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“Wir lachten, tanzten, weinten…”

Im Sommer ’89 bekam der “Eiserne Vorhang” immer mehr Risse. In der Nacht vom 10. auf den 11. September öffnet Ungarn seine Grenze zu Österreich. Das Tor in den Westen stand plötzlich offen. Rosita Darrel war damals eine der Ersten, die die Chance zur Flucht aus der DDR nutzte. Wir durften sie zu den dramatischen Erlebnissen befragen.

laurentinews.de: Im Sommer 89 passierte viel in der DDR. Die Menschen waren immer unzufriedener mit ihrem Leben in der DDR und taten dies auch öffentlich kund. Wie haben Sie damals die Stimmung im Land empfunden und wie war ihre eigene Stimmung?

Rosita Darrel: Ich lebte in Leipzig, wo bekanntlich die Montagsdemonstrationen für Aufsehen sorgten. Es war eine ganz seltsame Stimmung, es war, als ob sich ein Knoten löst und etwas in Bewegung geriet, was mir Hoffnung auf ersehnte Veränderungen gab, gleichzeitig aber auch Angst machte, da ich nicht wusste, wie die Staatsführung der DDR reagieren würde. Ich musste an den Aufstand in Tschechien aus den 50er Jahren denken, der mit Waffengewalt niedergeschlagen wurde. Ein solches Szenario konnte ich mir durchaus vorstellen.

Welche Ausbildung / Zukunftspläne hatten Sie in der DDR?

Ich habe in Leipzig Betriebswirtschaft studiert und nach dem Studium gerade begonnen, im volkseigenen Handelsunternehmen (HO = Handelsorganisation) der DDR zu arbeiten. Dort war ich Fachgebietsleiter für Aus- und Weiterbildung und der Personalabteilung des Betriebes angeschlossen. Es schockierte mich sehr, als ich mitbekam, dass dort regelmäßig Mitarbeiter der Stasi ein- und ausgingen, um Unterlagen von Angestellten einzusehen.

Wann reifte bei Ihnen der Entschluss, die DDR für immer zu verlassen? Wer war in Ihre Pläne eingeweiht?

Der Wunsch nach Freiheit war immer da, aber an eine Flucht war für mich bis Anfang 1989 nicht zu denken, ich war ja noch sehr jung mit 24 Jahren und gerade dabei, mir ein Leben aufzubauen, hatte meine Wohnung mit viel Mühe saniert und es ging mir auch nicht wirklich schlecht. Als dann der Druck auf der Arbeit immer größer wurde, mich nötigen zu wollen, der SED beizutreten, was ich ablehnte und mir daraufhin offen mit Repressalien gedroht wurde, wusste ich, dass meine Zukunft eine andere sein musste. Ich habe lediglich meinen Vater und zwei enge Freunde eingeweiht. Meine Mutter lebte damals schon nicht mehr und meine beiden Geschwister wollte ich nicht damit belasten.

Wie war das Gefühl, diese Menschen eventuell nie mehr wiedersehen zu können?

Ich hatte dafür sozusagen einen „Plan“, mich mit meiner Familie und Freunden in der damaligen Tschechoslowakei zu treffen, das taten viele Republikflüchtige.

Welche Konsequenzen hätten Sie erwartet, wenn Ihre Flucht gescheitert wäre?

Die Strafe für Republikflucht, wie es genannt wurde, hätte ein paar Jahre Gefängnis und keine rosige Zukunft mehr bedeutet.

Wie kamen Sie auf die Idee, die DDR über Ungarn zu verlassen?

Zu dieser Zeit flüchteten bereits viele Menschen über Ungarn, das war riskant, aber nicht vergleichbar mit dem Versuch, über die innerdeutsche Grenze zu flüchten, bei dem viele Menschen ihr Leben ließen.

Es gab auch im Jahr 89 noch spektakuläre und waghalsige Fluchtversuche. Wären Sie auch dazu bereit gewesen, notfalls ihr Leben auf Spiel zu setzen, um zu fliehen?

