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“Eine Vergewaltigung ist nur die Spitze”

Yvonne ist 24 Jahre alt, als ein flüchtiger Bekannter sie vergewaltigt. Während der Täter ungestraft davonkommt, kämpft sie bis heute mit den Folgen der Tat. Im Interview berichtet sie uns, wie sie mit ihren Ängsten und Gefühlen umgeht, was ihr nach der Tat geholfen hat und dass sexuelle Gewalt in unserer Gesellschaft heutzutage alltäglich ist.

laurentinews.de: Wie lange ist die Tat her und was waren die äußeren Umstände?

Yvonne: Die Tat ist mittlerweile vier Jahre her. Ich kannte den Täter schon einige Jahre flüchtig. Er kam regelmäßig in das Café, in dem ich gekellnert hatte. Ich dachte ehrlich gesagt, er sei homosexuell. Vor vier Jahren war ich in eine neue WG, in einem anderen Stadtteil gezogen. In diesem Viertel lebte auch der Täter und wir sind uns zufällig über den Weg gelaufen. Später fragte er mich via Facebook, ob wir zusammen spazieren wollten und ich bejahte. Es war Februar und begann zu regnen. Da wir uns in der Nähe seiner Wohnung befanden, fragte er, ob ich mit zu ihm wollte, bis der Regen nachgelassen hatte und auch das bejahte ich. Dort vergewaltigte er mich dann.

Hast Du noch konkrete Erinnerungen an die Tat und in welchen Momenten denkst du daran zurück?

Manche Details habe ich noch klar vor Augen. Zum Beispiel kann ich alles genau vor der Tat beschreiben. Was die Tat selbst betrifft, erinnere ich mich vor allem an das Gefühl und an einige Details. Zum Beispiel an sein Tattoo oder dass ihm ein Eckzahn fehlte. Andere Dinge habe ich verdrängt.

Ich erinnere mich vor allem an das Gefühl, wenn in einem Film zum Beispiel eine Vergewaltigungszene gespielt wird und auch Videos wie „Männerwelten“ triggern mich natürlich.

Wie hast du dich nach der Tat verhalten? Hast du dich schnell jemandem anvertraut, die Polizei verständigt?

Ich kann nicht mehr genau sagen, wie ich danach nach Hause gekommen bin und ich habe eher durch einen dummen Zufall die Polizei verständigen müssen. Als ich nach Hause kam, muss die Katze meiner damaligen Mitbewohnerin rausgelaufen sein, als ich die Wohnungstür aufschloss. Ich hatte das jedoch nicht mitbekommen. Ich ging wie in Trance duschen, weil ich das ekelige Gefühl abwaschen wollte und weinte eine ganze Weile. Ich kann nicht sagen, wie lange nach der Tat, aber einige Zeit später klingelte jemand an der Tür. Erst einmal. Dann öfter. Und schließlich durchgehend. Ich hatte Todesangst, weil ich dachte, der Täter würde vor der Tür stehen, der mich umbringen wollte. Also rief ich die Polizei. Letztendlich war es aber nur die Nachbarin, die die entlaufene Katze zurück bringen wollte. Die Polizisten befragten mich, nachts um 3 Uhr kamen schließlich zwei Kripo-Beatmen dazu, um mich nochmals zu befragen.

Mittlerweile war auch meine Mitbewohnerin nach Hause gekommen, die das später in unserem gemeinsamen Freundeskreis erzählte.

Was sind die Langzeitfolgen einer solchen Tat? Wie stark ist dein Leben davon heute noch beeinträchtigt? Fällt es dir schwer, körperliche Nähe zuzulassen?

