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Victim Blaming – selbst schuld?

Was bedeutet eigentlich Victim Blaming? Von Victim Blaming spricht man, wenn die Schuld beim Opfer und nicht beim Täter gesucht wird. Diese Täter-Opfer-Umkehr kommt hauptsächlich beim Narzissmus, bei Rassismus und bei Sexualstraftaten vor. Aber warum versucht man, die oft so klar beim Täter liegende Schuld auf das Opfer zu übertragen? Was bewegt eine Person zum Victim Blaming und wie können sich Betroffene wehren?

Der Begriff Victim Blaming wurde hauptsächlich in den 1970ern in den Vereinigten Staaten verbreitet um die Strategie der Strafverteidigung bei Vergewaltigungsprozessen zu beschreiben. Aber wie funktioniert Victim Blaming eigentlich? Das ist gar nicht so schwer. Oft sind es Fragen, die implizieren, dass die Schuld beim Opfer liegt, oder aber “Rechtfertigungen”. Wer die Schuld auf das Opfer schiebt, ist immer unterschiedlich. Bei Sexualstraftaten sind es meist der Täter und die Strafverteidigung oder aber Menschen, die zwar mit dem Fall nichts zu tun haben, aber mit einem “falschen” Weltbild erzogen worden sind. Bei rassistischen Taten sind es schlichtweg rassistische Menschen. Auch hier spielt die Erziehung eine große Rolle. Und dann ist da noch der dritte Bereich, der toxische Beziehungen, häusliche Gewalt und ähnliches beinhaltet, der Bereich des Narzissmus. Im generellen tendieren Menschen zum Victim Blaming wenn sie dem Opfer nicht (mehr) helfen können. Damit ist die Ungerechtigkeit “nicht mehr so groß” und ihr Gewissen ist zumindest teilweise beruhigt.

Kommt es zur Gewalt in Beziehungen, wird dem Opfer meist eine Mitschuld gegeben. Auch der Vorwurf, sich nicht getrennt zu haben, steht oft im Raum. (Bildquelle: Pixabay, CC0)

Narzissmus ist eine Persönlichkeitsstörung, das heißt, wir bewegen uns im Bereich der Psychologie. Narzissten sind selbstverliebt und selbst bewundert, haben oft einen Mangel an Empathie und besitzen nur wenig zwischenmenschliches Einfühlungsvermögen. Sie halten sich selbst für besser als andere Menschen und glauben, dass sie immer im Recht sind. Sie versuchen andere so zu beeinflussen dass sie in ihr eigenes Weltbild passen. Narzissten sind bestrebt, bei anderen Menschen Schuldgefühle zu erzeugen. Das verunsichert andere Menschen und bringt sie zum Schweigen. Aber wie schieben sie die Schuld auf das Opfer? Sie spielen das Opfer und erfinden teilweise Sachen, um ihr Gegenüber schlecht dastehen zu lassen, geben ihm die Schuld, indem sie sagen, dass die Reaktion falsch war und erzählen von eigenen, traumatischen Ereignissen, um Mitgefühl zu erlangen. Man sieht, es gibt verschiedene Methoden, aber sie laufen immer auf dasselbe hinaus: Die Anderen sind im Unrecht und haben sie angeblich verletzt oder aber man zeigt ihnen nicht genug Empathie, obwohl es andersherum ist. Narzissten leben dies oft in Beziehungen aus. Ein Brennpunkt sind toxische Beziehungen. Häusliche Gewalt, sexuelle Übergriffe, all dies gehört zu toxischen Beziehungen. Auch hier rechtfertigen sie ihr Verhalten, sprich, sie sagen, die Partnerin hätte die Schläge verdient, weil sie sie “nicht gut behandelt”. Sexuelle Übergriffe rechtfertigen sie mit dem Faktor der Beziehung und sagen, dass die Partnerin es schließlich wollen müsse, wenn es Liebe sei. Gerade bei toxischen Beziehungen schiebt die Öffentlichkeit die Schuld schnell auf das Opfer oder glaubt ihm nicht, denn: Man hätte ja einfach Schluss machen können. Das ist aber im Großteil der Fälle nicht so einfach. Der Täter arbeitet mit Druck und Erpressung, oft über das primäre Opfer selbst hinaus. Sie drohen mit Verletzungen von Familie und Freunden. Aber das ist nicht alles. Menschen sind nun mal so, dass sie in allem das Gute suchen und nicht loslassen können. Und das tun Opfer von toxischen Beziehungen ebenfalls. Sie sagen: “Er hat ja auch seine guten Seiten” oder “Aber wir lieben uns ja trotzdem”. Die Beziehung wird wie eine Art Droge. Die ständige Angst erzeugt Hormone die fehlen, sobald man weg von der Person ist. Plötzliche, charmante Komplimente des Täters schütten das Glückshormon Dopamin aus. So will man zu ihr zurück. Als Außenstehender sollte man dabei das Opfer nicht verurteilen, sondern versuchen zu helfen, auch wenn das manchmal sinnlos scheint.

