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„Und führe mich nicht in Versuchung…“

Katholische Priester „sind nicht im Vagina-Business“. Warum? Wie halten sie das aus? Antworten auf Fragen wie diese erhielten wir in einem Interview mit Pastor Becker, dem man mit etwas Glück auch in der Disco über den Weg läuft. Aber seht selbst.

laurentinews.de: Fangen wir harmlos an. Warst du je verliebt?

Pastor Ludger Becker: Oh ja. Ich war schon mehrmals verliebt. Heute ist der richtige Tag, um über die Liebe zu reden – der Valentinstag.

 

Hattest du schon einmal eine Freundin?

Ich hatte schon drei Freundinnen – während der Schulzeit und während meiner Ausbildung. Aber meine Liebesbeziehungen waren nie sehr lang. Denkt jetzt nur nichts Falsches von mir. Die Rede ist nicht von meiner Ausbildung zum Priester. Ehe ich meine wahre Berufung erkannte, war ich elf Jahre lang Einzelhandelskaufmann.

 

In einer Szene des des Films „Peter’s friends“ von 1993 versucht eine Frau einen Mann zu verführen. Mit dem Satz „Ich bin nicht im Vagina Business“ gibt er ihr zu verstehen, dass er nicht an Frauen interessiert ist.

Das Priesteramt fordert von mir, weder Sex mit Frauen noch mit Männern zu haben.

 

Dir begegnen sicher auch heute noch viele Frauen, die dir gefallen. Wie gehst du damit um?

Ich erfreue mich an der Schönheit der Schöpfung.

 

Hast du dir nie eine Familie gewünscht?

Weil ich immer wieder verliebt war, habe ich lange darüber nachgedacht, ob ich überhaupt Priester werden kann. Mir war bewusst, dass ich in diesem Falle zölibatär, und damit ehelos und enthaltsam leben müsse. Ich habe schon Geld verdient und hätte durchaus eine Familie gründen können, aber dann fragte ich mich, was der Sinn meines persönlichen Lebens sei. Salopp gesagt tritt der Heilige Geist einem solange in den Hintern, bis er ihn dort hat, wo er ihn haben will. Ich stellte also fest, dass das Priesterdasein mich mehr erfüllen würde.

 

Zahlt es sich für dich aus, auf diese Art zwischenmenschlicher Beziehungen zu verzichten?

Pfarrer Ludger Becker (Quelle: Emdettener Volkszeitung)

Auszahlung klingt für mich als Kaufmann nach einem messbaren Geldwert. Aber hier gibt es nichts zu messen. Was ich sagen kann, ist, dass der Priesterberuf der schönste ist, den man haben kann. Allerdings muss man den Begriff Liebe konkret definieren. Kann man Liebe auf Partnerschaft oder Familie reduzieren? Der Zölibat fordert zweifelsohne den Verzicht auf Sex. Das kann man sich in eurem Alter schwer vorstellen, ich weiß. Vielmehr brodelt es bei euch.  (die laurentinews.de Redakteure beißen sich verstohlen auf die Lippe)

Auch Priester sind keine asexuellen Wesen. Natürlich reagiert auch einer von ihnen darauf, wenn er eine schöne Frau sieht. Doch man muss Liebe und den Wert von Sexualität gegeneinander abwägen. Liebe ist nicht gleich Sex.

Der Zölibat ist der Verzicht auf eine Partnerschaft zu einer Person. Aber der Priester lebt in einer Beziehung mit Gott, mit Jesus Christus. Aus dieser Beziehung heraus gestaltet er sein Leben. Jesus war auch nicht nur für eine Person da – er war für alle da, so wie der Priester es folgeleistend für seine Gemeinde ist. In den Medien wird häufig der Begriff des „Zwangszölibats“ verwendet. Ich stimme ihm nicht zu, denn ich habe mein Gelübde aus freien Stücken abgelegt.

 

„Manche Menschen sind von Geburt an unfähig, manche sind von den Menschen dazu gemacht und manche haben sich selbst dazu gemacht – um des Himmelsreiches willen“, das steht in der Bibel über den Zölibat.

So sieht es aus.

 

Die Unterdrückung des Sexualtriebes führe zu Komplexen und Neurosen, heißt es. Sigmund Freud stellte sich den Menschen wie einen Dampfkessel vor. Du hast gerade von einem Brodeln gesprochen, davon, dass auch Priester einen Sexualtrieb hätten. Triebe würden Energie liefern, so Freud. Diese Energie müsse abgearbeitet werden, sonst „platze“ der Mensch, sonst „platze“ auch der Priester. Wie schaffst du es, so viel Disziplin an den Tag zu legen?

Besteht dieses Sinnbild denn darauf, dass der Dampfkessel nur durch den Sexualakt gelöscht werden kann?