Die ersten Monate nach der Tat funktionierte ich einfach. Ich ging wie gewohnt zur Schule, wo ich gerade (mit 24) eine Ausbildung zur Erzieherin machte und mein Abitur nachholen wollte und ging weiterhin zu meinem Nebenjob. Damals war ich aus anderen Gründen schon in Therapie. Nach einer Therapiestunde lief ich zufällig dem Täter über den Weg und das war der Tag, an dem mich das einholte. Ich hatte da meine allererste Panikattacke und seitdem leide ich an einer generalisierten Angststörung. Ich bekomme in verschiedenen Situationen Panikattacken, insbesondere, wenn ich alleine bin und fürchte, niemand könne mir helfen, wenn mir etwas passieren würde. Ich ging damals in eine Klinik, die leider nicht auf PTBS (Anm. d. Redaktion: posttraumatische Belastungsstörung) oder Ängste spezialisiert war, was meine Gesamtsituation noch verschlimmerte. Die Ausbildung und auch das Abitur musste ich abbrechen. Aus der Klinik wurde ich als „arbeitsunfähig“ entlassen. Man sagte mir, meine psychischen Erkrankungen seien so schlimm, dass ich niemals ein „normales“ Leben führen könne oder gar arbeiten gehen. Ich weigerte mich damals Medikamente zu nehmen, weil ich Angst hatte vor dem Kontrollverlust, der auf mich wartete, sobald ich die Tablette geschluckt hatte. Zwei Monate nach der Klinik wollte ich mir das Leben nehmen. Stattdessen rief ich zum ersten Mal seit der Tat meinen besten Freund an, von dem ich mich distanziert hatte, und erzählte ihm alles. Am nächsten Tag gingen wir zusammen zu einem Psychiater, der mir Medikamente verschrieb. Ich wohnte zwei Wochen bei dem Vater meines besten Freundes auf dem Sofa, zog dann alleine in eine Wohnung in einem anderen Stadtviertel. Drei Monate später arbeitete ich Vollzeit im Vertrieb.

Ich habe zwar immer noch Panikattacken und Depressionen und Ängste, aber ich versuche mir davon nicht mehr mein Leben bestimmen zu lassen.

Nähe konnte ich schnell wieder zulassen, aber ich empfinde Nähe auch schneller als übergriffig als früher. Früher fand ich es nicht schlimm, wenn Fremde mir im Gespräch zum Beispiel die Hand auf die Schulter legten oder mich einfach am Arm berühren würde, heute würde ich das nicht mehr ertragen.

Man sagt, dass das Opfer einer Vergewaltigung lebenslang unter der Tat leidet. Der Täter hingegen wird deutlich milder bestraft. Müsste es deiner Meinung nach härtere Strafen für Sexualstraftäter geben? Wie ist der Täter in deinem Fall bestraft worden und wie gehst du damit um?

Ja, Täter müssten deutlich härter bestraft werden, schon alleine zur Abschreckung. Wenn man sich überlegt, dass man in Deutschland für Steuerhinterziehung 5 Jahre ins Gefängnis muss und für Vergewaltigung vielleicht 3 Jahre und dann noch ein paar Monate auf Bewährung, kann man sich denken, dass da etwas falsch läuft. Außerdem müssten Täter viel mehr psychologisch betreut werden. Ich glaube nicht, dass ein gesunder Mensch so etwas einem anderen Menschen antun könnte.

“Von hundert Frauen, die vergewaltigt werden, erlebt nur etwa eine Einzige eine Verurteilung. Das liegt daran, dass 85 Prozent der Frauen keine Anzeige erstatten – und dann gibt es folglich auch keine Verurteilungen. Und von den 15 Prozent die übrig bleiben, werden letztendlich nur 7,5 Prozent der Täter verurteilt. Das ist indiskutabel.”
Christian Pfeiffer, Kriminologe
(Bildquelle: pixabay.com / CC0
Zitatquelle: tagesschau.de 1.11.2019)

In meinem Fall wurde der Täter nicht bestraft. Nach der Befragung um 3 Uhr nachts wurde ich einige Monate später erneut zur Befragung vorgeladen. Seitdem habe ich von der Staatsanwaltschaft nichts mehr gehört und gehe davon aus, dass es fallengelassen wurde. Mir persönlich ist das in meinem Fall sogar egal, denn es gibt keine gerechte Strafe, die mir heute noch irgendwie helfen würde. Ich hoffe nur, dass schon alleine die Tatsache, dass er zumindest eine Aussage machen musste, ihn abschreckt, so etwas jemals wieder einer Frau anzutun.

Viele Frauen haben große Angst, sich anderen anzuvertrauen und befürchten stigmatisiert zu werden. Kannst du diese Sorge verstehen und was können Frauen tun, die Opfer von sexueller Gewalt geworden sind?

Ich kann das total verstehen. Von den Menschen, die sich damals meine Freunde nannten, waren vielleicht zwei wirklich für mich da. Oft musste ich mir anhören, dass ich übertreiben würde und mich nur anstelle. Und ich wäre ja auch irgendwie selbst Schuld. Aber, das ist nicht wahr und ich hätte mir gewünscht, ich hätte damals die Freunde, die ich heute habe. Viele davon habe ich dadurch kennen gelernt, dass ich offen über meine Angststörung gesprochen habe. Manche von ihnen haben Ähnliches erlebt und es tut so gut zu wissen, dass man nicht alleine ist und dass man verstanden wird. Also rate ich den Opfern, gerne auch im Internet anonym, es gibt aber auch in vielen Orten Selbsthilfegruppe, sich Menschen zu suchen, die wirklich verstehen.

