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Shakespears Kinder im Hier und Jetzt

Shakespeares Romeo und Julia! Jippie! *Ironie-Ende* Klassische literarische Werke gibt es doch sicherlich zu hauf. Wieso müssen wir uns also ausgerechnet mit dieser ausgelutschten Tragödie beschäftigen? Konnte Frau Waldhorst nichts mit mehr Biss für uns auswählen? Was wäre denn zum Beispiel gegen Bellas und Edwards Lieblingsbuch „Sturmhöhe“ einzuwenden gewesen?

Jetzt können wir dieses dämliche „O Romeo! Warum denn Romeo?“ zigmal durchwälzen und im Anschluss auch noch eine umfassende Interpretation davon zusammenklauben…  

Bevor ich mich mit Freuden in die Arbeit stürze, klappe ich meinen Laptop auf und klicke mich ins Netz. Gleich nach dem Log-In verschriftliche ich mit ein paar unmissverständlichen Wendungen meine grenzenlose Begeisterung über unsere neue Schullektüre in einem Post.

Kaum mehr als eine Stunde später haben sämtliche meiner Mitschüler den Beitrag gelikt.

Doch nach dem ersten Lesen der Lektüre kommt mir plötzlich eine Eingebung: Was wäre denn, wenn das literarische Exempelpaar im Heute und Jetzt, im Facebook-Zeitalter, leben würde?

Am gestrigen Abend wurde ständig von Facebook-Neuigkeiten und absurden Posts gesprochen. Wie unangenehm es doch war, nirgendwo mitreden zu können. Julia beschloss, sich am folgenden Tag einen Account zu erstellen. Vorher hatte ihr schlichtweg die Lust dazu gefehlt. Doch nun kommt sie sich vor, als gäbe es abgesehen von ihr weit und breit niemanden mehr, der in keinem Social Network aktiv ist. Sogar ihre Mutter, die stolz unmoderne Gräfin Capulet, wird eher von regionalen Neuigkeiten ereilt als sie selbst. Es ist höchste Zeit, sich die aktuellen technischen Errungenschaften selbst anzueignen.

„Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben in Verbindung zu treten und Inhalte mit diesen zu teilen.“  Na dann wollen wir mal. Julia registriert sich und addet gleich darauf einige ihrer Freunde und Familienmitglieder. Eine Stunde später sind auch schon sämtliche persönliche Informationen geteilt, 24 Facebook-Freunde haben ihre Anfrage bestätigt und Bruder Lorenzo hat sie zu der Gruppe „Shakespeares Venedig“ hinzugefügt. Im Netz kursiert sogar schon ein Bild von Julia, das sie in der Verkleidung zeigt, die sie auf dem gestrigen Kostümball getragen hat. Außerdem ist sie Single.
Plötzlich annonciert das Nachrichtenfeld, dass ihr jemand geschrieben hat.  Die Nachricht kommt von einem gewissen Romeo Montague. Vor einigen Sekunden hat er Folgendes geschrieben: „Hi, du bist süß.“

Um Himmels Willen, denkt sie, ein Montague! Und zu allem Überfluss kommt er ihr auch noch mit einer derart geschmacklosen Anmache. Moment… Vielleicht ist ja gerade DAS die Art, Kontakt zu jemandem aufzunehmen..?

Nichts desto trotz beschließt Julia Romeos Worte erst einmal zu ignorieren. Allerdings kann sie nicht sonderlich lange standhaft bleiben. Kaum ein paar Minuten später trumpft Romeo nämlich mit etwas Neuem auf. Er meint sie überzeugen zu müssen, dass sie ihn von der Kostümparty vergangener Nacht kenne. Er sei der Feuerwehrmann gewesen, dessen Blicke sie ständig hatte einfangen wollen. Julia stutzt, ihre Finger gleiten über die Tastatur. „Das warst du?“

Das wohl berühmteste Liebespaar der Weltliteratur hat sich gefunden. Von da an schreiben Romeo und Julia sich täglich. Es vergeht also kein Tag, an dem sie keinen virtuellen Kontakt zueinander pflegen. Wen interessiert da noch, dass sich die vorerst einzige Begegnung der beiden auf dem Kostümball der Capulets ereignet hat? Und weil ihre Familien sie ständig im Blick hatten, haben sie währenddessen nicht einmal die Gelegenheit gehabt, miteinander zu sprechen.

