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Wenn Kassieren arm macht

Die Armut kann jeden besuchen, frei nach Lust und Laune. Was, wenn selbst ein Studium ihr den Zutritt nicht verwehrt? Was, wenn die einzige Chance, sie dann zu ertragen, ist, sie zu bewirten? Mit Kuchen. Nicht mit nur einem Stück und nicht mit nur einer Sorte.

Ungeniert erzählt die studierte Modedesignerin Sonja (35) aus Hannover von dem unerwarteten Kurs, den ihre Karrierelaufbahn genommen hat. Ihr pinkes zum Bob frisiertes Haar wippt so selbstverständlich auf und ab, wie auch ihre insgesamt neun-jährige Ausbildung ihr gewiss nicht zusichert, als Designerin tätig sein zu können. „Ich war zu alt für diese Branche, als ich mein Diplom in der Tasche hatte.“ Sonja beißt sich auf die gepiercte Lippe.

Jobcenter seien nicht in der Lage Akademiker zu vermitteln. „Einmal sollte ich ein Seminar zum richtigen Verfassen eines Bewerbungsschreibens besuchen. Die Dinge, die mir vorgeschlagen wurden, waren völlig ab von meinem Kurs. Doch mir blieb nichts anderes übrig, um Geld zu bekommen.“

Als die damals 28-Jährige sich auf Empfehlungen der Job-Center mangels Alternative in diversen Einzelhandelsketten bewarb, erhielt sie weit über 50 Absagen aufgrund ihrer Überqualifikation, aufgrund ihres flippigen Aussehens, aufgrund der Unverständnis der Arbeitgeber, eine Designerin an die Kasse setzen zu sollen.

So war Sonja nach ihrem Studium sechs Jahre arbeitslos und gezwungen, sich mit einer Vielzahl von Minijobs über Wasser zu halten. Selten stieß ihre Arbeitslosigkeit auf Verständnis. Das war der Grund, weshalb Sonja in ein emotionales Loch fiel.„Warum nahm mich niemand? Womit hatte ich diese Ungerechtigkeit verdient? Als Studentin wurde mit sogar der Fashion-Award von Street-One verliehen. Ich war immer eine gute Schülerin.

Immer wieder heißt auch für Akademiker die Endstation “Hartz 4”.

Vergangenen Februar bekam Sonja endlich die Chance, sich nach einem Vorstellungsgespräch zu bewehren. Mithilfe einer gründlichen Vorbereitung erkämpfte sie sich eine Teilzeitanstellung im Einzelhandel. Zur Weihnachtszeit, „in der das Geschäft boomt“, arbeitet sie im Schnitt 170 Stunden pro Monat. Ihre Arbeitszeit ist höher als die einer Vollzeitangestellten, ihr Stundenlohn dabei geringer. 8 Euro pro Stunde bringen am Ende jeden Wintermonats 1300 Euro Brutto, also 1050 Euro Netto. „Von dieser Bezahlung kann ich im Moment gerade so leben. Vergangenen Sommer blieb mir jedoch nichts anderes übrig, als staatliche Unterstützung zu beziehen.“, berichtet die zierliche Frau. „Dank meiner handwerklichen Begabung weiß ich mir Gott sei Dank selbst zu helfen. Trotzdem ist es alles andere als leicht.“

Heutzutage sind 7 Mio. Menschen geringfügig – also nicht Vollzeit – beschäftigt. 63 Prozent von ihnen sind Frauen – wie Sonja. „In den Bereichen, in denen die Zahl der berufstätigen Frauen in den letzten Jahren anstieg, sank im Gegenzug die Zahl der Stunden, die jede Frau im Schnitt arbeitete.

Laut einer Statistik vom DGB waren 2010 rund 23 Prozent aller 3,3 Millionen Vollzeit-Beschäftigten in  Niedersachsen im Niedriglohsektor tätig, 1995 waren es „nur“ 14,7 Prozent. Die Lohnschwelle liegt zurzeit bei 9,54 Euro.

8,1 Prozent aller Vollzeitbeschäftigten verdienen sogar unter 6 Euro, und damit noch weniger als Sonja, die selbst mit all ihren Überstunden nur knapp über die Runden kommt.

Außerdem ist sie lange nicht die einzige niedriglohnbeschäftigte Akademikerin. 80 Prozent der im Niedriglohnsektor anstelligen Deutschen verfügen über eine abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Studium. 2/3 davon sind Frauen. Wen wundert da noch, dass Frauen eine 60 Prozent niedrigere Renten beziehen als Männer.

Von Gleichberechtigung kann man da kaum sprechen, selbst wenn Männer und Frauen vor dem Gesetz gleich sind, auch wenn die britischen Näherinnen der Ford-Wagen Sitzbezüge sich 1986 „equal pay“ erkämpften, wie der Film „We want sex“ demonstriert.

