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Sei wählerisch!

Kaum eine Wahl in Deutschland hat so großen Einfluss auf den Alltag von Schülerinnen und Schülern wie eine Landtagswahl. Die Landesregierung bestimmt die Bildungspolitik und hat in den letzten Jahren das Schulsystem grundlegend reformiert. Grund genug für unsere Redaktion Direktkandidaten der Region zu einer Podiumsdiskussion zur anstehenden Landtagswahl einzuladen.

131 Schüler aus den Jahrgängen 9 und 10 wurden von uns gefragt: “Welche Partei würdest Du wählen, wenn am nächsten Sonntag Landtagswahl wäre?”

Als sich unsere Redaktion zu Beginn des Schuljahres dazu entschloss eine Podiumsdiskussion zur Landtagswahl durchzuführen, standen viele offene Fragen im Raum: Haben die Vertreter der Parteien überhaupt Zeit und Lust zu unserer Veranstaltung zu kommen? Welche Themen sollen besprochen, welche Fragen gestellt werden? Wie weit liegen die politischen Standpunkte der einzelnen Parteien eigentlich auseinander? Die Vorbereitung der Podiumsdiskussion bedeutete also vor allem eins: Recherche. Nicht immer war es einfach die Kontaktdaten der regionalen Parteivertreter im Netz zu finden, doch nach und nach bekamen wir von allen Parteien Zusagen. Nachdem wir uns darauf geeinigt hatten, dass es vor allem um die Bereiche Bildungs- und Umweltpolitik gehen sollte, wurden Parteihomepages durchstöbert, Wahlprogramme studiert, Zeitschriften gelesen, nach aktuellen Studien gesucht und Umfragen durchgeführt und analysiert.

Am vergangenen Dienstag kamen schließlich in der vollbesetzten Aula des Schulzentrums Saterland Renate Geuter (SPD, Wahlkreis Cloppenburg Nord), Dr. Stephan Siemer (CDU, Wahlkreis Vechta), Joachim Dahlke (FDP, Wahlkreis Cloppenburg Nord), Hans-Joachim Janßen (Grüne, Wahlkreis Cloppenburg Nord), Veruschka Schröter-Voigt (Linke, Wahlkreis Oldenburg-Land) und Christian Bley (Piraten, Wahlkreis Cloppenburg Nord) zusammen, um sich den Fragen unserer Chefredakteurin Alina Buxmann zu stellen.

laurentinews.de Chefredakteurin Alina Buxmann moderierte die Podiumsdiskussion.

Nach einer kurzen Vorstellungsrunde wurden die Parteienvertreter mit Umfragen konfrontiert, die von unserer Redaktion im Vorfeld erhoben worden waren. Diese zeigten, dass zwar 82% der befragten Schüler ihr Wahlrecht ausüben würden, doch nur 23% glauben, dass der Ausgang der Wahl Einfluss auf ihren Alltag haben würde. Die klassische Sonntagsfrage ergab eine absolute Mehrheit für die CDU. Ein Ergebnis, dass im Landkreis Cloppenburg nicht unbedingt überrascht.

Der tragische Amoklauf an einer Grundschule in den USA veranlasste uns dazu, kurzfristig das Thema „Sicherheit an Schulen“ in den Themenkanon aufzunehmen. Dr. Siemer verwies in diesem Zusammenhang auf die laxen Waffengesetze der USA und zeigte sich nicht davon überzeugt, dass mehr Schulpsychologen zu einem Rückgang von Amokdrohungen führen würden. Anders sah dies Renate Geuter, die darauf aufmerksam machte, dass Niedersachsen bei der Anzahl der Schulpsychologen pro Schüler bundesweit das Schlusslicht sei. Hans-Joachim Janßen betonte, dass man vor allem darauf achten müsse, dass kein Schüler durch das Netz fallen würde. Dafür müsse hinter dem Lehrer ein Netz an Betreuungskompetenz stehen, das sowohl für Schüler als auch für Lehrer als Ansprechpartner zur Verfügung stehe. Auch kleinere Klassen würden dabei helfen, dass in der Wahrnehmung der Pädagogen kein Schüler mehr durchs Raster falle. Diesen Aussagen schloss sich Veruschka Schröder-Voigt an. Man müsse präventiv handeln und nicht erst dann, wenn das Kind bereits in den Brunnen gefallen sei.

