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“Das tritt nach meiner Kenntnis…ist das sofort…unverzüglich.”

Auf dem linierten Papier ist mit krakeliger Handschrift etwas mit einem schwarzen Kuli notiert, dazu zwei spitze rote Pfeile. Mit diesem Zettel geht Günter Schabowski in die Pressekonferenz in Ostberlin am 9. November 1989. Es sollte der der wohl wichtigste Moment der Wende werden.

An diesem 9. November hatte tagsüber das Zentralkomitee (ZK) der SED getagt. Neues Führungspersonal war gewählt worden, am nächsten Tag sollte der Staatsratsvorsitzende Egon Krenz in einem Referat den neuen Kurs erläutern. Um kurz nach 18 Uhr begann in den Räumen des Internationalen Pressezentrums der DDR (Mohrenstraße 38) eine Pressekonferenz der SED. Die Journalisten befragten Schabowski nach der künftigen Rolle der SED, nach Gesprächen mit dem Neuen Forum. Die Pressekonferenz plätscherte vor sich hin.

Doch dann, um 18.53 Uhr – kurz vor Ende der Pressekonferenz – fragt Riccardo Ehrman, Chefkorrespondent der italienischen Nachrichtenagentur Ansa, in gebrochenem Deutsch: „Herr Schabowski, Sie haben von Fehler gesprochen. Glauben Sie nicht, dass es war ein großer Fehler, diesen Reisegesetzentwurf, das sie haben jetzt vorgestellt vor wenigen Tagen?“ Daraufhin zieht Schabowski einen Zettel mit den Beschlüssen des Politbüros und des Zentralkomitees heraus. An der Sitzung beider Gremien hat er selbst nicht teilgenommen, er ist schlecht informiert. Am Nachmittag hatte Egon Krenz seinem Genossen den ZK-Reisebeschluss in die Hand gedrückt und gebeten, ihn zu verlesen und zu erläutern. Auf einen Notizzettel schrieb Schabowski für die Pressekonferenz das Stichwort „Verlesen Text Reiseregelung“.
Schabowski reagiert konfus auf die Frage des italienischen Journalisten. Er beginnt vorzulesen:

“Privatreisen nach dem Ausland können ohne Vorliegen von Voraussetzungen (Reiseanlässe und Verwandtschaftsverhältnisse) beantragt werden. Die Genehmigungen werden kurzfristig erteilt. Versagungsgründe werden nur in besonderen Ausnahmefällen angewandt. Die zuständigen Abteilungen Pass- und Meldewesen der VPKA (Volkspolizeikreisämter) in der DDR sind angewiesen, Visa zur ständigen Ausreise unverzüglich zu erteilen, ohne dass dafür noch geltende Voraussetzungen für eine ständige Ausreise vorliegen müssen. Die Antragstellung auf ständige Ausreise ist wie bisher auch bei den Abteilungen Innere Angelegenheiten möglich. Ständige Ausreisen können über alle Grenzübergangsstellen der DDR zur BRD beziehungsweise zu Berlin (West) erfolgen. Damit entfällt die vorübergehend ermöglichte Erteilung von entsprechenden Genehmigungen in Auslandsvertretungen der DDR beziehungsweise die ständige Ausreise mit dem Personalausweis der DDR über Drittstaaten.”

Auf die Nachfrage des Hamburger Bild-Zeitungsreporters Peter Brinkmann „Wann tritt das in Kraft?“ ragiert Schabowski etwas ratlos. Er sucht in seinen Papieren und meint dann:

“Das tritt nach meiner Kenntnis – ist das sofort, unverzüglich…”

Wie sich erst später herausstellte, sollte die neue Reiseregelung keineswegs an jenem 9. November verlesen werden. Er hatte die Sperrfrist übersehen. Eigentlich sollte die Nachricht erst ab vier Uhr früh des nächsten Tages im DDR-Rundfunk verkündet werden. Die Offiziere an den grenzübergangsstellen wären bis dahin informiert gewesen und hätten Instruktionen bekommen, wie sie sich zu verhalten haben.

Durch diesen Irrtum Schabowskis nahm die Geschichte seinen Lauf. Die DDR-Grenzorgane waren nicht informiert. Und erst im Nachhinein wurde klar, welch brenzlige Situation am 9. November in Berlin entstand.

Die Pressekonferenz mit Günter Schabowski am 9. November 1989
(Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1989-1109-030 / Lehmann, Thomas / CC-BY-SA 3.0 )

Die Verkündung führte zunächst zur Verwirrung unter den Journalisten: War die Mauer wirklich offen? Viele ausländische Korrespondenten waren unsicher, ob die Übersetzung korrekt war. Als erste westliche Agentur AP um 19.05 Schabowskis Sätze als “Öffnung” der Grenze. Um 19.41 folgte dpa: “Die DDR-Grenze … ist offen.”

Letztendlich war es auch die Interpretation von Schabowskis Worten durch westliche Medien, die den Mauerfall vorantirieben. Erst als der damals bekannte Moderator Hanns Joachim Friedrichs um 22.42 Uhr in den ARD-Tagesthemen den Satz formulierte “Die DDR hat mitgeteilt, dass ihre Grenzen ab sofort für jedermann geöffnet sind, die Tore in der Mauer stehen weit offen.” wurde vielen in Ost und West erst bewusst, welche Tragweite Schabowskis Mitteilung hatte

Viele setzten sich nun in Bewegung. Zehntausende Berliner stürmten noch in der Nacht zu den Kontrollposten und forderten unter Berufung auf das SED-Politbüro-Mitglied deren Öffnung.

Um 23.30 Uhr herum wurde schließlich an der Bornholmer Brücke die erste Sperre geöffnet – eigenmächtig durch den Oberstleutnant Harald Jäger. 

Die Mauer war gefallen: 28 Jahre, 2 Monate und 28 Tage nach ihrer Errichtung. Mit dem Fall der Berliner Mauer wurde die gesamte innerdeutsche Grenze wieder geöffnet. Der Weg zur Deutschen Einheit war geebnet.

Das Original von Schabowskis Zettel galt lange als verschollen. 2015 tauchte es wieder auf und befindet sich seither im Besitz der Stiftung Haus der Geschichte in Bonn. Anlässlich des 30. Jubiläums kommt es erstmals nach Berlin und wird in der Dauerausstellung „Tränenpalast – Ort der deutschen Teilung“ gezeigt.

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