Eines sonnigen Tages sitzt Julia samt Laptop und Limo auf ihrem Balkon. Seit der Geschichte mit Romeo hat sie ihren Beziehungsstatus entfernt. Schließlich soll ihre Mutter ja nicht misstrauisch werden.

Sie streckt sich, schließt die Augen und lässt die Sonne ihr Gesicht wärmen. Dann wendet sie sich wieder dem Bildschirm zu. Mittlerweile hat sie schon 312 neue Facebook Freunde gewonnen.

Gedankenverloren scrollt sie die Pinnwand hinunter. Bald lenkt der Beitrag einer „Freundin“ ihre Aufmerksamkeit auf sich. Er gefällt ihr – und er gefällt ihr so sehr, dass sie ihn ebenfalls postet. Im Übrigen ist ihre Neugier geweckt.

Der Inhalt des Posts lautet wie folgt:

 

„Was würdest du/willst du mit mir machen?

L=Ich will jetzt bei dir sein.

i=Ich will dich küssen.

E=Ich will dich heiraten.

b= Ich will den Rests meines Lebens mit dir verbringen.

e=Ich würde für dich sterben.
Bitte kommentieren.
(Und wenn du jetzt neugierig geworden bist, was die Leute MIT DIR machen würden, kopier das in deinen Status.)“

 

Der erste, der Julias Beitrag kommentiert, ist Graf Paris. Zu seinem Statement „iEb“ fällt Julia nur eine „NOT“ ein. Zur abschließenden Antwort erhält sie noch ein gnadenloses „Na dann eben nicht! Mir doch wayne…“ Soll Paris sich doch dann zum Teufel scheren! Erbost  loggt sie sich aus – und wieder ein.

Zum Glück besänftigt sie ihr Liebster wieder. Romeos Kommentar versetzt sie in einen Zustand benebelter Schwärmerei. Sein Kommentar bildet ein Wort, das Julia dazu veranlasst, sich -ungeachtet der Konsequenzen als „verheiratet mit Romeo Montague“ auszugeben. Romeo bestätigt die Beziehungsanfrage. „LiEbe.“ Ja, das ist es wohl. Bloß, dass es dem Liebespaar –vor allem Romeo-schließlich einen Tribut abverlangt.

Als Gräfin Capulet nämlich erzürnt feststellt, dass ihre Tochter mit einem Montague in einer Beziehung und zu allem Überfluss auch noch „verheiratet“ ist, stiftet sie Paris, den Gründer der Gruppe „Shakespears Venedig“, dazu an, Romeo aus der Gruppe zu entfernen. Romeo selbst zeigt sich bestürzt; allein für Julia scheint diese Wendung bedeutungslos zu sein.

Bald verabredet das Paar sich auch endlich zu einem weiteren Treffen. Doch außer verstohlenen Blicken und ein paar zufälligen Berührungen passiert nichts. Mit der Situation sind beide überfordert. Alles ist so ungewohnt und neu. Zum Beispiel klingt Romeos Stimme ganz anders, als Julia sie sich vorgestellt hat. Nun kann sie diesen Umstand natürlich nicht verändern und keiner ist bereit, seine Schüchternheit gegenüber dem anderen abzulegen. Angespannt sehnen sich Romeo und Julia ihren Abschied herbei.

Zurück in ihrem Turmzimmer, fasst Julia einen Entschluss. Nach einem halben Jahr immensem Facebook-Konsum, der sie beinahe hätte süchtig werden lassen,  löscht Julia ihren Account wieder. Viel zu viel hat Facebook ihr abverlangt. Sie sieht die einzige Lösung im “virtuellen Selbstmord”.

Um den derzeitigen Stand der Dinge auch einmal aus Romeos Sicht zu beleuchten, hier nun seine Empfindungen bei Julias Reaktion:

Nach dem peinlich ereignislos verlaufenen Nachmittag erweist sich Romeo als wenig erschrocken über das Ende ihrer Beziehung. Ach sei’s drum, denkt er sich. Schließlich hat er ja noch seine 398 anderen Facebook-Freunde.

„Shakespeare rocks!! So langweilig sind Romeo und Julia wohl doch nicht… ;)“ Nach dem Vortragen meiner freiwilligen Lösung der imaginären weiterführenden Aufgabe, erhalte ich für diesen abschließenden Post sage und schreibe 87 Likes!

2 Kommentare

  1. Coole Story, gefällt mir…
    Vor allen Dingen Julias Konsequenz!

    Gruß

    Christian

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