Veruschka Schröter-Voigt (Die Linke), Hans-Joachim Janßen (Bündnis 90/Die Grünen), Renate Geuter (SPD), Alina Buxmann  (v.l.n.r.)

Die Durchlässigkeit im niedersächsischen Schulsystem bildete den nächsten Themenschwerpunkt der Diskussionsrunde. Ist Niedersachsen tatsächlich das Land der Schulabsteiger, wie es erst vor kurzem von einer Studie der Bertelsmann-Stiftung festgestellt wurde? SPD, Grüne und Linke sprachen sich in diesem Punkt vor allem für eine Stärkung der Gesamtschulen aus. Dies sei die Schulform, die die höchste Durchlässigkeit gewährleiste. Deshalb sei es wichtig, die Hürden für die Errichtung von Gesamtschulen herabzusetzen. Dennoch wolle man keine Schulform abschaffen, so Renate Geuter und stets den Willen der Eltern im Blick behalten. Der Vertreter der CDU stellte heraus, dass die Ausgaben in der Bildungspolitik unter der schwarz-gelben Regierung deutlich angehoben worden seien. Außerdem bestehe kein Zusammenhang zwischen der Schulstruktur und den Bildungsmöglichkeiten für Schüler aus „bildungsfernen“ Familien. Viel wichtiger als Veränderungen an der Schulstruktur sei die Investition in frühkindliche Bildung. Dem stimmte Grünen Vertreter Janßen im Kern zu, machte jedoch deutlich, dass vor allem die Ganztagsschule konsequenter betrieben werden müsse.

Ganz klare Worte fand Janßen vor allem in Bezug auf das sogenannte „Turbo-Abi“ nach 12 Schuljahren. Dies sei „großer Mist“. Bildung sei mehr als Ausbildung und Jugendliche sollten mehr Zeit haben, um über den Tellerrand hinauszuschauen. Er plädierte deshalb dafür, dass es Schulen freigestellt werden solle, das Abitur nach 12 oder 13 Jahren anzubieten. Dr. Siemer stellte fest, dass deutsche Studenten im internationalen Vergleich bislang sehr spät einen Abschluss machen konnten. Das G8 Abitur würde diesen Missstand beheben. Es sei jedoch notwendig, die Lehrpläne weiter zu entfrachten, doch dies stieße häufig auf Widerstände.
Eher wage äußerte sich Renate Geuter auf die Frage, ob denn auch am LSG eine Oberstufe in den nächsten Jahren denkbar sei. Hierfür müssten zunächst die gesetzlichen Vorgaben erfüllt sein. Dies bedeute vor allem eine über mehrere Jahre gesicherte, durchgängige Dreizügigkeit.

Christian Bley (Piraten), Joachim Dahlke (FDP), Dr. Stephan Siemer (CDU)

Beim Thema Inklusion, die in den niedersächsischen Schulen ab dem Schuljahr 2013 verbindlich eingeführt wird, teilten nicht alle Diskussionsteilnehmer die von der Moderatorin Alina Buxmann geäußerten Bedenken. Viele Probleme beim Umgang mit behinderten Menschen würden sich im Alltag ganz von alleine auflösen, so Stephan Siemer. Die Inklusion sei eine sehr gute Sache, würde jedoch nicht in der Schule, sondern im ganz normalen Leben anfangen. Für Renate Geuter ist die Inklusion ein Paradigmenwechsel. Behinderte Menschen sollen  mehr Teilhabemöglichkeit am gesellschaftlichen Leben bekommen, dazu zähle auch die Schule. Inklusion sei aber nicht in einer billigen Variante zu haben, die Schulen müssten für die Inklusion personell gut ausgestattet werden, so die SPD Politikerin.

