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Natürlich oder nicht? – Queere Tiere

Die Frage, ob Homosexualität auch in der Natur vorkommt oder exklusiv für den Menschen existiert, wird schon lange debattiert. Nur wenige können sich vorstellen, dass Wildtiere oder gar unsere Haustiere homosexuelles Verhalten zeigen könnten. Welchen Nutzen sollte dies haben? Trotzdem kann man auf Basis von wissenschaftlichen Erkenntnissen sagen: Homosexuelle gibt es auch bei den Tieren.

Beginn und Entwicklung der Forschung

Die ersten Beobachtungen von Tieren mit homosexuellem Verhalten reichen sogar schon bis in das antike Griechenland zurück. Unter anderem schrieb der berühmte Philosoph Aristoteles von männlichen Hyänen, die er bei der Paarung beobachtet hatte. Diese Schriften stammen aus dem vierten Jahrhundert vor Christus.

Soweit man weiß, war dies jedoch das Einzige, was Aristoteles über homosexuelle Tiere verfasst hat, oder diese Art von Schriften sind über die Jahre verloren gegangen.

Ganz unwahrscheinlich ist es gar nicht, dass besonders die Philosophen schon mehr über dieses Thema wussten, als wir heute denken. Für diese Menschen war es jedoch kaum etwas Neues, da sie mit anderen Sexualitäten schon von Grund auf ganz anders umgingen als viele Menschen heute.

Schon der griechische Philosoph Aristoteles beobachtete im 4. Jhd. v. Chr. homosexuelles Verhalten bei Tieren. (Bild: gemeinfrei)

Egal, wie viele Erkenntnisse es in der Antike gab, von denen wir nichts wissen, sicher ist jedoch, dass jegliche Forschungen mit dem Ende der Antike stagnierten. Besonders im Mittelalter war alles, was nicht Heterosexualität war, ein Thema, das man lieber nicht ansprach.

Die Werte des Christentums waren – zumindest in Europa – weit verbreitet, und damit auch die Aussage, dass LGBTQ+ unnatürlich und eine Sünde war.

Durch die Tatsache, dass es so in den Gehirnen der Menschen verankert war, dachte auch niemand mehr daran, die Forschung an diesem Thema wieder aufzugreifen, bis die Welt generell wieder ein wenig offener für andere Formen der Sexualität wurde.

Genaue Daten, wann Wissenschaftler sich wieder an die Sache gesetzt haben, findet man nicht – zu vermuten ist die Zeit des Neustarts in der Forschung irgendwo am Ende des 20. oder am Beginn des 21. Jahrhunderts gelegen. Sicher ist jedoch, dass in besonders diesen letzten Jahren viele Erkenntnisse über das Tierreich gemacht werden konnten.

Zum Beispiel wurde auch die Annahme, dass Tiere Sex nur zum Zweck der Fortpflanzung haben, widerlegt; auch Tiere haben gelegentlich Geschlechtsverkehr – das auch mit gleichgeschlechtlichen Partnern – weil sie einfach in der Stimmung dazu sind. Im Allgemeinen sind Tiere viel weniger primitiv als wir Menschen so lange gedacht haben.

Einer der bekanntesten Forscher in diesem Feld ist der Kanadier Bruce Bragemihl, der 1999 sein Buch „Biological Exuberance: Animal Homosexuality and Natural Diversity“ veröffentlichte, in dem er von homosexuellem, aber auch hauptsächlich bisexuellem Verhalten der beobachteten Tierarten spricht. Es ist das erste Buch dieser Art – zumindest das erste, dass diese Verhaltensart nicht als „verkommen“ bezeichnet, wie es 1911 der Brite George Murray Levick tat, als er Pinguine in gleichgeschlechtlichen Beziehungen beobachtete. Doch in dieser Zeit waren die Menschen noch nicht bereit, sich mit diesem Thema zu beschäftigen – diese Beobachtungen wurden bis ins Jahr 2012 unterdrückt, damit sie nicht an die Öffentlichkeit gelangen konnten.