Du thematisierst auch in der Öffentlichkeit auf Twitter deine Vergewaltigung. Welche Reaktionen ruft das hervor? Gibt es auch Unverständnis, Kritik, ungewollte Ratschläge? Möchtest du damit die Gesellschaft für das Thema mehr sensibilisieren?

Auf ihrem Twitter-Kanal thematisiert Yvonne manchmal ihre Vergewaltigung. Doch nicht alle User reagieren mit Verständnis. (Quelle: twitter.com/badassyogabitch)

Tatsächlich muss ich mich, bevor ich über das Thema twittere oder im Podcast darüber spreche, immer fragen, ob ich gerade mit dem ganzen Bullshit klar komme, der da über mich einbrechen wird. Es sind tatsächlich meist Männer, die sich hier mal wieder nicht korrekt verhalten. Da gibt es einige Beispiele. Eine andere Frau hatte auf einem Tweet geantwortet, dass ihr ähnliches passiert sei und sie seitdem Probleme hätte, Männer zu vertrauen. Einige Männer reagieren auf solche Aussagen mit der sogenannten „Opfer-Täter-Umkehr“ und behaupten, die Frauen seien böse, weil sie Männer unter Generalverdacht stellen und sind dann regelrecht beleidigt. Andere sagen, dass da ein Tritt in die Eier geholfen hätte und ganz ehrlich: wenn ein Tritt in die Eier für mich in dieser Situation eine Möglichkeit gewesen wäre – da wäre ich selbst drauf gekommen. Wieder andere schieben die Schuld ganz offiziell den Frauen zu – die meisten würden nur falsch Beschuldigen und überhaupt was sie auch anziehen würden und da müsste man sich ja nicht wundern.

Und genau deswegen möchte ich, dass in der Öffentlichkeit darüber gesprochen wird. Ich möchte, dass ein Haufen Menschen diesen (meistens) Männern, die Frauen so behandeln und solche Kommentare ablassen, sagen, was für eine Scheiße sie da von sich geben. Ich möchte, dass es nicht in Vergessenheit gerät, dass jede zweite Frau in Deutschland schon mal Erfahrung mit sexueller Belästigung oder Gewalt gemacht hat. Ich möchte, dass Frauen sich dafür nicht schämen, sondern dass sich endlich die Verantwortlichen dafür schämen und dass sie auch dafür verantwortlich gemacht werden. Ich möchte, dass kein Opfer (ob weiblich oder männlich) das Gefühl hat, damit alleine zu sein. Ich möchte, dass unsere Gesellschaft sich ändert und das funktioniert leider nur, wenn man immer und immer wieder genau darauf drückt, wo es weh tut.

Hast du Tipps für das Umfeld einer Betroffenen? Wie sollten Freunde, Verwandte, Kollegen reagieren, wenn sie von einer Vergewaltigung erfahren und was sollten sie vielleicht auch gerade nicht tun?

Ich glaube, da gibt es kein Patentrezept. Während ich gerne jemanden gehabt hätte, der mich in den Arm nimmt und mir sagt, dass es nicht meine Schuld ist, wäre diese Umarmung für andere Opfer vielleicht zu viel. Am besten fragt man die betroffene Person selbst, was sie braucht, was ihr helfen könnte oder man ist eben einfach nur da und hört zu. Da ist man zumindest auf der sicheren Seite.

Wie begegnest du Menschen, die dich danach fragen, was du für Kleidung getragen hast oder ob du “falsche Signale“ gesendet hast?

In der Regel beantworte ich die Frage nach der Kleidung: eine Strumpfhose, darüber eine Jeans, Wollsocken, Schnürrboots, ein Top, darüber ein T-Shirt, ein Wollpullover, eine Winterjacke, Mütze, Schal und Handschuhe, denn es war Februar und es war kalt. Zu der Sache mit den falschen Signalen frage ich, was deutlicher als „nein, lass mich los, fass mich nicht an, ich will das nicht, hör auf“ gewesen wäre. Die meisten Menschen kommen sich danach schon ziemlich dumm vor, weil sie davon ausgehen, es muss eine laue Sommernacht gewesen sein und ich muss unter meinem Kleid nichts getragen haben und leicht beschwipst gewesen sein. Aber ich stelle auch immer klar, dass es absolut keine Rolle spielt, was ich an hatte oder was ich vorher gesagt oder getan habe: sobald ich nein sage, hat der Mensch aufzuhören. Gerne erwähne ich auch noch, dass ich meinetwegen gerade mit zwei Männern hätte Sex haben können und wenn ein dritter dazu kommt und ich sage „nein, mit dir nicht“ und er trotzdem weiter macht, dann ist es eine Vergewaltigung. Ich denke, das kommt dann bei den meisten Menschen zumindest ein bisschen an.

