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Geile Zeit

Den Medien können wir genauso wenig entfliehen wie dem, was sie uns offenbaren: Sex. Gerade wir als sogenannte „Generation Porno“ scheinen alles schon gesehen zu haben, bevor es bei uns selbst richtig zur Sache geht. Doch wer hätte gedacht, dass heutzutage dennoch sexueller Aufklärungsbedarf besteht?

Zum Start unserer neuen Artikelserie nahmen wir Kontakt zu der Sexologin und Paartherapeutin Ann-Marlene Henning auf, die mit ihrer Co-Autorin Tina Bremer-Olszewki den Bestseller „Make Love“ verfasste – ein Aufklärungsbuch, das Jugendliche verstecken müssen, wenn sie es nicht an ihre Eltern verlieren wollen.

Zur Person: Ann-Marlene Henning

Ann-Marlene Henning, 1964 in Dänemark geboren, lebt seit 1985 in Deutschland. Nach ihrem Jura-Studium arbeitete sie als Buchhalterin und schließlich als Model. Parallel studierte sie Psychologie und später Sexologie. Zurzeit lebt und praktiziert sie in Hamburg als Sexologin und Paar-Therapeutin.


Sexologin Ann-Marlene Henning (Bild: doch-noch.de)

laurentinews.de:  Besonders für uns Jugendliche ist Sex eine heikle Angelegenheit. Wie erklären Sie es sich, dass es uns häufig so schwer fällt, ernst mit unserer Sexualität umzugehen?

Ann-Marlene Henning: Ich glaube nicht, dass Sex eine „heikle“ Angelegenheit ist und dass Jugendliche vor dem ersten Mal aufgeregter sind, als Menschen, die mit Mitte 30 noch nie Sex hatten. Ich beobachte in meiner Praxis, dass gerade Jugendliche sehr gut in der Lage sind, darüber zu sprechen und Fragen zu stellen – auch mit dem nötigen „Ernst“, wobei eine gewisse Leichtigkeit und Unbefangenheit für guten Sex genauso wichtig ist wie das Ernst-nehmen von Gefühlen. Allerdings herrscht in den Familien häufig eine gewisse Sprachlosigkeit, weil die Eltern im Gegensatz zu ihren Kindern einen verklemmten Umgang mit dem Thema an den Tag legen.

Wie und wann haben Sie gelernt, so offen und unkompliziert über dieses Thema zu sprechen? Warum sind Sie Sexologin geworden?

In Dänemark, wo ich herkomme, ist Sexualität ein ganz alltägliches Thema. In meiner Familie wurde immer offen über alles gesprochen. Dass ich auf Sexologie aufmerksam wurde, habe ich einer Freundin zu verdanken. Als sie einmal einer Gruppe von Sexologen begegnet war, rief sie mich an und sagte: „Ann-Marlene, die reden alle so wie Du – Du solltest Sexologin werden.“ Und ich folgte ihrem Rat.

Nun haben Sie vor Kurzem zusammen mit der Journalistin Tina Bremer-Olszewki das Aufklärungsbuch „Make Love“ verfasst. Doch Liebe beim Sex ist nicht selbstverständlich. Hinsichtlich des Begriffs „Liebe machen“ stellt sich die Frage, ob man überhaupt Sex ohne Liebe haben kann oder sollte…

Alles ist möglich, solange man mit offenen Karten spielt und weder die eigenen, noch die Gefühle des anderen verletzt. Wenn man mit einem vertrauten Partner Sex hat, TRAUT man sich in der Regel eher, über Bedürfnisse und Vorlieben zu sprechen.

Ist der Titel ihres Buches denn als eine Aufforderung für uns Jugendliche zu verstehen, Sex zu haben?

Make Love: Ein Aufklärungsbuch (Verlag Rogner & Bernhard, 22,95€, erhältlich bei amazon)

In erster Linie soll das Buch Mittel gegen die Sprachlosigkeit sein, die oftmals im Bezug auf das Thema „Sexualität“ herrscht. Statt sich an Pornopraktiken zu orientieren, sollten die Leute lesen und sehen, was wirklich beim Sex passiert. „Make Love“ nennt die Dinge beim Namen und beantwortet viele Fragen – auch von Erwachsenen. Mir ist wichtig, dass jeder zunächst sich selbst spüren lernt, bevor er oder sie sich mit einem Sexualpartner beschäftigt. Sich sexuell zu erregen ist angeboren, aber dabei Lust und Vergnügen zu empfinden, das gilt es, selbst zu erlernen.

Ab wann beginnt man „normalerweise“, sich selbst kennen zu lernen? Wann ist Geschlechtsverkehr überhaupt anatomisch legitim?

Was bedeutet „anatomisch legitim“? Jeder Mensch sollte selbst entscheiden, wann er oder sie körperlich und seelisch bereit ist, sexuell aktiv zu sein. Lust empfinden schon Kleinkinder. Selbst im Mutterleib kann man bei männlichen Embryonen deutlich sehen, dass sie Erektionen haben. Das bedeutet jedoch in keinster Weise, dass Kinder in irgendeiner Art sexuell aktiv sind oder sein sollten. Sie lernen erst einmal das Spüren und Genießen kennen. Dann braucht das Gehirn noch einen gewissen Grad an Reife, der jedoch zu unterschiedlichen Zeitpunkten im Leben eines jeden Menschen erreicht wird. Übrigens beweisen Erfahrungswerte, dass sich besser aufgeklärte Jugendliche im Durchschnitt länger Zeit lassen, bevor sie das erste Mal Sex haben.

