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Das Gendern – politisches Statement oder Krittelei?

Die einen befürchten den Untergang der deutschen Sprache, die anderen sehen in gendergerechter Sprache einen längst überfälligen Schritt, die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern auch sprachlich angemessen zum Ausdruck zu bringen. Doch wie „gender“ darf die Sprache werden, was können wir damit erreichen und lässt sich dieser Prozess „von oben“ verordnen?

Das Motiv, Ungleichheiten in der Gesellschaft zu minimieren und Sexismus oder Rassismus strikt auch mithilfe von Rechtschreibung und Grammatik entgegenwirken zu wollen, wird immer präsenter. Ob Gendersternchen und das Einbringen des Femininums, Kinderliteratur, die auf neue Maximen der Sprache untersucht wird oder die Möglichkeit sich beispielsweise bei Stellenanzeigen dem dritten Geschlecht „divers“ zuzuordnen – all das sind Beispiele für Änderungen, die auf Gerechtigkeit und Akzeptanz abzielen. Doch führen diese Umstrukturierungen in der deutschen Sprache wirklich zu einer wachsenden Gleichberechtigung oder ist diese „gesprochene Gerechtigkeit“ mehr Schein als Sein?
Befürworter*innen des Genderns führen an, dass Sprache Gedanken formt und somit auch Klischees und festgefahrenen Rollenbildern entgegenwirken kann. Wenn man beispielsweise von dem Piloten und dem Bordpersonal hört, ordnet man den einzelnen Personen unbewusst eine bestimmte Rolle und ein bestimmtes Geschlecht zu. Mit Begriffen wie: die Ärzte, die Redakteure, die Anwälte etc. wird die weibliche Form der einzelnen Gruppen nicht sichtbar.
Hier ein anschauliches Beispiel in Form eines kleinen Rätsels: Ein Vater und sein Sohn fahren im Auto. Sie haben einen schweren Unfall, bei dem der Vater sofort stirbt. Der Junge wird mit schweren Kopfverletzungen in ein Krankenhaus gebracht, in dem ein Chef-Chirurg arbeitet, der eine bekannte Koryphäe für Kopfverletzungen ist. Die Operation wird vorbereitet, alles ist fertig, als der Chef-Chirurg erscheint, blass wird und sagt: “Ich kann nicht operieren, das ist mein Sohn!”.
Frage: In welchem Verwandtschaftsverhältnis stehen der Chirurg und das Kind?” Beim erstmaligen Lesen verursacht dieses Rätsel wohl viel Kopfzerbrechen und führt zu wilden Spekulationen, aber die Lösung ist denkbar einfach: Der Chirurg ist die Mutter des Kindes, also eigentlich die Chirurgin. Wir merken an diesem Beispiel, wie stark wir manche Begriffe automatisch mit einem bestimmten Geschlecht verknüpfen.

Was ist typisch männlich, was ist typisch weiblich? Rollenklischees sind auch in der Sprache manifestiert. (Symbolbild / pixabay CC0)


Hier kann man sich nun die Frage stellen, in wieweit dieses Sichtbarsein nötig ist, was auch eines der größten Streitpunkte in der Diskussion um das Gendern darstellt. Um den Wunsch nach gendergerechter Sprache nachvollziehen zu können, muss man sich erst einmal der oben aufgeführten Macht von Sprache bewusst werden. Das was erst einmal kompliziert klingt, ergibt sich aber vielleicht schon aus Alltagssituationen. Ein einfaches Beispiel zeigt, was sicherlich viele Schüler*innen kennen: Aufforderungen der Eltern, Tätigkeiten im Haushalt zu übernehmen. Hier gibt es ersichtliche Motivationsverschiedenheiten, wenn man um etwas gebeten wird vs. wenn man einen imperativische Aufruf seitens der Eltern erhält, obwohl der Kern der Bitte oder der Aufforderung der gleiche ist. Beim Gendern befindet sich die Macht der Sprache jedoch noch auf einer ganz anderen Ebene. Es könnte als antifeministisch gelten, nicht die weibliche Form eines Begriffes zu erwähnen, was auch historisch begründet ist. Schließlich haben viele starke Frauen in der Geschichte für die Rechte gekämpft, die wir nun besitzen und uns als alltäglich erscheinen. Trotzdem kommt das Thema der Ungleichheit zwischen Mann und Frau immer wieder auf, da es, wie zum Beispiel bei der Bezahlung von Männern und Frauen, immer noch große Unterschiede gibt. Die feministische Bewegung erweitert sich – auch in sozialen Netzwerken – und in vielen Bereichen wird nach Mängeln gesucht, um die Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau auszubauen. In der Folge ist Neutralität in dieser Debatte ein Fremdwort, da Sprecher*innen Kritik erfahren, wenn sie das generische Maskulinum verwenden, was aber auch der Fall ist, wenn sie die weibliche Form mit einbringen. Das bedeutet, dass mit dem jeweiligen Ausdruck automatisch eine Unterstellung einer Wertung der Geschlechter folgt. Hier stellt sich also die Frage: Ist es noch deskriptiv oder ist es schon wertend?
Gegner des Genderns heben hervor, dass das Gendersternchen möglicherweise zu einer gerechter wirkenden Gesellschaft führt, aber in der Praxis keinen wirklichen Einfluss hat. Taten ständen über Worten. Das Gendern beinhalte zwar indirekt Werte der Gleichheit in sich, doch ist es wirklich Akzeptanz, wenn das Gendern nicht mehr freiwillig, sondern obligatorisch ist? Im Übrigen wird bemängelt, dass das Gendersternchen optisch unschön oder kompliziert in der Aussprache sei und die Einfachheit in dem Bezug beibehalten werden sollte.
Sprache ist ständig in Bewegung und schließt automatisch Veränderungen in der Gesellschaft oder auch in der Technik mit ein, weshalb es wenig sinnvoll erscheint, für etwas kritisiert zu werden, was noch alltäglich ist und ohne Wertung ausgesprochen wird. Ob die Ziele, die das Gendern verfolgt, mit dem Gendern erreicht werden können, bleibt abzuwarten. Eine konkrete Lösung ist somit schwer zu finden, wobei das Gendern in schriftlicher Form und das freiwillige Verwenden der jeweiligen Form im mündlichen Sprachgebrauch vielen effizient scheint, da die weibliche Form einerseits eingebracht wird, es aber andererseits eine Privatentscheidung bleibt. Insgesamt ist es eher eine Möglichkeit als ein Must und der Fokus, da sind sich sicherlich alle einig, sollte bei der Gleichberechtigung der Geschlechter auf Taten und nicht nur auf die sprachliche Hülle gesetzt werden.

Text und Recherche: Mina Barg

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