Nein, davor hatte ich zu viel Angst und sah auch keine Möglichkeit auf Erfolg.

Rosita Darrel flüchtete im September 1989 gemeinsam mit einem guten Freund über Ungarn in den Westen. Rund 57.000 weitere DDR-Bürger wählten diesen Weg. (Bild: privat)

Welche Erinnerungen haben Sie an den Tag Ihrer Flucht?

Ich war mit einem Freund „offiziell“ auf dem Weg in den Urlaub nach Bulgarien und wir wollten uns einen Tag später mit einer Freundin von mir in der Tschechoslowakei treffen, die bereits im Westen lebte. Sie und ihr Mann wollten erkunden, wo es in Ungarn eine Möglichkeit für uns gab, die Grenze nach Österreich zu passieren.

An der Grenze der DDR wurden wir aus dem Auto geholt und alle unsere Sachen wurden gründlich durchsucht, weil vermutet wurde, etwas belastendes für eine geplante Flucht zu finden, z.B. Unterlagen wie Zeugnisse etc., sowas hatten wir natürlich nicht dabei, sonst wären wir gleich verhaftet worden. Also mussten sie uns fahren lassen, denn wir hatten eine gültiges Visum für Bulgarien.

Im Hotel im tschechischen Karlovy Vary angekommen, schalteten wir den Fernseher ein und da kam plötzlich die Nachricht, dass Ungarn angeblich um 0.00 Uhr die Grenze zu Österreich öffnen würde. Wir konnten es kaum glauben und unsere Gedanken überschlugen sich. Ich sagte, dass wir nicht bis zum nächsten Tag auf die Ankunft unserer Freunde warten konnten, da ich Angst hatte, dass die Tschechoslowakei vielleicht die Grenze zu Ungarn schliessen und keine DDR-Bürger mehr ausreisen lassen würde. Also checkten wir sofort wieder aus und rasten Richtung ungarische Grenze. Dort fragte uns ein Grenzbeamter, wo wir hin wollen und wir sagten, in den Urlaub nach Bulgarien. Er grinste und fragte: „nicht nach Österreich?“ und wir meinten: „nee, wir wollen ans Schwarze Meer“.. er winkte uns durch und wünschte uns, immer noch lächelnd, eine gute Reise.

Welche Emotionen hatten Sie, als Sie realisierten, dass sie es nun tatsächlich geschafft haben? Wie wurden Sie im Westen aufgenommen? Hatten Sie jemanden, der sich um sie kümmerte?

Wir fuhren mit Vollgas Richtung österreichische Grenze, immer noch mit viel Angst , ob das alles überhaupt stimmte und wir womöglich festgenommen werden würden.

Nachts um 3.00 Uhr kamen wir dort schliesslich an und tatsächlich winkten uns die ungarischen Grenzbeamten durch. An diesem Grenzübergang befanden sich ca. 2000 Menschen und wir alle konnten es nicht fassen, dass dies wirklich passierte. Die Emotionen waren und sind auch heute noch unbeschreiblich. Wir lachten, tanzten, weinten, wildfremde Menschen umarmten sich, wir waren fertig mit den Nerven, dann versagte mein Kreislauf und ich landete bei einer Ärztin in der Praxis mitten in der Nacht, die mich sehr herzlich aufnahm und behandelte, so dass wir dann irgendwann unsere Fahrt fortsetzen konnten. Wir kamen dann Stunden später in Passau an, wo sich ein sogenanntes Aufnahmelager befand, in dem unsere Personalien aufgenommen wurden und wir erklären mussten, wo unsere Reise hinführen sollte, zu eventuellen Verwandten. Es wurde uns dort angeboten, uns auszuruhen, einen Tag zu bleiben und zu übernachten, aber wir wollten so schnell wie möglich weiterfahren. Alle waren sehr herzlich und freuten sich mit uns, auf der Autobahn war mein PKW Lada unschwer als DDR Fahrzeug zu erkennen und es gab fast permanent ein Hupkonzert und Menschen winkten uns freudig zu. Das war wirklich überwältigend. Völlig erschöpft kamen wir nach 48 Stunden Stunden ohne Schlaf in Düsseldorf bei Freunden an, die uns erwarteten. Es war total unwirklich und kaum zu realisieren, dass wir es tatsächlich raus geschafft hatten.