 

Nicht nur…

Genau. Dampf kann auch anders abgelassen werden. Liebe drückt sich nicht nur bei dem Geschlechtsverkehr oder der Selbstbefriedigung aus.

 

Wilhelm Busch sagte einmal: „Platonische Liebe kommt mir vor wie ein ewiges Zielen und Niemals-Losdrücken.“

So fühlen sicher viele Menschen, aber ich zähle mich nicht dazu. Man kann auch ohne Losdrücken leben. Sexualität oder Leiblichkeit ist nichts Schlechtes, aber wenn man will, kann man sie auch umleiten. Kocht man Nudeln in einem Kochtopf und drückt ihn mit einem Deckel zu, so blubbert er unter Umständen irgendwann über. Nimmt man den Deckel aber ab, bildet sich auch der Schaum zurück.

Ich lebe meine Liebe aus, indem ich Seelsorge leiste und für andere Menschen da bin. Ich leite Gottes Liebe um und mache sie in Gesprächen fruchtbar.

 

Du als Mensch hast aber auch das natürliche Bedürfnis danach, dass andere für dich da sind, du nicht nur für sie.

Und genau deswegen ist es für einen Priester besonders wichtig, viele Freundinnen und Freunde zu haben, die ihn in den Arm nehmen. Dabei sollten es nicht nur Kleriker sein.

Den Zugang zu „normalen“ Menschen finde ich ganz leicht: Täuflinge, Kommunionkinder, Firmlinge, Ehepartner, Alte, Kranke, und Menschen, die eine Schulter zum Anlehnen brauchen. Ich führe Gespräche und nehme die Menschen bei der Hand. Es ist wichtig, seine Liebe auch so auszuleben. In Tange oder anderen Feierstätten löst sich bei einem abendlichen Bier meist die Spannung und ich erfahre von Jugendlichen, dass das Abdrücken nur eine Nebensache, anderes dafür viel wichtiger für sie sei. Man springt ja nicht mit jedem sofort ins Bett, oder?

 

Verschiedene Menschen haben verschiedene Ansichten.

Wenn Liebe auf Sex reduziert wird, können Menschen verletzt werden. Das besorgt viele Jugendliche. Einer sagte einmal zu mir „Betrunkene Worte sind nüchterne Gedanken.“, und schüttete mir sein Herz aus.

Der Geschlechtsakt ist das Intimste, was Menschen miteinander austauschen können. Im wahrsten Sinne des Wortes dringt da einer in den anderen ein. Man sollte sich sehr gut überlegen, mit wem man dieses Intimste teilt, oder ob man das nur aus der momentanen Geilheit heraus tut.

 

Wie wurdest du in deiner Ausbildung auf die sexuelle Enthaltsamkeit vorbereitet?

Lust kann man nicht immer weg beten oder mit einer kalten Dusche abschrecken. Also hat jeder einen Spiritual und einen Beichtvater. Mit dem Spiritual bespricht man Gefühle und Neigungen, der Beichtvater hilft einem dabei, mit seinen Fehltritten umzugehen. Manchmal übernimmt eine Person beide Funktionen.

Die Ausbildung meines Priesterpraktikanten Joachim liegt noch nicht so lange zurück wie meine. Vielleicht kann er euch etwas Aktuelleres erzählen.

Joachim Brune: Ein Semester lang kommen die Studenten eine Stunde lang zum sogenannten Forum Internum zusammen. Weil der Spiritual dort wie ein Arzt mit Schweigepflicht fungiert, entsteht eine sehr offene und bewegende Atmosphäre. Die Sehnsüchte der Studenten werden ins Licht gerückt. Diese Form von Auseinandersetzung ist eine Art sexuelle Selbstfindung. Zum Beispiel haben manche Leute einen massiv ausgeprägten Sexualtrieb, andere weniger.

Meine „Zölimap“ hat mir damals sehr geholfen. In ihrem Zentrum steht das Ich. Das Ich wird von verschiedenen Bereichen umgeben: das familiäre Umfeld, der Freundes – und Bekanntenkreis, das spirituelle Umfeld und das körperliche Umfeld. Ich lernte, mich auf dieser Karte zu verorten. Wo stehe ich? Hole ich mir meinen körperlichen Ausgleich in Form von Sport? Was will ich? Würde mich eine Beziehung mit dem hübschen Mädchen dort drüben wirklich erfüllen?

Allerdings gibt es kein kein Patentrezept, wie man am besten mit dem Zölibat umgeht. Man muss sich das ganze Leben lang damit auseinandersetzen.

Nur die Hälfte der Studenten wird nach der Ausbildung zum Priester geweiht. Ein Austritt wird bedingungslos akzeptiert.