Mit solchen Schriften, die immer mehr aufzutauchen schienen, begann dann auch die neue Forschung in größeren Bereichen. Bagemihl ist und bleibt hier jedoch einer der Menschen, die die Forschung auf diesem Gebiet ins Rollen gebracht haben; zusammen mit Joan Roughgarden, die 2004 ebenfalls ein Werk namens „Evolution’s Rainbow: Diversity, Gender and Sexuality in Nature“ zur Homo- und Bisexualität veröffentlichte, sorgte er dafür, dass die erste Ausstellung zu diesem Thema veranstaltet wurde.

Von September 2006 bis August 2007 konnte man an der Universität Oslo eine Ausstellung namens „Against Nature?“ betrachten, die nicht nur ausgestopfte Tiere zeigte, die zu den Arten gehörten, wo Homo- oder Bisexualität beobachtet wurde, sondern auch Bilder aufzeigte von gleichgeschlechtlicher Paarung und die neusten wissenschaftlichen Fakten beinhaltete. Diese Ausstellung wurde von den Besuchern im Großen und Ganzen sehr positiv aufgenommen und es gab Planungen, sie auch nach Dänemark, Deutschland, Schweden, den Niederlanden und Australien zu bringen.

Für die Forscher war „Against Nature?“ eine riesige Hilfe dabei, ihr Themenfeld zu entstigmatisieren und zu zeigen, dass es Anerkennung als ein ernstes Forschungsfeld in der Wissenschaft verdient. Bis vor kurzem lehnte die Allgemeinheit den Gedanken, dass das beobachtete Verhalten bei den Tieren von den Menschen nicht nur überinterpretiert ist, vehement ab. Viele Forscher, die sich hiermit beschäftigten, haben also die Öffentlichkeit gemieden und kaum Berichte publiziert.

Janet Mann, eine Wissenschaftlerin an der Georgetown University in der USA, beschreibt diese Situation so, dass die Forscher in diesem Feld oft schärfer geprüft und der Mitgliedschaft an einer Agenda beschuldigt werden, als ihre Kollegen, die sich auf jegliche anderen Themen spezialisieren.

Der zuvor genannte Forscher Bagemihl kritisiert in diesem Rahmen eben auch die stark heteronormative Sicht, die viele Wisschenschaftler noch vertreten, indem er sagte: „Jedem Männchen, das ein Weibchen berochen hat, wurde ein sexuelles Motiv unterstellt, während Analverkehr zwischen Männchen mit Orgasmus sich um Dominanz, Wettbewerb oder Begrüßung drehte.“

Heutzutage ist sichtbar, dass die Welt sich den Forschern dieses Themenfeldes mehr geöffnet hat. Mittlerweile konnten diverse Personen, darunter auch nach wie vor Bagemihl, Roughgarden und Mann, homo- oder bisexuelles Verhalten bei über 1500 Tierarten nachweisen, 500 davon speziell dokumentiert. Und das, obwohl sie erst jetzt richtig in Fahrt kommen; es gibt Hypothesen, die besagen, dass die Verbreitung gleichgeschlechtlicher Beziehungen zwischen Tieren noch in einem viel, viel größerem Ausmaß existiert, als viele von uns es sich vorstellen können.

Der wissenschaftliche Betreuer der „Against Nature?“ Ausstellung, Petter Bøckman , sieht sogar die Möglichkeit, dass kein Tier komplett heterosexuell ist – nach ihm wurde immerhin noch bei keiner Tierart bewiesen, dass es keine Homosexualität oder Ähnliches gibt.

Auch bei Haustieren gibt es Fälle von Homosexualität. (Dies ist ein Symbolbild. Eine Regenbogenfahne allein macht ein Tier natürlich nicht homosexuell.)
Quelle: Photo by Sharon McCutcheon on Unsplash

Betrachtet man die Fälle, die nach und nach öffentlich werden, von Katzen, Kanarienvögeln, Wellensittichen, Hunden zu Wildvögeln, Löwen, Schafen und vielen weiteren, die homosexuelles Verhalten aufzeigen, scheint es sehr wahrscheinlich, dass Bøckman durchaus Recht haben könnte.

Homo- und Bisexualität ist nach der heutigen Forschung also offiziell keine „Erfindung“ von Menschen – schaut man weiter, findet man unter anderem auch Fälle, in denen Tiere transgender zu sein scheinen und Tiere, die Geschlechtsverkehr im Generellen vermeiden. Viele der LGBTQ+, wenn nicht sogar alle, lassen sich nach und nach wiederfinden. Auch hat diese Sparte der Forschung geholfen, herauszufinden, dass Tiere auch schiere Lust auf Sex empfinden können, so wie wir.

