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Liebe ohne Sex – Wie es ist, asexuell zu sein

Die Themen der LGBTQ+ Community gewinnen stets an Aufmerksamkeit und Gleichberechtigung in unserer Gesellschaft – dennoch taucht noch immer Ignoranz auf, besonders in Bereichen der Asexualität und Aromantik. Der Verein “AktivistA” setzt sich dafür ein, Menschen, die sich unter diesen Begriffen identifizieren, mehr Sichtbarkeit in der Gesellschaft zu bringen; wir durften Irina von “AktivistA” dazu befragen.

Zunächst ist jedoch wichtig, zu erklären, was genau Asexualität, das Spektrum und auch die Aromantik überhaupt ist – „Asexualität“ selber ist der Begriff für die sexuelle Orientierung von Menschen, bei der diejenigen, die sich dazu zählen, keine sexuelle Anziehung verspüren. Sie haben kein Interesse an Geschlechtsverkehr und verstehen auch meist nicht, was Nicht-Asexuelle überhaupt daran finden. Es ist keinesfalls ungewöhnlich, denn es sind tatsächlich ungefähr ein Prozent aller Menschen asexuell. Das klingt zunächst wenig, rechnet man es aber aus, dann sind das ungefähr 78 Millionen Menschen, die sich zur Asexualität ordnen würden. Das kommt schon fast an die Zahl von in Deutschland lebenden Menschen heran.

Noch größer würde diese Zahl wohl sein, wenn man alle hinzuzählt, die sich im Asexualitätsspektrum sehen; denn Asexualität ist ein dehnbarer Begriff, mit vielen verschiedenen Variationen. Zum Beispiel gibt es Menschen, die sich als demisexuell identifizieren und damit aussagen, dass sie keine sexuelle Anziehung verspüren, bis sie zu einer Person schon tiefes Vertrauen und eine Bindung haben. Oder Grau-Asexuelle, die selten oder nur sehr schwache sexuelle Anziehungen empfinden. Das Spektrum ist groß und jeder ist einzigartig, es ist also nicht möglich, ihnen wirklich einen Begriff anzuhängen.

Genau so funktioniert das auch mit der Aromantik, nur dass es sich hier um romantische Anziehung, oder eher, dass man sie eben nicht hat, geht. Genau so ist die Aromantik ein Spektrum, und genau so gibt es zum Beispiel Menschen, die demiromantisch sind.

Es ist also gar nicht unüblich und besonders auch nicht unnatürlich, sich so zu fühlen und zu identifizieren.

Wie bereits erwähnt, haben wir für diesen Artikel AktivistA kontaktiert und ein Interview speziell zum Thema Asexualität geführt;

laurentinews.de: Zunächst wollen wir das Thema Repräsentation in den Medien ansprechen. Besonders in Filmen, Serien und Büchern gibt es unseren Wissens nach nicht viele Charaktere, die asexuell sind. Wie denken Sie darüber? Finden Sie, es gibt zu wenige asexuelle Charaktere? Wünschen Sie sich mehr?

Irina: Da stellen Sie jetzt eine Frage zu genau dem Bereich, mit dem ich mich nicht gut auskenne. Ich weiß, dass das immer mal debattiert wird, ‘jemand hat gesagt, dass der Charakter in einer Serie asexuell ist, vielleicht ist der andere es auch.’ Das geht immer an mir vorbei. Ich weiß, dass es mittlerweile einige asexuelle Charaktere gibt. Es gab aber auch einmal eine Serie, bei der ein heterosexuelles Paar ins Krankenhaus eingeliefert wurde, die gesagt haben, sie seien ja asexuell. Der Arzt meinte dann, ‘da stimmt doch was nicht, da muss was hinterstecken’. Da kam dann raus, dass der Mann wohl einen Hirntumor hatte, der sich auf seinen Sexdrang auswirkte, und die Frau hat ihm zuliebe nur so getan, als wäre sie asexuell. Das war ein sehr schlechtes Beispiel, das so nicht in den Medien auftauchen sollte
und es verbreitet das falsche Bild, dass hinter Asexualität ja eine Krankheit stecken müsse. Da kam es dann auch vor, dass Angehörige von Asexuellen, die schon geoutet waren, wegen dieser Folge dachten, dass die Personen ebenfalls einen Hirntumor oder Vergleichbares hatten.

Trotzdem denke ich, dass es langsam besser wird.

Wir haben da auch auf unserer Seite einige sehr gute Beispiele gesammelt.