Bedarf es an viel Vorbereitung? Was sollte man beachten?

Wie schon erwähnt ist es die beste Vorbereitung, den eigenen Körper zu kennen und spüren zu können. Man sollte seine eigenen Wünsche und Grenzen kennen und auch die des Partners respektieren. Reden ist das A & O. Ein respektvoller Umgang, ein klares Wort zur Verhütung und natürlich entsprechender Schutz vor Krankheiten ist unentbehrlich.

Jemand hat wenig Erfahrung. Plötzlich geschieht ein Malheur…

Sex soll Spaß machen und deswegen tut es sehr gut, in angespannten oder vielleicht scheinbar peinlichen Momenten, einfach gemeinsam zu lachen. Wenn irgendetwas nicht gleich klappt, versucht Ihr es einfach nochmal. Nehmt Euch Zeit zum Genießen.

Aber Sie meinen, dass Vertrautheit mit dem eigenen Körper, eine wichtige Voraussetzung für guten Sex ist. Allerdings behaupte ich, dass viele Jugendliche, wahrscheinlich sogar Erwachsene Angst vor ihrem Geschlecht haben, oder eher davor, etwas falsch zu machen. Wie gut sollte ich meinen Körper kennen? Wie lerne ich ihn besser kennen?

Wenn jemand Angst vor seinem eigenen Körper hat, ist das definitiv kein „Normalzustand“, aber es kommt häufig vor, dass gerade Mädchen und Frauen ihren Körper nicht richtig kennen. Das hat häufig etwas mit der Erziehung zu tun, aber auch mit dem Umstand, dass das weibliche Geschlechtsorgan viel weniger ins Auge fällt als das männliche. Wie oft nimmt ein Junge seinen Penis am Tag in die Hand (allein, um zu pinkeln) und wie oft berührt im Gegensatz dazu ein Mädchen seine Klitoris? Es stellt sich die Frage, wie das direkte Umfeld auf so etwas reagieren würde. Hier gibt es enorme Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Die direkte Devise zum Kennenlernen lautet: Anfassen, Angucken (z.B. mit einem Spiegel) und Hinspüren.

Das sollte sich wohl jeder einmal zu Herzen nehmen. Schließlich ist Sex, das Im-Einklang-Sein mit dem eigenen Körper eine Herzensangelegenheit, die jeden von uns betrifft. Sie, Frau Henning, wundern sich darüber, wie wenig die Menschen heutzutage trotzdem über Sex wissen und klären auf. Aber leider erreichen Sie nicht alle Menschen damit. Viel zu viele sind zu feige, sich Hilfe zu holen oder gar zu informieren. Woran mag das liegen?

Erziehung? Scham? Vielleicht fehlt auch das Bewusstsein dafür, dass etwas besser/anders laufen könnte. Jede Form von anonymer Aufklärung, z.B. im Internet, boomt – die Menschen sind also durchaus auf der Suche. Allein mein Sexologie-Video-Blog (http://doch-noch.de/tv/) hat jeden Tag fast 5000 Zugriffe.

Sind Jugendliche von heute überhaupt aufgeklärter? Schließlich wimmelt es in allen Ecken und Enden im Internet von Sex, leider weniger in Form von ertragreichen Aufklärungsportalen als von Pornografie. Wie wirkt sich Letzteres auf sie aus?

Wie Sarah Kuttner feststellte, sind Jugendliche (und auch durchaus ältere Menschen) heute nahezu oversexed. Sex sells bekanntlich, und so werden wir beinahe täglich reizüberflutet. Aber kaum jemand erklärt, wie dieser Akt in Wirklichkeit stattfindet. Pornos zeigen eine pornöse Welt, in der überproportionierte Busen und Penisse Dinge veranstalten, die oftmals fern davon sind, was beim echten Sex stattfindet – und von den Beteiligten als schön empfunden wird. Dazu gibt es in „Make Love“ übrigens auch ein spezifisches Kapitel über Pornolügen. Denn leider fühlen sich viele Menschen durch Pornos unter Druck gesetzt, weil sie denken, sie müssten dieselben Dinge tun und so aussehen wie die Darsteller in den Filmen. Das ist totaler Quatsch und sehr schade drum.

Fordern Sie also insgesamt mehr Aufklärung?

Ich wünsche mir, dass mehr über Sexualität gesprochen wird. Dass hin- statt weggeguckt wird, dass Eltern mit ihren Kindern in den Dialog kommen und, dass die Menschen allgemein einen entspannten Weg zu ihrer eigenen Sexualität finden. Und wenn irgendwelche Fragen dazu offen stehen, sollte es „salonfähig“ sein, sich professionellen Rat zu holen – bei Problemen mit der Frisur geht schließlich auch jeder wie selbstverständlich zum Friseur, um sich beraten zu lassen oder den einen oder anderen Trick beim Fönen zu lernen.

Vielen lieben Dank für diese sehr aufschlussreichen Antworten. Machen wir gemeinsam die Augen auf. Den Mund, das Ohr, das Hirn und die Hand.

Denn wir brauchen mehr Aufklärung!

1 Kommentar

  1. Ein richtiger Umgang in der Sexualaufklärung der Kinder ist wichtig. Wie durch „Generation Porno“ schon angedeutet, muss ebenfalls über Pornos und Co. aufgklärt werden. Leider ist das in vielen Elternhäusern bzw. Schuelen noch nicht Realität, weshalb http://harri-wettstein.de/pornoforschung nach Möglichkeiten der Sexualaufklärung sucht.

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