Ganz neue Ansätze im Bildungssystem verfolgen die Piraten. Durch einen modularen Aufbau sollen künftig schulische Inhalte flexibler gelernt werden können. „Wenn ich den Mathestoff der 7. Klasse nicht packe, dann gehe ich trotzdem in die 8. Klasse und hole den Stoff der 7. Klasse eben nach, wenn ich wieder besser bin in Mathe“, so Pirat Christian Bley.

Besonders kontrovers wurde beim Thema Studiengebühren diskutiert. Das Studium sei vom Geldbeutel der Eltern abhängig, so Linken-Vertreterin Schröder-Voigt. Die Aussicht, sich durch ein Studium zu verschulden, würde zudem viele junge Menschen abschrecken ein Studium aufzunehmen. Da Bildung ein Grundrecht sei, müsse auch das Studium grundsätzlich kostenfrei sein. Dr. Siemer verteidigte die Beibehaltung der Studiengebühren, die im Übrigen keine Gebühren sondern Beiträge seien, da sie bei weitem nicht kostendeckend wären, aber die Qualität des Studiums deutlich verbessern würden. Diese Position vertrat auch Joachim Dahlke, der auf die kostenintensive Ausstattung von Universitäten verwies. Christian Bley, der selber Student ist, erläuterte, wie schwierig es ist, die Studiengebühren finanziell zu stemmen. Die Kosten des Studiums sollten seiner Meinung nach durch Steuergelder finanziert werden. Renate Geuter sprach sich für eine Abschaffung der Studiengebühren aus. Dies sei jedoch aufgrund der aktuellen Haushaltslage nicht vor 2014 möglich. Die Unterscheidung zwischen „Gebühren“ und „Beiträgen“ bezeichnete Janßen als Wortklauberei. Der Begriff Studienbeiträge sei ein Euphemismus, weil die Beiträge verpflichtend seien. Auch er sprach sich für eine Abschaffung der Studiengebühren ab 2014 aus.

Interessierte Zuhörer verfolgen die Podiumsdiskussion in der vollbesetzten Aula des Schulzentrums.

Der humorvolle Schlusspunkt der Veranstaltung blieb dann Christian Bley von den Piraten vorbehalten. Auf die Frage, ob ihm seine Partei in Anbetracht der Forderungen nach einer friedlichen Marsbesiedlung und der Erforschung von Zeitreisen auf dem letzten Bundesparteitag nicht manchmal peinlich sei, antwortete er sehr ehrlich mit „Ja, aber Politik soll auch Spaß machen.“

Nach interessanten und sehr kurzweiligen 90 Minuten war die Zeit für die Podiumsdiskussion leider schon vorbei und viele spannende Fragen zur Umweltpolitik und zu möglichen Koalitionen in Niedersachsen blieben unbeantwortet. Dennoch zeigten sich sowohl die Zuhörer als auch die Gäste aus der Politik sehr zufrieden mit dem Verlauf der Diskussionsrunde. Viele wichtige Themen konnten sachlich und konstruktiv erörtert werden und man war sich schnell einig, dass dies nicht die letzte Veranstaltung dieser Art gewesen sein soll.

Presseberichte zur Podiumsdiskussion findet ihr hier:
Generalanzeiger:  http://www.ga-online.de/-news/artikel/106657/Der-Politik-auf-den-Zahn-gefuehlt

NWZ: http://www.nwzonline.de/cloppenburg/politik/hoeflich-ruhig-und-sachlich_a_1,0,3489060146.html

MT: http://www.mt-news.de/index/saterland.php?aid=4761

Wer  sich die gesamte Podiumsdiskussion noch einmal ansehen möchte, hat hier die Gelegenheit dazu:

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