Ich habe da aber das Glück, schon sehr lange über Asexualität aufgeklärt zu sein, ich brauche da keine fiktiven Beispiele, kann mir aber vorstellen, dass es für andere eben hilfreich ist, auch asexuelle Figuren zu sehen.

Wie und wann haben Sie persönlich herausgefunden, dass Sie asexuell sind?

Ich hatte das Glück ja schon relativ früh zu erfahren, dass es so ist. Ich weiß es bereits seit sechzehn Jahren. Ich bin auf den Begriff damals selbst zufällig gestoßen. Ich habe da irgendwas bei Wikiepdia gelesen über verschiedene sexuelle Orientierungen und da war dann auch etwas mit „asexuell“. Das war irgendwann 2006, da war ich circa 21. Und der neuere Wikipedia-Artikel zu Asexualität ist bestimmt sogar ganz anders, das wurde wahrscheinlich noch viel überarbeitet – ich weiß auch gar nicht genau, was da drinnen stand, es muss aber irgendetwas in mir angeschlagen haben, dass ich mir dachte „Ja, das würde so einiges erklären“. Dann, das weiß ich noch genau, gab es einen Link auf ein deutschsprachiges Forum über Asexualität, wo ich mich mit anderen austauschen konnte. Und dann hat das alles seinen Lauf genommen.

Es gibt noch keine statistischen Erhebungen, wie viele Menschen asexuell sind. Studien zeigen jedoch, dass diese sexuelle Orientierung auf circa. 1 Prozent aller Menschen zutreffen könnte.
(Bildquelle: pexels.com (CCO / gemeinfrei)


Wann und wie haben Sie sich als „asexuell“ geoutet? Wie hat Ihr Umfeld reagiert?

Es gibt ja nicht das Outing, sondern man outet sich immer und immer wieder – jetzt erst am ersten Advent hatte ich das noch, dass ich mich gegenüber einer Freundin, die nicht Bescheid wusste, wieder geoutet habe. Wie die Leute reagiert haben…es ist halt so, dass die meisten Leute sich damals ja nichts unter Asexualität vorstellen konnten, es gab ja kaum Bücher oder andere Medien darüber, oder wenn es Medien gab, waren sie zum Teil sogar sehr beleidigend, was man sich heute gar nicht mehr trauen würde. Ich hatte aber auch ein gutes Beispiel, wo ich mich vor einer Person geoutet habe, die sowieso schon dabei war, mehr über die LGBTQ+ Community zu lernen.

Ich hatte aber auch schon das Gefühl, mich rechtfertigen zu müssen – manche denken dann, es ist ja so ein Grundbedürfnis, dass es gar nicht sein kann, dass man es nicht verspürt. Auch gab es dann diese typischen Phrasen, die man eben abbekommt, wie „du hast ja nur noch nicht den Richtigen gefunden“.

Ich denke, das allererste Mal hab ich mich mit 22 geoutet, aber es kommen, wie gesagt, ja immer wieder welche dazu. Es gibt ja auch jetzt noch Leute, die das noch nicht kennen, denen muss ich es dann erstmal auch erklären.

Finden Sie es hilfreich, mit „Asexualität“ einen Begriff zu haben, um sich zu beschreiben?

Ganz klares „Ja“. Ich hatte das ja selber vor vielen Jahren und höre das auch immer wieder von anderen Asexuellen, dass der Begriff hilft, zu sehen, dass sie nicht die einzigen sind. Besonders hilfreich ist es eben für die, die Probleme haben, sich zugehörig zu fühlen. Wenn die dann auf den Begriff stoßen, sehen sie, dass es etwas Normales ist und dass es andere Menschen da draußen gibt, die genauso empfinden.

Müsste auch in der Schule mehr über Asexualität aufgeklärt werden?

Ja, es wäre nicht schlecht. Wenn ich so zurückdenke, wäre es schon schön gewesen, darüber aufgeklärt zu werden, aber in meiner Schulzeit war gar nicht daran zu denken. Wir haben damals sowieso nicht so viel über LGBTQ+ Themen gesprochen. Das, was ich darüber wusste, hab ich mir auch außerschulisch angelernt.

Generell wäre mehr Schulaufklärung zu LGBTQ+ wünschenswert, ich hab da das Gefühl, da sind auch heute noch große Lücken.

Ich glaube aber, dass Niedersachsen zu den Bundesländern gehört, in denen es SCHLAU gibt. Das ist eine Organisation, die Schüler über LGBTQ+ aufklärt, und ich halte das auch für eine gute Idee, da man dort auch Leute über diese Themen befragen kann, die man nicht kennt, wo es dann nicht irgendwie peinlich ist, auch Persönliches zu erzählen.