Die mögliche Funktion(en)

Nicht alles scheint eine direkte Funktion zu haben, auch in der Natur, bei den Tieren, nicht. Fragt man sich aber nach einer Funktion der Homo- und Bisexualität bei Tieren, eröffnen sich mehrere Möglichkeiten – zunächst nehmen homosexuelle Paare oft Waisenkinder auf, etwas, dass Menschen in gleichgeschlechtlichen Beziehungen zum Beispiel nur in wenigen Ländern dürfen. Findet zum Beispiel ein Paar schwuler Pinguine ein Küken ohne Eltern, oder ein befruchtetes Ei mit demselben Problem, nehmen sie es ohne Zögern auf, brüten es aus und/oder ziehen das Baby zusammen groß. So funktioniert das bei vielen Tierarten – besonders bei Menschenaffen und Vögeln, die allgemein als sehr sozial gelten und auch in Gemeinschaften leben, bei denen andere den anderen helfen. So ist es auf natürlichem Wege möglich, dass nicht alle Waisen im Tierreich versterben, und die homosexuellen Tiere haben die Möglichkeit, ebenfalls eine Familie zu gründen. Sie sind ein wichtiger Bestandteil in der Gesellschaft, der zum Überleben einer Tierart durchaus gebraucht wird.

Eine weitere Theorie besagt, dass homosexuelle Paare nötig sind, um die Balance in einer Gesellschaft zu halten – wenn es bei einer Tierart zu viele Männchen, oder zu viele Weibchen gibt, dann hilft die Homo- oder Bisexualität vieler Tiere dabei, dass nicht zu viele alleine bleiben und alle ihren romantischen Ausgleich bekommen.

Wie bereits genannt, ist es stets möglich, dass es keine Funktion hat, und diese Dinge nur positive Nebenwirkungen sind. Sexualität, Liebe und Familie sind Dinge, die noch nicht so weit erforscht sind, wie wir vielleicht denken, besonders was das Tierreich angeht.

Bekannte (und nicht so bekannte) Beispiele

Pinguine

Pinguine sind wohl die Tiere, bei denen Homosexualität am frühsten festgestellt wurde – sie wurden ja 1911 schon in dieser Weise erwähnt. Auch wenn das Bild von gleichgeschlechtlichen Beziehungen damals nicht so gut war, musste man Pinguinen auch schon da lassen, dass sie feste und langanhaltende Beziehungen eingehen – auch mit einem gleichgeschlechtlichen Partner. Diese Pinguine weigerten sich dann auch vehement, sich mit einem Partner des anderen Geschlechtes zu paaren und blieben bei ihrem bisherigen Partner.

Pinguine sind mit die Tiere, mit denen man am ehesten die Aussage widerlegen kann, dass Tiere nur homosexuelles Verhalten zeigen, wenn sie „keine andere Option haben“. Auch andere Vögel, wie zum Beispiel der oft als Haustier gehaltene Kanarienvogel, gehen eine Beziehung ein und bleiben nach dem Tod des Partner auch oft dabei, sich nicht wieder zu paaren, egal wie viele „Optionen“ da sind.

Stockenten

Für uns ist die Stockente ein Tier, das wir fast überall und fast jeden Tag beobachten können. Achtet man aber sehr genau auf ihr Paarungsverhalten, stellt man auch hier fest, dass sie sich oft in gleichgeschlechtlichen Beziehungen befinden. Eine, für Tiere bisher hohe Rate von Entenpaaren sind eine Paarung von zwei männlichen Enten. Bis zu 19% aller Pärchen, die bei Enten entstehen, um es genau zu sagen. Schwule Entenpärchen zeigen auch genau die Verhaltensweise im Balzen und Liebesleben, die heterosexuelle Paare ausüben. Auch Stockenten ziehen ohne Zögern verwaiste Küken von Männlein-Weiblein-Paaren auf und helfen so dem Artbestand. 

Lachmöwen

Wenn wir bei den Vögeln bleiben, sind Lachmöwen definitiv eine Tierart, die erwähnt werden muss. Während bei vielen Tieren die gleichgeschlechtlichen Beziehungen eher zwischen Männchen und Männchen stattfinden, gibt es bei Lachmöwen sowohl lesbische als auch schwule Paare.

