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Integration durch Bildung: „Riesengroße Herausforderung“

Kultusministerin Frauke Heiligenstadt (SPD) hatte in der bisherigen Legislaturperiode viele kontroverse Diskussionen auszuhalten. Insbesondere die Gymnasiallehrer waren mit den Entscheidungen aus dem Kultusministerium unzufrieden. Nun zeichnen sich durch die Flüchtlingskrise neue, große Herausforderungen für die Schulen im Land ab. Wir hatten die Gelegenheit Frau Heiligenstadt dazu zu befragen.

laurentinews.de: Wie viele neu zugewanderte Kinder und Jugendliche werden in Niedersachsen tatsächlich an die Schulen kommen?

Frauke Heiligenstadt: Diese Frage kann man zurzeit noch gar nicht richtig beantworten, weil zum einen noch nicht klar ist, wie viele Flüchtlinge insgesamt kommen, zum anderen, wie viele darunter Kinder und Jugendliche im schulpflichtigen Alter sind. Wenn in diesem Jahr rund 100.000 Flüchtlinge nach Niedersachsen kommen – so lauteten die jüngsten Schätzungen – sind vermutlich rund 20 Prozent davon schulpflichtig. Das hieße rund 20.000 Schülerinnen und Schüler in diesem Jahr.

Stellte sich den Fragen von laurentinews.de Redakteurin Nicola: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.

Stellte sich den Fragen von laurentinews.de Redakteurin Nicola: Kultusministerin Frauke Heiligenstadt.

Der Direktor des Mercator Institutes für Sprachförderung kritisiert, dass die Frage, wie neu zugewanderte Kinder und Jugendliche im Bildungssystem aufgenommen werden können, jahrelang vernachlässigt worden sei. Wie gut ist Niedersachsen auf diese Aufgabe vorbereitet?

Das gilt nicht für Niedersachsen, denn hier beschäftigen wir uns schon seit Jahren mit Themen wie Zuwanderung und Sprachförderung in Schulen. Wir fangen nicht bei Null an. Letztes Jahr haben wir angesichts der steigenden Flüchtlingszahlen einen neuen, sehr fortschrittlichen Erlass zur Teilhabe von Schülerinnen und Schülern nicht deutscher Herkunftssprache an Schule und Bildungserfolg herausgegeben, der den Schulen als Leitlinie dient und viele Hilfestellungen bietet.

Bei uns gibt es unterschiedliche Maßnahmen der Sprachförderung, außerhalb und innerhalb des Regelunterrichts. Wir unterstützen Schülerinnen und Schüler zusätzlich zum normalen Unterricht beim Spracherwerb, z.B. in Sprachlernklassen, aber es ist auch möglich, sie von Anfang an in die Regelklassen zu integrieren. Vor Ort sind individuelle Lösungen möglich und gefragt.

Am Montag meldete sich Mustafa Yalcinkaja, Leiter der Hauptschule Garbsen, auf der Landesdelegiertenkonferenz der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Osnabrück zu Wort. Zwar gingen die eingeleiteten Schritte in die richtige Richtung, aber sie reichten nicht und kämen zu spät. Was sagen Sie zu dieser Kritik? Waren die Herausforderungen längerfristig vorhersehbar?

Wie bereits gesagt: Wir sind schon sehr lange an diesem Thema dran und wir sind auch in enger Abstimmung mit allen Beteiligten. Ich habe erst kürzlich mit allen bildungspolitischen Verbänden gesprochen, u.a. mit den Schul- und Lehrerverbänden, den Gewerkschaften, aber auch den kommunalen Spitzenverbänden. Dort haben wir unsere Maßnahmen vorgestellt und dafür sehr große Unterstützung und viel Zustimmung bekommen. Es ist notwendig, die Wirkung der Maßnahmen, die wir jetzt auf den Weg bringen, abzuwarten. In der letzten Landtagssitzung haben wir beschlossen, noch in diesem Jahr mehr als 700 zusätzliche Stellen zu ermöglichen und auch für das nächste Jahr sind Stellen abgesichert. Wir setzen jetzt alles daran, diese Stellen so schnell wie möglich zu besetzen.