Der Psychologe William Ryan beschrieb blaming the victim in seinem gleichnamigen Buch aus dem Jahre 1971 als eine Ideologie, die den Rassismus gegen Afroamerikaner rechtfertigen soll. (Bildquelle: Pixabay, CC0)

Victim Blaming spielt sich jedoch nicht nur im häuslichen Umfeld ab, auch beim Thema Rassismus findet man dieses Denkmuster. Menschen werden seit Ewigkeiten aufgrund ihrer Herkunft und/oder Hautfarbe runtergemacht. Gewalt in vielen verschiedenen Wegen ist oft Alltag für Menschen die von Rassismus betroffen sind. Während Rassismus gegen jede “Art von Mensch” verwendet wird, findet Rassismus primär gegen Menschen mit dunkler Hautfarbe und Asiaten statt. Und während die Welt nun endlich realisiert, dass niemand für besagte Punkte diskriminiert werden darf, und gegen den Rassismus mit Aktionen wie BLM, kurz für Black lives matter, und StopAsianHate vorgeht, wird diese Ansicht leider noch nicht von allen Menschen geteilt. Sie denken, dass sie besser sind als andere. Dieses Weltbild wird durch die Erziehung hervorgerufen. Man wird nicht rassistisch geboren, sondern rassistisch erzogen. Kindern wird von klein auf beigebracht, welche Hautfarben “gut und böse” sind. Sie wachsen damit auf, hören davon in den Medien oder Sozialen Netzwerken. Und ehe man sich versieht, mobben sie jemanden in der Schule, im Schwimmteam, etc. und antworten auf die Frage des “Warums” mit der Hautfarbe des Opfers. Sobald diese Denkweise einmal drin ist, kommt sie nicht mehr so einfach hinaus. Den Opfern wird die Schuld in die Schuhe geschoben und man rechtfertigt dies mit Hautfarbe oder Herkunft, zum Beispiel mit Sätzen wie: “Er sah eben sehr verdächtig aus”. Die Täter drehen den Spieß um und machen sich selber zum Opfer, behaupten das Opfer verstehe einfach nur keinen Spaß und sei viel zu sensibel. Ihnen wird oft vorgeworfen sie haben rassistische Anfeindungen provoziert. Aber wodurch? Einfach durch ihr Sein. Diesen Menschen wird erzählt, sie hätten kein Recht auf Würde.

Viele Sexualstraftäter akzeptieren kein klares “Nein” und behaupten, ihr Opfer habe durch non-verbale Signale oder die Kleidung unterschwellig provoziert. Dabei sollte jedoch jedem klar sein: An einer Vergewaltigung trägt nur einer die Schuld: Der Täter. (Bildquelle: Pixabay, CC0)