Was hältst du von Vorschlägen, dass Frauen abends nicht mehr alleine rausgehen sollen, sich mit Pfefferspray bewaffnen sollen oder bestimmte Kampfsporttechniken lernen sollen, um sich zu verteidigen? Kann man sich überhaupt effektiv vor sexualisierter Gewalt schützen?

Das halte ich für sinnvoll, denn selbst wenn das alles nichts bringen sollte, wirken Frauen, die wissen, dass sie sich im Zweifelsfall verteidigen können, sehr viel selbstbewusster, was viele Täter auch einfach schon abschreckt. Aber ich fürchte, dass sexuelle Gewalt heute so alltäglich ist, dass man sich nicht in jeder Form davor schützen kann. Eine Vergewaltigung ist nur die Spitze, es fängt schon bei unangemessenen Worten und ungefragten Nacktbildern, den sogenannten dickpics, an. Das alleine ist schon Gewalt. Und da hilft auch kein Pfefferspray. Leider.

Spätestens seit der #metoo Bewegung ist deutlich geworden, dass sexualisierte Gewalt ein weit verbreitetes gesellschaftliches Problem ist. Gibt es grundlegende Dinge, die sich in unserer Gesellschaft verändern müssen?

Und ob! Es fängt doch Zuhause bei der Erziehung an und geht dann immer weiter. Wenn wir es nicht schaffen, unseren Kindern beizubringen, einander zu respektieren und Grenzen zu akzeptieren, weiß ich aber nicht, wie wir das schaffen sollen. Viele Männer oder Jungen wissen vielleicht gar nicht, dass es für Mädchen und Frauen wirklich schlimm ist und auch traumatisierenden sein kann, wenn da plötzlich unerwartet ein Foto von einem Penis aufploppt. Sie denken vielleicht, das Frauen das attraktiv finden würden oder gar witzig. Aber es ist nicht witzig. Und ich bin jetzt 28 Jahre alt und kenne wirklich viele Frauen – keine hat sich jemals über ein ungefragtes Dickpic gefreut. Niemals.

Im Oktober 2017 sorgte der Hashtag #metoo im Internet für Aufsehen. Im Zusammenhang mit dem Weinstein-Skandal machten Millionen von Frauen im Internet darauf Aufmerksam, dass auch sie Opfer von sexueller Belästigung und sexueller Übergriffe geworden sind. (Quelle: pixabay.com / CC0)

Wir müssen über das Thema viel öfter und offener sprechen. Nicht nur in den Medien. Auch Zuhause und in den Schulen.  Es muss klar sein, wo Gewalt anfängt und noch viel mehr, was man mit dieser Gewalt anrichtet.

Laut einer Umfrage sagen 33% der befragten Männer, dass Sexismus nicht immer schlimm sei, sondern nur eine Art von Flirten (auch 22% der Frauen sehen das so). Was sagst du Männern, die in diesem Zusammenhang kritisieren, dass sie nun nicht mehr wüssten, was noch erlaubt sei und was nicht?

Erstmal finde ich es interessant, dass anscheinend 33% der Männer und 22% der Frauen Sexisten sind.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich solchen Männern sagen soll. Ich meine, wenn ein Mann denkt „geile Lippen, die passen bestimmt perfekt um meinen Schwanz“ sei ein Kompliment und hätte etwas mit flirten zu tun, sind alle Worte vielleicht einfach nutzlos.

Aber ich möchte dazu sagen, dass man sich natürlich weiterhin Komplimente machen darf und flirten darf. Natürlich kann man einer Frau sagen, dass sie hübsch aussieht oder ein tolles Lächeln hat und natürlich darf man Frauen auch noch die Tür aufhalten, wenn man ihr danach nicht auf den Hintern haut und sagt, dass der auch geil sei. Und wenn ein Mensch nicht so feinfühlig ist und ein Kompliment („Das Kleid steht dir total gut!“) und einer sexueller Belästigung („Schönes Kleid, darin kommen deine geilen Titten mega gut zur Geltung“) nicht kennt, muss man da ehrlich noch mal ganz von vorne anfangen. Vielleicht hilft es, wenn die Männer sich vorstellen, wie sie es finden würden, wenn ein anderer Mann so mit ihrer Schwester, Mutter oder Tochter sprechen würde.

Wir danken dir vielmals für die Bereitschaft unsere Fragen zu beantworten und wünschen dir von Herzen alles Gute.

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