Gestern meldete der Landesvorsitzende des Kinderschutzbundes in Hannover, Johannes Schmidt, es gebe zu wenige Fortbildungen zum Umgang mit traumatisierten Flüchtlingskindern für Lehrkräfte. Die vom Schutzbund angebotenen Fortbildungen waren binnen eines Tages bis ins nächste Jahr ausgebucht. Zeigt das die Verzweiflung und Überforderung der Lehrerinnen und Lehrer?

Heiligenstadt: „Gemeinsame Anstrengungen sind erforderlich!“

Heiligenstadt: „Gemeinsame Anstrengungen sind erforderlich!“

Das Thema Flüchtlinge ist eine riesengroße Herausforderung, die man in der Dimension bis Frühjahr dieses Jahres überhaupt noch nicht absehen konnte. Handelnden Personen irgendwelche Vorwürfe zu machen, halte ich in der Situation für völlig verfehlt. Wenn man aber der Meinung ist, man müsse mehr Fortbildungen machen, kann ich aus niedersächsischer Perspektive sagen, dass wir bereits deutlich aufgestockt haben. 2013 hatten wir nur 34 Schulpsychologinnen und -psychologen, jetzt sind es um die 80. Wir bieten auch Fachtage zum Thema Spracherwerb und Sprachförderung an und zum Umgang mit traumatisierten Flüchtling.

An einer Hauptschule in Dortmund wurde das Handy einer muslimischen Schülerin von einer Lehrerin einkassiert. Dann stellte sich heraus, dass ihre Gebetszeit auf dem Handy eingestellt war. Die Schülerin hatte Angst, eine Sünde zu begehen, wenn sie ihr Handy abgibt und ihre Gebetszeit verpasst. Welchen Beitrag müssen und können Schulen bei der interkulturellen Bildung leisten?

Ich denke, das wird ein großes Thema bleiben. Wir unterstützen das Thema interkulturelle Bildung, indem wir Fachberatungen über die niedersächsische Landesschulbehörde anbieten. Die Fachberaterinnen und Fachberaterhaben oft selbst einen Migrationshintergrund und beraten sehr kultursensibel. Es ist auch wichtig, dass das Thema interkulturelle Bildung und Umgang mit Heterogenität und anderen Kulturen Gegenstand der Lehrerausbildung wird. Das ist es zum Teil auch schon, aber das müssen wir noch intensivieren.

Der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes Meiniger sagt, dass ausfallender Sportunterricht, fehlende Sprachlehrer, Raumnot und größere Klassen kein Dauerzustand werden dürfen. Geht die Integration zu Lasten der bisherigen Qualität an den Schulen?

Ehrlich gesagt kann man nicht mal eben 20.000 zusätzliche Schülerinnen und Schüler innerhalb eines Jahres so einfach in der niedersächsischen Schullandschaft integrieren, ohne dass irgendjemand etwas davon merkt. Wir müssen miteinander gemeinsame Anstrengungen unternehmen, damit das auch gut läuft. Ich bin sehr zuversichtlich, weil das auch schon ganz viele Schulen wirklich richtig klasse machen. Und zum Thema Schulsporthallen, größere Klassen und Stundenpläne, die eng gestrickt sind: Ich hoffe, dass das kein Dauerzustand wird. Momentan lässt es sich in einigen Fällen nicht vermeiden, denn dann müssten die Flüchtlinge auf der Straße schlafen. Deshalb nehmen Kommunen zum Teil Turnhallen in Anspruch. Es wird nicht ganz so einfach sein, weil wir momentan täglich 1.000 bis 1.300 Flüchtlinge in Niedersachsen aufnehmen, die ein Dach über dem Kopf brauchen.

Spiegel Online kommentierte vor Kurzem: „Was die Kultusminister gerade tun, ist Arbeitsverweigerung, ein Vergehen durch Unterlassung. Sie organisieren die bitternötige Hilfe für ihre Lehrer nicht. Sie lassen die Schulen im Stich, die ab sofort Flüchtlingsklassen einrichten müssen – und zwar mehr denn je.“ Was sagen Sie zu diesem Vorwürfen?

Ich halte das für eine völlig überzogene Überschriftenzuspitzung. Wir Kultusministerinnen und -minister haben uns auf unserer letzten Sitzung intensiv über das Thema Flüchtlingsbeschulung ausgetauscht. Alle Länder sind hier mit Hochdruck im Einsatz, um die Schulen zu unterstützen. In Niedersachsen haben wir Strukturen, um die uns manche beneiden. Wir haben innerhalb kürzester Zeit noch einmal 10 Millionen Euro für zwei Monate und nächstes Jahr 40 Millionen Euro zusätzlich bereitgestellt. Wir bieten Fortbildungen und weitere Informationen an und bauen das Beratungs- und Unterstützungssystem aus. Das sind erhebliche Investitionen, die im Übrigen auch nicht nur den Flüchtlingskindern zu Gute kommen, sondern allen Kindern und Jugendlichen.