Hatten Sie bestimmte Vorstellungen vom „goldenen Westen“ und haben sich diese erfüllt?

Mir war schon vorher klar, dass nicht alles golden sein würde, ich kannte viele Menschen aus der BRD, die in Leipzig oft zu Besuch waren und wusste schon in etwa, was mich erwarten würde. Es haben sich viele Träume für mich erfüllt, was ich vorher für nicht möglich gehalten hatte. Ich habe mir die Welt ausgiebig angesehen, habe wunderbare Orte und Länder bereist, die ich vorher nur mit dem Finger auf dem Globus berühren konnte.

Zwei Monate später fiel dann die Berliner Mauer. Wie haben Sie davon erfahren und was ging in Ihrem Kopf dabei vor?

Ich saß im Wohnzimmer meiner Tante in Düsseldorf, als die Nachricht in der Tagesschau kam, das hat mich richtig umgehauen. Die Freude war unfassbar groß und ich dachte noch, Mensch hattest Du ein doofes Timing Rosita, hättest nur 2 Monate länger warten müssen. Aber das hat ja keiner ahnen können , wir hätten eher damit gerechnet, dass die DDR die Grenzen ganz dicht macht und gar niemand mehr irgendwohin hätte reisen dürfen.

Was bedeutet Ihnen heute das 30jährige Jubiläum des Mauerfalls? Ein Grund für Sie, um zu feiern?

Und ob das ein Grund zum feiern für mich war. Es ist ein Stück gelebte Geschichte für mich, ein unvergeßliches Abenteuer, die Chance auf ein Leben in Freiheit, mich verwirklichen zu können, so wie ich es mir vorgestellt habe. Die Zeit verging wie im Flug, aber ich seh noch alles vor mir, als wäre es gestern gewesen.

Gibt es Menschen, denen Sie besonders dankbar sind?

Ja, da gibt es einige, meine Freunde, die mich anfangs im Westen aufnahmen und meine zurückgebliebenen Freunde in Leipzig, die meine Papiere aufbewahrt hatten und meine Wohnung auflösten.

Was halten Sie von Menschen, die sich die DDR zurückwünschen?

Diese Menschen tun mir einfach nur leid und ich kann deren getrübte Wahrnehmung und den Realitätsverlust nicht nachvollziehen.

In Deutschland wird seit mehreren Jahren eine kontroverse Debatte um Flüchtlinge geführt. Können Sie sich aufgrund ihrer eigenen Biographie besser in diese Menschen hineinversetzen oder ist das nur schwer miteinander zu vergleichen?

Ich kann mich sehr gut in diese Menschen hineinversetzen, denn der Wunsch nach einem besseren Leben ist für jeden Menschen ganz natürlich.  WIR flüchteten „nur“ vor einem totalitären Regime, welches uns in unserer persönlichen Freiheit beschnitt, waren alles in allem 3 Tage lang unterwegs, hatten großes Glück, zur richtigen Zeit am richtigen Ort gewesen zu sein und wurden mit Freuden begrüsst.

Das ist auf keinen Fall vergleichbar mit den Menschen, die aus Kriegsgebieten oder aus völliger Perspektivlosigkeit, teilweise monatelang über tausende Kilometer mit großen Gefahren für Leib und Leben, flüchten und dann hier oft auf Fremdenfeindlichkeit treffen. Ich wünschte all jenen, die Ihren Sozialneid und Hass auf diese Menschen richten, nur mal ein paar Tage die Erlebnisse der Flüchtlinge durchzumachen. Ich habe mich in der Flüchtlingshilfe ehrenamtlich engagiert, als die große Welle anrollte, was ich da an Schicksalen mitbekam, war absolut erschütternd.

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