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Nous sommes unis

Die Terroranschläge von Paris haben die Menschen auf der ganzen Welt erschüttert. Unsere Chefredakteurin Marie befindet sich zur Zeit auf einem Schüleraustausch in Frankreich und berichtet darüber, wie ihre Gastfamilie und ihre französischen Mitschüler die Ereignisse von Paris erlebten und verarbeiten.

Da ich zur Zeit einen Schüleraustausch mache und bei einer französischen Gastfamilie wohne, wollte ich die Gelegenheit nutzen und euch erzählen, wie ich, und vor allem die Franzosen hier, die Nachricht von den Anschlägen aufgenommen haben, wie sie sich fühlen und was sie denken.

Dazu muss ich sagen, dass ich in einem kleinen Dorf in der Nähe von Marseille wohne, also ziemlich weit weg von Paris. Deshalb hatten wir Montag auch schon wieder ganz normal Schule, während in Paris noch Ausnahmezustand herrscht und die Schule natürlich geschlossen bleibt.

Ich und meine Familie haben erst am Samstagmorgen von den Geschehnissen in Paris gehört. Die Großeltern meiner Austauschpartnerin haben aber zum Beispiel schon nach dem Fußballspiel am Freitagabend in den Nachrichten erfahren, was passiert war. Sie blieben, nach eigener Aussage, bis drei Uhr morgens wach, um auf dem neuesten Stand zu sein.

Was vielleicht vor dem Hintergrund der Ereignisse egoistisch und teilnahmslos wirkt: Ich bin mit meiner Gastfamilie wie geplant übers Wochenende in den Urlaub gefahren. Aber was soll man auch schon groß machen, zu Hause bleiben und den ganzen Tag Trübsal blasen? Nein!  So konnten wir uns wenigstens ablenken und mussten nicht allzu viel darüber nachdenken. Das war auch gut so, denn spätestens am Montag holte uns die Realität wieder ein.

In der Schule gab es erst mal nur ein einziges Gesprächsthema. Natürlich. Jeder hatte etwas anderes in den Nachrichten gehört, im Internet gelesen oder von den Eltern erfahren. Doch letztendlich blieben nur ganz viele offene Fragen.
Anstatt Englisch hatten wir dann gemeinsam mit den Parallelklassen eine Stunde Zeit Gedichte über das Geschehene zu verfassen. Einigen fiel es leichter ihre Gefühle in Worte zu fassen, anderen, so auch meiner Gruppe, war einfach überhaupt nicht danach irgendetwas zu schreiben. Es redeten einfach alle durcheinander. Die Gefühle reichten von Verwirrung über Angst bis hin zu Wut.

Auch aus diversen Gesprächen mit meinen Gasteltern konnte man diese Gefühle heraushören.

„Das Erste an was ich gedacht habe, nachdem ich von den Attentaten erfuhr, war, ob es meinen Freunden und Familienangehörigen in Paris gut geht“, so meine Gastmutter. “Die Antwort auf eine SMS an meine Cousine in Paris war: Keine Sorgen, wir hatten gestern Abend nicht das Bedürfnis ein Metallkonzert zu besuchen. Diese Aussage hat mich geschockt.“

Allerdings erklärte meine Gastmutter auch: „Was sich jetzt in Paris ereignet hat ist natürlich grausam und mein Mitgefühl ist bei allen Opfern dieser Nacht.“ Allerdings ist sie der Meinung, dass sie das Attentat auf das Magazin Charlie Hebdo, im Januar dieses Jahres, mehr schockiert und berührt habe, da dies für sie ein deutlicher Angriff auf die Meinungs- und Pressefreiheit gewesen sei. „Wir Franzosen reagieren sehr sensibel, wenn man unsere Freiheit angreift, immerhin sind wir mit unserer Vergangenheit, der französischen Revolution, ein Symbol für die Demokratie.
Eine meiner größten Sorgen ist jetzt eher, dass die rechtsextreme Partei in Frankreich, die Front National, stark an Stimmen gewinnt. Die erklären die Attentate nämlich mit der hohen Anzahl an Immigranten, was natürlich vollkommener Schwachsinn ist. Aber nach solchen Ereignissen finden sich immer mehr Leute, die das glauben.“

Umso wichtiger ist es natürlich, die Menschen aufzuklären, vor allem die Jugendlichen. Deshalb wurde uns in der dritten Stunde von einer Lehrerin genauer erklärt, welche Hintergründe die Attentate hatten und alle – scheinbar noch so dummen – Fragen wurden beantwortet. Ich kann euch sagen, meine Klasse hier ist manchmal so laut, dass man sein eigenes Wort nicht mehr verstehen kann. In diesem  Moment waren aber fünf dieser Klassen in einem Raum und es war so still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Ich weiß nicht, wie ich das Gefühl beschreiben soll, das ich in dem Moment hatte, aber es war wie eine riesige Gemeinschaft, die sich in schwierigen Zeiten wie diesen zur Seite steht.

Um 12 Uhr versammelten wir uns dann alle auf dem Schulhof, um gemeinsam die Schweigeminute abzuhalten. Danach wurden einige der zuvor verfassten Gedichte vorgetragen. An den zitternden Blättern und Stottern der Schüler konnte man deutlich sehen, wie viel Mut es ihnen abverlangte, ihre Gefühle mit der ganzen Schule zu teilen. Ein sehr emotionaler Moment für alle Anwesenden. Am Nachmittag fand der Unterricht dann ganz normal statt. Auch die nächsten Tage verliefen ohne dass jemand ein Wort über das Geschehene verlor.

An dieses Wochenende erinnern jetzt nur noch die Gedichte, die im Foyer der Schule hängen.

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