Begründet wird die niedrigere Bezahlung von Frauen oft „politisch“.. In Hinblick auf den Lebenslauf einer Frau bestehe eher die Notwendigkeit sich für Familienplanung und gegen Karriere zu entscheiden, heißt es.  Doch Fakt ist, dass die Zahl von Emanzipierten steigt. Dementsprechend ist die Aussage vollkommen überholt. Sonja beispielsweise kann es sich nicht leisten, Kinder zu bekommen.  Zum einem fehlt das Geld, vielmehr aber noch fehlt die Zeit, Kitaplätze und ein Arbeitgeber, der Sicherheit gewährleistet.

Ebenso wenig kann sie leider ihrer Leidenschaft, dem Modedesign, nachgehen. „Ich bin froh, wenn ich es schaffe, die Wohnung aufzuräumen oder kurz zum Sport zu gehen.“

Noch fehlt ihr das Startkapital, doch nach ihrer voraussichtlichen Festanstellung im Februar hofft sie, Geld sparen und ihrem Traum, Stück für Stück näher kommen zu können, zumindest „nebenbei selbstständig“ zu werden.

 

Joachim (48) ist selbstständig, sein Leben dafür proppenvoll. Wie auch Sonja lebt er trotz Philosophie-, Italienisch- und Musik-Wissenschafts- Studium von einem minimalen Einkommen. Seit fast vier Jahren verlässt er jeden Tag nach einer Tasse Kaffee um 04.00 Uhr früh das Haus, um Abonnentenzeitungen zu verteilen. Nach einem kleinen Frühstück gönnt der Musiker sich dann ein wenig freie Zeit um die Zeitung zu lesen. „Mein einziges Privileg als Zusteller koste ich aus. In vollen Zügen.“ Danach steht die Verteilung der Wochenblätter auf seinem Programm. Insgesamt bescheren ihm diese beiden Jobs 300-350 Euro im Monat.

Am Nachmittag kehrt Joachim nach Hause zurück, um seinen Unterricht vorzubereiten. An diversen Waldorf – und Volkshochschulen in der Umgebung bietet der Hannoveraner Nachhilfe- und Weiterbildungskurse in Latein, Italienisch und Musik an. „Um einen Kurs, sprich zwei Doppelstunden, vorzubereiten, plane ich für mich einen Vollzeit-Arbeitstag bzw. eine Nacht ein. Ausgezahlt werden mir im Nachhinein rund 25 Euro pro Kurs exklusive Anfahrtskosten.“

Zwar sank in den letzten Jahren die Arbeitslosenquote stetig, doch auch die Anzahl von Vollzeitstellen nahm kontinuierlich ab. Bild: pixelio.de

Wenn  Joachim nicht zur Schule fährt, gibt er in seinem eigenen Klavierstudio Musikunterricht. Am späten Abend steht ab und an Tischtennistraining auf dem Plan, sodass mit einer  Heimkehr um 00.30 Uhr zu rechnen ist. An allen Werktagen  beginnt der nächste Morgen für Joachim um 03.45 Uhr, an einem Samstag darf er bis 5.00 Uhr ausschlafen.

Nebenbei betätigt er sich auch als freier Journalist. Mit einem 80-zeiligen Bericht verdient er 40 Euro. Unterm Strich stehen ihm am Ende jeden Monats 1000-1600 Euro zur Verfügung. „Je nachdem, wie es eben läuft. Ein sicheres Einkommen beziehe ich nur aus dem Zeitungsverteilen. Mein Traum war und ist das nicht.“ Nachdenklich streichelt der Brillenträger sich seinen Dreitagebart. Privates bleibt oft auf der Strecke.

Neben all seinen Tätigkeiten schafft Joachim es allerdings im Gegensatz zu Sonja, seiner Leidenschaft nachzugehen, mit ihr sogar Geld zu verdienen. Er komponiert, u. a. für das Kindermusiktheater seiner Tante. Joachims Leben ist – wie er selbst sagt – mannigfaltig. All seinen Beschäftigungen nachzugehen, mache ihn in keinem Fall unglücklich. Doch viel Schlaf werde ihm dabei nicht zuteil, weil er Geld verdienen muss. Nervös zappelt der Fuß des 48-Jährigen, stößt immer wieder gegen das Stuhlbein.Manchmal verschlafe er auch. Sein Körper müsse sich akkumulieren.

Festzuhalten ist, dass selbst ein Studium oder eine fundierte Ausbildung hierzulande niemanden vor Arbeitslosigkeit bewahrt. Viele Menschen sind gezwungen, sich von zahlreichen Minijobs zerfasern und zerfressen zu lassen, um von ihrem eigens Verdienten leben zu können. Sozialhilfe zu beantragen, kratzt am Stolz zahlreicher Leute. Auch Sonja schämt sich im Sommer.

Die Einführung eines gesetzlich vereinbarten Mindestlohns würde der Lösung dieses Problems entgegenkommen. Sonja würde angemessen bezahlt werden und Joachim könnte ruhigen Gewissens eine Nacht durchschlafen.

 

 

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