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Mythos Trümmerfrau – wer baute Deutschland wieder auf?

Sie gelten für viele als die Heldinnen der Nachkriegszeit: „Trümmerfrauen“ – Frauen, die das zerbombte Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg wieder mühsam und von Hand aufgebaut haben. Sie errichteten das „Grundgerüst“ für das Wirtschaftswunder, das die Deutschen erleben durften. So soll es zumindest gewesen sein; wie jedoch viele Historiker darlegen, ist einiges an dieser Geschichte nicht so passiert, wie viele sagen.

Die Geschichte der Trümmerfrauen

Den Krieg verloren, fast alle großen und auch kleinen Städte in Schutt und Asche gelegt, das Land besetzt – der Sommer 1945 schien den Deutschen wie ein unüberwindbarer Trümmerhaufen, der sich aus dem Zweiten Weltkrieg angesammelt hat. Das Ausmaß wurde ihnen jetzt erst klar; Hoffnungslosigkeit breitete sich unter der Bevölkerung aus. Diese Hoffnungslosigkeit und der Verlust der vielen verstorbenen oder noch gefangenen Männer war die Geburtsstunde der Trümmerfrauen.

Sie beseitigten mit ihren eigenen Händen den Schutt der Kriegsjahre, förderten damit den Wiederaufbau der ganzen zerstörten Städte und errichteten so das Grundgerüst des später folgenden Wirtschaftswunders, das Deutschland in den 1950ern erreichte.

Den Ursprung sollen sie in Berlin haben; eine Gruppe von Frauen sammelte sich freiwillig, um die schwere Arbeit anzugehen, die sonst keiner machen wollte oder konnte. Doch aus dieser kleinen Gruppe wurde eine immer größere, da immer mehr und mehr Frauen sich der Arbeit anschlossen. Von der Regierung wurden sie befürwortet, in Zeitungen wurde viel über sie gesprochen.

Das Ganze zog sich dann so weit, dass den Trümmerfrauen im Laufe der Jahre bis heute zwölf Denkmäler errichtet wurden. Davon befindet sich eins sogar in Österreich – direkt in der Hauptstadt Wien. Ganze vier sind in verschiedenen Bezirken von Berlin aufzufinden, was auch sinnvoll erscheint, da die ganze Bewegung der Trümmerfrauen dort begonnen hatte.

Wie zerstört waren die deutschen Großstädte nach dem Zweiten Weltkrieg? (Quelle: Katapult Magazin, 2019)

Nach und nach wurde so manchen Historikern jedoch klar, dass an der ganzen Erzählung einige Punkte nicht der wahren Geschichte entsprechen, da sehr viel verherrlicht und glorifiziert wurde.

Es kam dazu, dass immer mehr Punkte, die zu den Trümmerfrauen gehörten, widerlegt wurden. Nur stellt sich dann die grundsätzliche Frage – wie und warum wurde eine Illusion dieser Frauen erschaffen, die von der tatsächlichen Bedeutung abwich?

Die Wahrheit hinter den „Trümmerfrauen“

Schon während des Krieges gab es Trümmerräumungen; immerhin brachte ein Krieg bereits im Verlauf immer Zerstörung mit sich und nicht erst komplett am Ende. Daher brauchte das Land auch schon damals jemanden, der den Schutt wieder etwas beseitigte. Diese Leute waren jedoch zu diesen Zeiten, wie die Bevölkerung auch wusste, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Die Trümmerräumung war also vielmehr eine Strafe für Gefangene als eine freiwillige Hilfsleistung.

Dass dann nach Befreiung der Gefangenen keiner mehr da war, der diese Arbeit freiwillig angehen würde, war eine Entwicklung, die gut vorhersehbar war.

An dieser Stelle ist dann jedoch unklar, welches von zwei möglichen Geschehnissen passiert ist, die zu der Stilisierung der Trümmerfrau und dem Imagewechsel der Trümmerräumung führte.

Es kann den Forschungen nach sehr gut sein, dass es tatsächlich einige Frauen in Berlin gab, die sich freiwillig der Arbeit zuwandten, den Schutt wegzuräumen und einen Weg für die Zukunft freizulegen, doch genauso gut könnte die Wahrheit gewesen sein, dass die Frauen, die die Bewegung angefangen hatten, von den Alliierten dazu gezwungen wurden, zu arbeiten und nichts daran freiwillig war. Egal, wie es denn letztendlich war, die Medien griffen das Bild von deutschen Frauen, den “Trümmerfrauen” auf, die in großen Gruppen an die Arbeit gingen, um das Land wieder aufzubauen.

Während der Westen an dieser Bewegung kaum einen Anteil nahm, boomte es in der DDR. Die Trümmerräumung war plötzlich in der Öffentlichkeit keine Strafe für die gefangenen Menschen mehr, sondern etwas Fortschrittliches, eine gute Tat für das neue, zukünftig sozialistische Land, das gerade in der Entstehung war. Außerdem war die die Trümmerfrau dazu benutzt worden, um als Vorbild für die “neue sozialistische Frau” zu dienen, die Freude an “Männerberufen” finden und die kommende Gleichberechtigung genießen soll.