Am häufigsten ist das Victim Blaming im Bereich der sexuellen Straftaten zu finden. In den meisten Fällen sind Frauen das Opfer sexueller Gewalt und müssen sich anschließend oft abwertende Aussagen und Fragen anhören: “Sie hat ja mit ihm geflirtet”, “Ihr Rock war ja auch sehr kurz”, “Was hatte sie denn an?”, “Hat sie den laut, klar und deutlich nein gesagt?”. Das sind Aussagen, die Frauen häufig hören, wenn sie sexuell belästigt wurden. Opfern wird unterstellt, sie seien sensibel, stellen sich an, übertreiben. Man unterstellt ihnen “falsche Signale” gesendet zu haben. Bei Belästigungen wird das Opfer nicht ernst genommen, wenn jemand sie and der Brust oder am Po angepackt hat, könne das ja nicht so schlimm sein und außerdem passiere sowas doch aus Versehen, wenn man von einer Menschenmenge gedrückt werde, wie zum Beispiel in einem Club. Dem Opfer wird meist eine Droge ins Getränk gemischt, damit es handlungsunfähig, wehrlos ist. Anstatt hier aber dem Täter seine heimtückische Art vorzuwerfen, wird auch hier die Schuld direkt wieder beim Opfer gesucht. Es solle halt keine Drinks von Fremden annehmen und besser auf die eigenen Getränke aufpassen. Mittlerweile sind wir an einem Punkt angelangt, an dem Haargummis, die das Getränk abdecken und Nagellack, der sich bei der Beinhaltung von Drogen verfärbt, erfunden werden, damit man sich sicherer fühlen kann. Bei Vergewaltigungen wird die Schuld oft sofort auf das Opfer geschoben. Von der Frage, was es denn an hatte, bis hin zur Aussage „Du weißt doch, dass es nachts alleine nicht sicher ist“ wird Frauen alles an den Kopf geworfen. “Außerdem hätte sich das Opfer ja wehren können”. Neben dem Faktor, dass viele Menschen beim Falle einer Vergewaltigung in Schockstarre verfallen oder das Opfer handlungsunfähig ist durch Drogen oder Fesselung, wehren sich die Opfer. Sie kratzen und beißen, schlagen und beißen, brechen ihren Peinigern teilweise Knochen. Aber das veranlasst diese nicht zum Stoppen. Vergewaltigungsopfer müssen oft mit den Vorurteilen der Gesellschaft leben und tragen fast immer den Makel, eine Mitschuld an der Vergewaltigung zu haben. Daher kommt es kaum zu Anzeigen, der Anteil an Verurteilungen ist noch kleiner. Hier wird oft mit der traumatischen Kindheit des Täters argumentiert. Aber was führt dazu, dass eine Vergewaltigung mit Geständnis und klaren Beweisen wie Videos nicht zu einer Haftstrafe führt? Die Gründe sind absurd: Der Oberste Gerichtshof in Italien hob 1999 eine Verurteilung auf, das das Opfer hatte eine Hose an, die so eng war, dass es helfen musste, um sie auszuziehen. Im Jahr 2006 wurde ebenfalls in Italien eine Vergewaltigung als „nicht schwerwiegend“ beurteilt, weil das 14jährige  Opfer schon vor diesem Vorfall mit anderen Menschen geschlafen hatte. 2021 wird eine Frau vergewaltigt. Das Urteil wird von 4 Jahren auf eineinhalb Jahre von einer Richterin Basel abgemildert, denn die sexuellen Übergriffe wären nur kurz gewesen und außerdem hätte sie schon den ganzen Abend lang “falsche Signale gesendet” und “mit dem Feuer gespielt”. Somit hat sie für das Gericht ganz klar Mitschuld an der Tat. Wenn ein Opfer nicht ein klares “Nein” sagt, das wohlgemerkt auch von Gesichtsausdruck, Körpersprache, Ton, der Aussprache und vielem anderen unterstützt werden muss, von sich gibt, liegt die Schuld ganz klar bei ihm. Es wisse ja, dass es „nein“ sagen müsse.

Man sieht, in vielen Bereichen unseres Lebens fällt die Schuld auf die Person, die nichts für eine Straftat kann: das Opfer. Unsere Gesellschaft verurteilt schnell und meint zu wissen, dass einer bestimmten Person eine gewisse Sache aus was auch immer für einem Grund nicht passieren kann. Es ist wichtig zu verstehen, dass die Schuld nicht beim Opfer, sondern immer beim Täter liegt und man dies auch ausdrückt. Denn ihr müsst immer daran denken, dass einer Person in eurem Bekanntenkreis vielleicht genauso ein Ereignis widerfahren ist.

Text und Recherche: Elisa Steenken

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