Es würde ja auch eigentlich reichen, es einfach anzusprechen. Zu sagen „Es gibt Leute, die spüren keine sexuelle Anziehung, nicht alle Menschen wollen Sex“ – das reicht ja schon. Wenn man dann noch die Begriffe des asexuellen Spektrums nennt, könnten die, die sich angesprochen fühlen, ja sogar selber recherchieren.

Es ist ja öfter so, dass verschiedene Bereiche des Lebens sich überschneiden – hat ihre Asexualität ebenfalls Einfluss auf andere Bereiche ihres Lebens?

Hauptsächlich kommt es vor, dass asexuelle Menschen dann eben auch mehr an Aktivitäten in der Freizeit mit anderen Asexuellen teilnehmen als jetzt Nicht-Asexuelle, also auf Veranstaltungen dieser Art gehen. Oder auch, dass sie sich eher mit asexuellen Menschen austauschen, wenn sie sich noch nicht sicher sind, ob das alles auf sie zutrifft. Vieles ist jetzt durch Corona natürlich nicht mehr so gut möglich. Das muss aber auch nicht immer zutreffen. Das ist bei jeder asexuellen Person individuell anders, aber für mich persönlich hat es keinen wirklichen Einfluss.

Dennoch gibt es auch da Möglichkeiten über das Internet, besonders über den Discordserver für Leute auf dem asexuellen Spektrum, als asexuelle Person den Kontakt zu anderen in der Freizeit zu halten.

Andere stört es dann halt auch sehr, wenn in Filmen oder Serien einige Sexszenen auftauchen, da es ihnen ein unbehagliches Gefühl gibt. Bei mir trifft das aber nicht zu – ich verstehe den Wert daran zwar nicht, aber ich fühle weder Unbehagen oder sonst noch etwas, wenn ich solche Szenen sehe.

Dann sind wir bei der letzten Frage. Gibt es etwas, was sie den Lesern generell sagen wollen?

Einfach, dass alle bedenken, dass jede Person auf dem asexuellen Spektrum anders ist, man kann uns nicht in eine Schublade packen. Generell ist Asexualität, und jede andere sexuelle Orientierung auch, nicht das einzige, was einen Menschen ausmacht.

Asexualität ist ein Spektrum, und nicht jeder passt zu einem bestimmten Begriff.

Auch möchte ich das Gerücht aus der Welt schaffen, dass Asexuelle anti-Sex sind, nur weil sie die Anziehung dazu nicht spüren. Wir versuchen nicht, den Nicht-Asexuellen irgendetwas wegzunehmen.

Wir danken ganz herzlich für dieses interessante Interview.

Zusammenfassend kann man sagen – Asexualität ist, erstens, komplett natürlich und nicht „komisch“ in irgendeiner Art und Weise, und zweitens, ein Spektrum – nicht jeder Asexuelle wird auf eine bestimmte Beschreibung passen, oder sich einem Begriff angeordnet fühlen – man kann sie nicht in Schubladen stecken und sollte es auch gar nicht versuchen.

Menschen sind Menschen und jeder verdient das Recht, so zu leben wie er will, ohne dafür verurteilt zu werden, wenn er keinem schadet, was Asexuelle ja definitiv nicht tun. Sie erfahren Diskriminierung dafür, dass sie einen Teil ihrer Identität, den Nicht-Asexuelle stets ausleben dürfen, selber ausleben wollen, wie es sich für sie richtig anfühlt.

Auch die Menschen auf dem Asexualitätsspektrum sollten sich wohl und frei fühlen dürfen.

Interview und Recherche: Jara-Sofie Wilms

1 Kommentar

  1. Ich freue mich, dass der Artikel nun online ist!
    Da das Interview schon vor ein paar Monaten geführt wurde, habe ich eine Ergänzung: Mittlerweile haben wir auf der Homepage des Vereins eine kleine Übersicht über Filme und Serien mit asexuellen Charakteren https://aktivista.net/links/filme-serien/
    Die im Text verlinkte Website aven-info.de gehört übrigens nicht zu unserem Verein, die gehört zum deutschsprachigen Forum über Asexualität.
    Mehr zum Thema Aromantik gibt es hier https://www.aromanticism.org/de/start/ , unser Verein befasst sich “nur” mit Asexualität.
    Ich hoffe, der Kommentar kommt durch, es sind so viele Links drin.

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