Letztes Jahr ist in unserem Jahrgang die Studienfahrt nach Berlin als krönender Abschluss einer schönen Schulzeit am Laurentius-Siemer-Gymnasium ausgefallen. Das ist unserer Meinung nach ein sehr großer und nicht wieder gut zu machender Verlust. Wir waren sehr enttäuscht. Wem sollen wir jetzt die Schuld an dem Ganzen geben?

Ich habe das Absetzen von Klassenfahrten nie für nötig gehalten. Die Entscheidung darüber ist in der jeweiligen Schule von den Lehrkräften getroffen worden. Wir hatten eine Auseinandersetzung über die Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung, die gerichtlich entschieden worden ist. Deshalb haben wir rund 700 zusätzliche Lehrerstellen geschaffen, damit die Veränderungen der Arbeitszeitverordnung ausgeglichen werden können. Ich bin auch sehr dankbar, dass Lehrkräfte teilweise dazu bereit sind, noch einmal für ein Jahr weiterhin eine Stunde zusätzlich zu unterrichten. Aber nochmal: Ich bedauere absolut die Entscheidung, Klassenfahrten zu streichen.

Das heißt also, die Schulen sind schuld?

Für mich ist es keine Frage, wer Schuld hat, sondern für mich ist die Frage, wie eine Auseinandersetzung letzten Endes in eine positive Entwicklung an den Schulen umgesetzt werden kann. Das ist uns gelungen und von daher sollten wir keine Schuldzuweisungen betreiben, sondern jetzt gemeinsam nach vorn gucken.

Viele Lehrer beklagen nach wie vor unzumutbare Zustände bei Klassenfahrten. So müsse nach wie vor ein Teil der Unkosten aus eigener Tasche bezahlt werden und auch der Zeitausgleich von einer Unterrichtsstunde pro Tag sei unzureichend. Das Kultusministerium hingegen spricht beim neuen Schulfahrtenerlass von „großen Schritten“. Wie groß schätzen Sie die Gefahr ein, dass Schülerinnen und Schüler auch weiterhin auf Klassenfahrten verzichten müssen?

Ich hoffe nicht, dass Lehrkräfte auf Klassenfahrten verzichten. Der Schulfahrtenerlass, den ich in Absprache mit den Lehrerverbänden entwickelt habe, verbessert ganz klar die Bedingungen für Lehrkräfte. Wir haben die Sätze und Pauschalen, die die Lehrkräfte bekommen, deutlich erhöht und wir haben die bisherige Obergrenze, die bei vier Unterrichtsstunden pro Klassenfahrt lag, nun aufgehoben. Fast zehn Jahre lang ist in dieser Hinsicht gar nichts passiert und gerade die Politikerinnen und Politiker, die sich nun am lautesten in die Diskussion einschalten, haben nichts geändert.

Die von Ihnen angesprochenen Verbesserungen müssen jedoch von den Schulen selbst erwirtschaftet werden. In der Praxis hat dies jedoch zur Folge, dass Schulen an den anderen Stellen ihren Etat kürzen müssen, um Klassenfahrten zu finanzieren. Werden Klassenfahrten dann auch zu Lasten der Schülerinnen und Schüler durchgeführt?

Ich weiß nicht, wo Sie die Information her haben (Anmerkung der Redaktion: Die Information stammt aus einer Pressemitteilung des Philologenverbandes Niedersachsen vom 10.09.2015), aber dass das selbst erwirtschaftet werden muss und Budgets gekürzt worden seien, ist falsch. Wir haben die Schulbudgets in diesem Schuljahr um 5% erhöht und werden sie im kommenden Schuljahr noch einmal um 3 Millionen Euro erhöhen. Wir haben mal darüber nachgedacht, ob die Budgetreste, die die Schulen nicht verwendet haben, zu einem größeren Teil zurückfordern sollen. Aber auch hier bin ich optimistisch, dass wir bei den alten Regelungen bleiben können. Insofern: kein Grund zur Aufregung.

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