kontrolle verlierst, das beides als Reaktion auf diese ersten Auffälligkeiten.

Was war denn dann der entscheidende Punkt, weswegen Sie zum Arzt gegangen sind, wodurch Sie auch ihre Diagnose bekommen haben? Oder gab es beim ersten Arztbesuch noch gar keine Diagnose?

Beim ersten Mal noch nicht, nein. Das war irgendwann im November, da der Arzt auf meine Unruhe und mein Unwohlsein meinte, dass es nur phasenähnlich sei, mich eine Woche krankschrieb und meinte, ich solle es einfach etwas ruhiger angehen lassen. Später wurde es mein Zustand noch schlimmer – man kann es mit konstanten Panikattacken vergleichen – und das ging so lange weiter, bis ich einen richtigen Nervenzusammenbruch hatte. Direkt am Tag vor dem zweiten Arzttermin, mit dem dann auch die Diagnose kam, musste ich mich auch übergeben vor übermäßigem Stress und Verzweiflung.

Wie haben Sie sich denn in der Zeit nach der Diagnose gefühlt? Nahm der Burnout Einfluss auf Ihr Privatleben durch beispielsweise Änderungen im Verhalten gegenüber Angehörigen?

Natürlich habe ich mich verändert. Ich hatte dann halt nicht nur Stress mit Sachen im Arbeitsleben, sondern auch mit Dingen wie Rechnungen oder sozialen Kontakten, und generell habe ich halt auch schnell gereizt auf dieses Thema reagiert, wenn es angesprochen wurde. Vor allem habe ich nach so einer Diagnose auch viel nachgedacht. Nachgedacht darüber, wie es dazu kommen konnte. Letztendlich hast du ja doch nicht so damit gerechnet. Dass man so weit sein würde, dass man sich durch den Burnout krankschreiben oder um eine Behandlung Gedanken machen musste, wie man da schnell wieder rauskommt, wie es ist danach weiterzumachen, solche Fragen habe ich mir halt oft gestellt. Mit all den Beeinträchtigungen die der Burnout bringt will man da natürlich nicht wieder reinkommen, wenn man erstmal rauskommt.

Welchen Weg zur Heilung haben Sie denn gewählt? Sie wurden ja in jedem Fall krankgeschrieben, aber mussten Sie zusätzlich in weitere ärztliche Behandlung oder hat Ihnen anderes zur Genesung verholfen?

Ich habe mich dazu entschieden, keine psychologische Behandlung zu nehmen, auch wenn der Arzt mir einen Zettel mitgegeben hat, sodass ich weiß, wo ich mich für eine Therapie anmelden könnte. Ich bin einfach erstmal mit meinem Leben zur Ruhe gekommen und habe so versucht, mich wieder aufzurichten. Wie genau, was genau oder wann genau das alles geholfen hat, ist jedoch schwer zu sagen. Ich habe es noch lange Zeit mit mir rumgetragen, die Gedanken an den Burnout, bevor ich damit abschließen konnte.

Im Nachhinein, was würden Sie sagen, war/-en der/die Auslöser für Ihren Burnout?

Die sehr vielen Überstunden, die ich auf der Arbeit gemacht habe, die sehr extrem mit Stress verbunden waren. Und in diesen Überstunden musste man halt immer Sachen machen, die sich eigentlich schon verspätet haben, durch irgendwelche Sachen wie kleine Fehler, die gemacht wurden. Zusammengefasst wurde der Haufen an Arbeit immer größer und ich als Mitarbeiter immer weniger geschützt und immer schlechter behandelt, und dann haben sich diese Fehler natürlich gehäuft, dadurch dass es mir immer schlechter ging, und so drehte sich das immer weiter in den Burnout. Irgendwann war dieser Punkt erreicht, wo es komplett zu viel geworden ist.

Könnten Sie sich als ehemaliger Betroffener vorstellen, dass der Burnout eine stetig üblichere Krankheit in unserer heutigen Gesellschaft wird, wenn ja/nein, warum?

Ich glaube, dass es früher in gewissen Maßen schon ähnlich war wie heute, da es immer Menschen gab, die anfälliger auf sowas sind, nur dass man damals mit dem Burnout nicht richtig umgegangen ist, da es ihn so „noch nicht gab“. Da wurde dann einfach gesagt, „ja, reiß dich mal zusammen“, was, denke ich mal, auch nicht immer gut geendet ist. Es gibt natürlich immer mehr Bürojobs, in den Schulen wird auch einfach mehr von den Kindern erwartet, immer mehr Leistung, immer weniger Stunden noch hierfür, also mehr Leistung auf weniger Zeit, so auch im Arbeitsleben. Dass es nun mehr Leute gibt, die direkt dafür anfällig sind, das denke ich jedoch nicht. Die Leute, die aber sowieso anfällig sind, werden aber meiner Meinung nach heutzutage noch eher da rein gedrängt als früher, weswegen es mehr Burnout-Fälle gibt.

Und genau das ist der Punkt – es gibt immer mehr Leistungsdruck auf immer weniger Zeit in unserer heutigen Gesellschaft und immer weniger Verständnis für die Notwendigkeit von einer erfüllenden Freizeit, dazu kommt noch das Abhandenkommen eines gesunden Schlafrhythmus. Überall wird von vielen Seiten Stress und verschiedene Arten von Zeitdruck produziert. Dies steigert nicht nur die Anzahl der Burnout-Erkrankten unter den anfälligeren Menschen, es wandelt auch die früher seltenen Depressionen in eine weitere Volkskrankheit um. So gefährliche psychische Krankheiten, die zu großflächig in der Bevölkerung auftretenden Leiden werden? Es klingt abschreckend, doch es ist die Wahrheit – mit dem Blick in die Zukunft wird klar, dass es um das psychische Wohl der Deutschen nicht gut steht. 

Recherche und Interview: Jara Wilms

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