 

Was passiert denn, wenn man nach der Priesterweihe gegen den Zölibat verstößt?

In der Regel sollte man diesen Verstoß mit seinem Beichtvater besprechen. Anschließend begibt man sich erneut auf eine Findungsphase. Entscheidet man sich anschließend gegen den Zölibat, muss das Priesteramt abgelegt werden.

 

Machen wir einen kleinen Abstecher in die Linguistik. Das Wort „Zölibat“ kommt aus dem Lateinischen von „calebs“ und kann zum einen „Jungfräulichkeit“, zum anderen auch „Ehelosigkeit“ bedeuten. Nach alten Tugenden bedingte die Ehe auch die sexuelle Unschuld. Die Übersetzung des Wortes fiel damals also nicht so schwer ins Gewicht. Doch die Gesellschaft hat sich gewandelt. Wie würdest du „calebs“ heute übersetzen?

Ich würde es mit Keuschheit übersetzten. Ein zölibatär lebender Mensch verzichtet auf Sex. Das schließt Masturbation natürlich ein. Bekomme ich eine Erektion, wenn ich eine ganz bestimmte Frau umarme, sollte ich mir überlegen, was mit mir los ist. Wenn jemand versucht, selbst mit so etwas fertig zu werden, geht das meistens buchstäblich in die Hose. Man sollte die Hilfe, die von Seiten der Kirche kommt, auch annehmen. Der Gedanke „Das machten die anderen ja vielleicht auch“ zählt nicht.

 

In der Bibel wird Jungfräulichkeit zwar hochgeachtet, aber nirgendwo ist explizit von einem Priesterzölibat die Rede. Martin Luther machte darauf aufmerksam, dass es sich kaum theologisch, biblisch oder menschlich begründen lasse. Was hat diese Vorschrift mit dem Glauben zu tun?

Es gibt festgesetzte Dogmen. Das Glaubensbekenntnis ist unumstößlich. Kirchengesetze hingegen können fallen. Der Zölibat wird beanstandet, und es kann abgeschafft werden. Ich aber finde ihn sinnvoll. Er befreit den Priester ein Stück weit von seinem Egoismus und lässt ihn die Arme für viele andere Menschen ausbreiten.

 

Findest du es nicht ungerecht, dass die protestantische Priesterschaft Sex haben und eine Familie gründen darf?

Nö, dann wäre ich ja evangelisch geworden. Evangelische Pastoren sind im Sinne der katholischen Kirche keine Priester. Der wesentliche Knackpunkt bei der Ökumene liegt im Sakramentsverständnis. Für Katholiken ist die Priesterweihe eines der sieben Sakramente. Für die Protestanten ist es keines. Das Pastoralamt ist dort ein Beruf wie jeder andere. Der evangelische Bischof kann beispielsweise zurücktreten, der katholische Bischof bleibt aufgrund seiner Weihe für immer Bischof. Nach seinem Rücktritt hat er nur kein Amt mehr.
Desweiteren kann auch ein katholischer geweihter Priester im Gegensatz zu einem protestantischen Pastoren die Beichte hören oder die Heilige Messe feiern, insofern ein Notfall, z. B. eine Katastrophe eintritt – auch dann, wenn er von seinem Amt zurückgetreten ist. Denn das tut er nicht von sich aus. Ich könnte ja nicht aus meiner Kraft heraus Sünden vergeben. Mit welchem Recht würde ich das tun? Mit welchem Recht, mit welcher Moral dürfte ich Mördern vergeben? In diesem Moment fungiere ich als Werkzeug. Ich trete als Person total zurück und handele in persona christi capitis, als Darsteller für Gott.
Wenn ich im Auftrag Christi handele, dann brauche ich reine Hände. Sie müssen so rein sein wie die Hände Jesu.
 

Der Kirche wurde vorgeworfen, der Zölibat sei an den Missbrauchsfällen in Einrichtungen kirchlicher Trägerschaft Schuld.

Diese Vorfälle sind sehr beschämend und in keinster Weise zu tolerieren, aber man kann sie nicht in den direkten Zusammenhang mit dem Zölibat bringen, das ist wissenschaftlich belegt. Der sexuelle, seelische und körperliche Missbrauch ist immer eine Sache der Macht eines Menschen über einen anderen Menschen.

Man darf nicht ausblenden, dass der meiste Missbrauch nicht in der Kirche sondern in der Familie oder im Sportverein geschieht.

Einmal war ein sechzehnjähriges Mädchen bei mir, das mir erzählte, dass ihr Opa es seit zwei Jahren missbrauche. Ich bin mit ihm zu seiner Oma und anschließend zur Polizei gegangen. Die Fälle in Familien werden zwar aufgedeckt aber medial nicht in dem Maße aufgeklärt, weil die Opfer eine große Scham haben und nicht an die Öffentlichkeit wollen.