Hier passiert es sogar nicht selten, dass ein lesbisches Lachmöwenpaar Spermaklau betreibt.

Eins der beiden Weibchen lässt sich also von einem Männchen besteigen, um dann zu ihrer Partnerin zu dem Nest der beiden zurückzukehren und dort zusammen zu brüten. Sie ziehen das Küken zusammen groß und übernehmen beide sowohl die Rolle der Mutter als auch die des Vaters.

Delfine

Auch bei Delfinen wird seit kurzem immer mehr beobachtet, wie lesbische und schwule Pärchen entstehen und mit den heterosexuellen Pärchen zusammen in einer sozialen Gesellschaft leben. Diese Tiere finden auch nach dem neusten Wissen immer wieder neue Möglichkeiten, sich nicht nur im Familien- sondern auch im Sexleben auszutoben und zu bekommen, was sie wollen. Delfine gelten als die mit sozialsten Tiere, die es in unserem Tierreich gibt – sie gehen tiefe Bindungen ein und haben ebenfalls Geschlechtsverkehr, weil sie Lust darauf haben und nicht nur zur Fortpflanzung.

Sex zum Spaß? Bei Delfinen scheint das zumindest möglich zu sein.
(Quelle: Bild von Romuald Bézard auf Pixabay)

Die Liste der Tierarten mit homosexuellen Paaren ist lang: Löwen, Füchse, Schimpansen, Giraffen, Koalas, marokkanische Schmetterlinge, Schafe und viele, viele mehr. Alle von ihnen zeigen mindestens lesbische oder schwule Paare auf, oft jedoch beides. Tiere besitzen im Durchschnitt also eine gewisse Bisexualität – aber, wie auch schon erwähnt, auch Asexualität ist im Tierreich zu finden. Auch wenn die Prozentzahl von Asexuellen unter Tieren sehr gering ist, sie existiert; etwa 0,1% der Säugetiere haben kein Verlangen nach Sex, möglicherweise gibt es noch mehr Tiere, deren niedriger Sexdrang jedoch eher als Mitbringsel einer Krankheit gesehen wird.

Im Tierreich kommt zur Geltung, dass „Gender“ nicht fest ist und auch nicht an bestimmten Dingen festgemacht werden kann. Es kommt zu Fällen, wie beim Clownfisch, zum Beispiel, bei denen ein Männchen sich zu einem Weibchen umwandelt, oder ein Weibchen zu einem Männchen, oder es immer im Laufe des Lebens abwechselt.

Rotkardinale und Hühner werden unter anderem mit beiden Geschlechtsorganen geboren, und verhalten sich sowohl auch wie das Weibchen und das Männchen – Schmetterlinge, Hummer, Schlangen, Papageien; bei diesen Arten gibt es Fälle, in denen das Tier nicht nur beide Geschlechtsorgane hat, sondern ihre Körper ein kompletter Mix aus männlich und weiblich sind.

Oder Bartagamen, die noch im Ei von Männchen zum Weibchen werden – genetisch gesehen bleiben sie dabei jedoch ein Männchen, verhalten sich aber wie ein Weibchen unter den Bartagamen sich eben verhält und können sich fortpflanzen.

Fazit

Homosexualität ist nicht unnatürlich. Es passiert im Tierreich die ganze Zeit; auch für andere, heute noch teils belächelten Sexualitäten gibt es Fälle unter den Tieren, wo es ganz normal abläuft.

Es ist auch kein Zeichen dafür, dass es zu wenige „Optionen“ für ein homosexuelles Tier gibt, und sie sind auch nicht „für nichts gut“ in einer Gesellschaft.

Möglicherweise finden die Forscher in den nächsten Jahren noch viel mehr heraus, vielleicht erfahren einige mehr von uns von gleichgeschlechtlichen Beziehungen zwischen Tieren, unseren Vögeln zu Hause zu Beispiel, jetzt, da Leute beginnen, mehr auf so etwas zu achten.

Was dieses Thema angeht, gibt es so gesehen nur einen Unterschied zwischen den Tieren und uns Menschen. Wie Bragemihl einmal sagte:

„Der Mensch ist die einzige Spezies, die Homosexualität als etwas Abnormes betrachtet.“

Text und Recherche: Jara-Sofie Wilms

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