Denkmal für die Trümmerfrauen in Berlin-Mitte (CC BY-SA 3.0 Spree Tom / wikipedia.de)

Sozialismus war neu für die Menschen in Deutschland und von außerhalb auch oft mit Skepsis betrachtet, daher hielt die Politik mit Hilfe der Medien an der Trümmerfrauen-Geschichte fest, um das neue Land als so selbstständig, fortschrittlich und gut darzustellen, wie es ging. Sie wollten der Skepsis entgegentreten und haben dies mit den Heldentaten solcher Frauen, die meist gar nicht passiert sind, versucht zu vollbringen.

Dazu waren nun alle, die sich gegen die Trümmerräumung stellten, in den Medien nun die Bösen; immerhin stellten sie sich gegen den Aufbaugedanken, halfen nicht dabei diesen Teil der Sühne zu leisten, die ihnen das zerfallene Nazi-Regime zurückgelassen hatte. In der DDR bedeutete das im Hinblick auf die Bedeutung der Trümmerfrau, dass Gegner der Trümmerräumung auch nicht den Staat oder die Gleichberechtigung der Frau unterstützten. Durch das Anhängen dieser Beschuldigungen wurde die Regierung dann auch schnell eben solche Gegner wieder los, da sie nicht in dem Hass der Öffentlichkeit stehen und schon gar nicht als Staatsfeinde gelten wollten.

Die Trümmerfrau war allerdings nicht nur die ideale Verkörperung des sozialistischen Gedankens, sie wurde auch dazu genutzt, von der Schuld der nationalsozialistischen Vergangenheit abzulenken. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin des Osteuropa-Instituts der Freien Universität Berlin, Anna-Sophia Pappai, schreibt hierzu:

„Die Vergangenheitsbewältigung der frühen BRD zielte auf eine Schuldabwehr bzw. die Projizierung der Schuld auf wenige Hauptverantwortliche. Die Verdrängung der eigenen Schuld wurde hier durch die Konzentration auf die ‚heldenhafte‘ Leistung der (‚schuldlosen‘) ‚Trümmerfrauen‘ erleichtert.“

Anna-Sophia Pappai
Trümmerfrauen in Leipzig, 1949 (CC BY-SA 3.0 de Deutsche Fotothek /wikipedia)

Der Übergang von dem Erfolg der Stilisierung, der nur in der DDR stattfand, zu dem Zustand, dass ganz Deutschland, auch der zunächst unbeteiligte Westen bis heute hin noch die Trümmerfrauen bewundert und ihnen Statuen widmet, geschah ganz undeutlich und verschwommen. Durch das wiederholte Erwähnung der inszenierten Schwerstarbeit und ständige Artikel über die Frauen ist der Mythos irgendwann um die 60er Jahre herum in das Kollektivgedächtnis der deutschen Bevölkerung gerutscht, ohne dass jemand es nochmal hinterfragte. Aus dem Grund kam auch erst nach und nach an die Öffentlichkeit, dass das, was in diesem Kollektivgedächtnis verankert wurde, nicht ganz so stimmte, wie gedacht. Und noch heute wird die Trümmerfrau stilisiert. Vor allem in rechtspopulistischen Kreisen gilt die Trümmerfrau als Inbegriff für Fleiß und unerschütterlichen Nationalstolz.

Wer hat die Trümmer denn weggeräumt, wenn es nicht die Trümmerfrauen waren?

Der Schutt ist vor dem Wirtschaftswunder entfernt worden, das ist ein wahrer Fakt, der klar bewiesen ist; doch wenn es die Trümmerfrauen nie richtig oder zumindest nicht in dem angeblichen Ausmaß gab, wer hat denn dann dafür gesorgt, dass die übrig gebliebenen Trümmer weggeräumt wurden?

Es existieren Bilder von Männern, die Seite an Seite mit den Frauen, die womöglich beide gezwungen wurden, arbeiteten, um die Straßen freizuräumen. Generell soll der Anteil an Männern, die an der Trümmerräumung beteiligt waren, viel höher gewesen sein als die meisten heutzutage glauben, und er war definitiv höher als der Anteil der Frauen. Gerade auch, weil es in den jeweiligen Besatzungszonen auch mal üblich war, dass deutsche Kriegsgefangen von den Alliierten zur Zwangstrümmerräumung gezwungen wurden.

Besonders im Westen aber waren nicht unbedingt die Menschen die Trümmerräumer, sondern Maschinen, die sich einfach bedienen ließen, wodurch keine Menschen die Schwerstarbeit mehr übernehmen mussten, nicht so wie in dem Mythos der Trümmerfrau erzählt wurde.

Zusammenfassend bedeutet das, dass es die Trümmerfrau, die mit Statuen verehrt werden, zwar wirklich existiert haben, ihre Leistung für den Wiederaufbau Deutschlands aus verschiedenen politischen Richtungen überhöht wurde und das vor allem viele Männer und Bagger Deutschland vom Schutt befreiten. Erst heutzutage wird den Menschen die Augen dies betreffend geöffnet und ein weiterer Mythos wird entzaubert.

Artikel und Recherche: Jara-Sofie Wilms

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