Auch habe ich einen Mann kennengelernt, der in einem Ordenshaus lebte. Seine Kriegserlebnisse hatten ihm zum Bettnässer gemacht. War das Bettlaken eingenässt, zwangen ihn die Ordensschwestern dazu, in der Ecke zu stehen und es solange festhalten, bis es trocken war. Knickten ihm die Arme weg, wurden sie mit Eisenstangen verstärkt.

Ich verurteile sexuellen Missbrauch und andere Gewaltanwendungen aufs Schärfste, aber ich wehre mich dagegen, dass sie mit dem Zölibat in Verbindung gebracht werden. Sehr schade ist, dass die Aufklärungsstudie zurzeit stockt. Die Kirche stellt hohe moralische Ansprüche an die Menschen, deshalb ist es ihr auch so wichtig, dass aufgeklärt und berichtet wird. Die Frage ist, wie darüber berichtet wird.

 

Wie hilfst du den Opfern?

Viele Opfer geben sich selbst die Schuld dafür, was ihnen angetan wurde. Da Psychologen keine Schuld vergeben können, ziehen diese häufig auch Priester zu Rate, um die Opfer von ihren Schuldgefühlen zu erlösen. Die Kirche oder der Glaube können in solchen Fällen also durchaus helfen.

 

Der Papst tritt zurück. Bald versammeln sich die Kardinäle wieder zu einem Konklave. Was erhoffst du dir vom neuen Pontifex? Sollte er die katholische Kirche reformieren? Sollte sie sich insgesamt mehr mit Sexualität auseinandersetzen – so wie du, der Messen speziell für Homosexuelle oder für Liebende und Verliebte am Valentinstag veranstaltet?

Ecclesia semper reformanda: Die Kirche muss sich ständig erneuern. Heißt Erneuerung sich den Neuheiten und der Mehrheit anpassen oder heißt Erneuerung sich auf einen Findungsprozess zu begeben, der Jahre bis Jahrzehnte dauern kann?

Ich finde, es muss Veränderungen geben, was die Sexualmoral betrifft.

Wie geht man mit gescheiterten Ehen um? Was Gott verbunden hat, das soll der Mensch nicht trennen. Kann man so leichtfertig darüber hinwegsehen?

Sex nur in der Ehe – an diesen Vorsatz hält sich sowieso niemand mehr. Sollte man ihn also ändern?

Wieso schaffen wir nicht eine neue Form des Zusammenlebens? Nicht jeder muss das Sakrament der Ehe empfangen. Was spricht aber gegen eine Verlobung? Ins Kloster kann ich schließlich auch einziehen, ohne sofort die ewige Profess abzulegen.

Ehe war bisher immer eine Sache zwischen Mann und Frau. Können Homosexuelle denn nicht auch in einer anderen Form des Bündnisses zusammenleben? Müssen sie es unbedingt Ehe nennen? Der Papst hat nichts gegen Schwule. Aber Sex nur in der Ehe bedeute in ihrem Fall gar kein Sex.

Was man auf jeden Fall gründlich überdenken sollte, ist das Eherecht. Noch ist es dem Katholiken eine Formpflicht, in der Kirche zu heiraten. Die standesamtliche Ehe eines Katholiken ob mit einem Protestanten oder einem weiteren Katholiken, wird von Seiten der Kirche nicht als Ehe anerkannt, die von zwei Protestanten hingegen schon.

 

Und der Zölibat?

Das sollte bleiben. So können wir Priester viel mehr von Gottes Liebe an viel mehr Menschen weitergeben.

 

Vielen Dank, für dieses sehr erleuchtende Gespräch!

3 Kommentare

  1. Allen Beteiligten vielen Dank für dieses Gespräch!

  2. Ich verstehe diesen Satz nicht:
    „Desweiteren kann ein katholisch geweihter Priester die Beichte hören oder die Heilige Messe feiern, insofern ein Notfall, z. B. eine Katastrophe eintritt. “
    Da scheint irgend ein Zusatz zu fehlen.

    Zum Thema Zölibat wäre eine für mich denkbare Lösung, die Entscheidung dem einzelnen Priesterkandidaten zu überlassen, ob er heiraten und eine Familie gründen möchte (die dann ja auch sehr fruchtbar für eine Gemeinde sein kann), oder ob er zölibatär leben möchte. Und Ordensmänner, die Priester werden (Pater) haben sich sowieso schon vorher entschieden.

    Bin heute zufällig auf diese Seite gestoßen und fand dieses Interview sehr interessant. Vielen Dank für den Beitrag.

    • Danke für den Hinweis. Der Zusatz war beim Kürzen verloren gegangen, wir haben ihn aber nun ergänzt!

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