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“Ich will hier nie wieder rein!”

Ich sitze in einem kahlen weißen Raum und das eintönige ‚Tik-Tak-Tik-Tak‘ der Wanduhr zerrt ein wenig an den Nerven. In der Ecke liegen ein paar Musikinstrumente und der Tisch an dem ich sitze, hat seine besten Tage auch schon hinter sich. Ich befinde mich im Besucherraum einer Entzugsklinik und warte auf meinen Interviewpartner. Er ist neun Jahre alt.

Ich sehe, wie sich die alte, sperrige Tür öffnet und die Dame vom Empfang, die mich vorhin diesem Raum zugeteilt hat, den Raum betritt. Sie lächelt mich an und hinter ihr kommt ein Junge hervor. Er hat zerzaustes, braunes Haar, sein leuchtend blauer Pullover scheint leicht verwaschen zu sein. Ich stehe auf, gebe ihm die Hand und stelle mich vor und frage ihn, ob er weiß, warum ich ihn besuche. Er nickt und lächelt mich an. ”Ein richtiger Sonnenschein” denke ich.

laurentinews.de: Timo*, warum bist du eigentlich hier?

Timo: Die Ärzte sagen, dass ich alkoholkrank war.

laurentinews.de: Warum glaubst du, sagen sie das?

Timo: Sie meinen, wenn ein Körper zu viel von etwas bekommt, gewöhnt er sich daran und wird süchtig danach. Sie wollen nicht, dass es noch schlimmer bei mir wird und dass ich gesund werde. Deswegen passen sie auf mich auf.

laurentinews.de: Wie lange passen sie schon auf dich auf?

Timo: Ein paar Wochen glaub’ ich, aber ich bin mir nicht sicher.

laurentinews.de: Das muss sicherlich hart für dich sein. Vermisst du dein Zuhause gar nicht?

Timo: Na ja, ich vermisse meine Freunde in der Schule schon ein bisschen. Ich kann jetzt auch nicht mehr mit ihnen nachmittags Fußball spielen, aber das ist nicht so schlimm.

laurentinews.de: Und was ist mit deiner Familie? Vermisst du sie denn nicht?

Timo: Mama und Papa streiten sich ganz oft, auch nachts. Dann kann ich manchmal nicht so gut schlafen, weil ich Angst habe, dass sie sich trennen. Mein Bruder ist fast nie Zuhause, der ist immer bei seinen Freunden. Hier kann ich gut schlafen und die Ärzte sagen, ich soll mir keine Sorgen um meine Eltern machen.

laurentinews.de: Wie denkst du, kam es dazu, dass du, wie die Ärzte sagen, alkoholkrank geworden bist?

Timo: Wenn Mama und Papa arbeiten mussten, musste Patrick, mein Bruder, immer auf mich aufpassen. Er wollte aber seine Freunde nicht verpassen und deswegen hat er mich abends immer zu seinen Freunden mitgenommen, die waren immer ganz lustig und nett zu mir.

laurentinews.de: Und was hast du da gemacht, wenn du mitgekommen bist?

Timo: Manchmal hat Patrick mir sein Handy gegeben, dann konnte ich Spiele spielen. Manchmal haben sie mir auch was von ihrem Trinken abgegeben. Ich fand das aber nicht so lecker, aber die haben gesagt, wenn man groß werden will, gehört das dazu.

laurentinews.de: Und du hast darauf gehört was die Jungs gesagt haben?

Timo: Ja, ich wollte auch zu denen gehören. Ich hab mich dann immer wie die gefühlt. Das war ein schönes Gefühl.

laurentinews.de: Wie geht es deinem Bruder jetzt?

Timo: Meine Eltern waren ganz schön sauer auf ihn, als die Schule bei uns Zuhause angerufen hat und gesagt hat, dass ich heute anders als sonst bin und auch komisch rieche. Als sie mich abgeholt haben, sind die mit mir zu ganz vielen Ärzten gefahren. Irgendwann spät abends, bin ich dann hier her gekommen.

laurentinews.de: Gibt es Momente, in denen du traurig bist?

Timo: Ja, manchmal.

laurentinews.de: Worüber bist du dann traurig?

Timo: Weil ich mich manchmal alleine fühle. Dann habe ich niemanden hier, der mich so richtig trösten kann wie meine Eltern.

laurentinews.de: Was machst du dann?

Timo: Ich muss manchmal ein paar Minuten weinen, aber dann ist wieder alles okay, weil hier ja auch Menschen sind, die mich wieder glücklich machen. Außerdem geh ich auch gerne in den Garten oder guck Fernsehen.

laurentinews.de: Fühlst du dich nach den Wochen hier in der Klinik wieder besser?

Timo: Ja, ich fühle mich so wie immer. Mama kommt jeden Tag und bringt mir manchmal was mit, Poster von Fußballern oder Süßigkeiten. Die Poster hänge ich dann immer über mein Bett und wenn mein Vater am Wochenende auch mal kommt, weil er dann nicht arbeiten muss, reden wir ganz oft über die Spieler oder gucken auch zusammen Fußball.

laurentinews.de: Würdest du über dich sagen, dass du, wenn du älter bist, wieder Alkohol trinkst?

Timo: Niemals, ich will hier nie wieder rein!

laurentinews.de: Gibt es irgendwas, das du dir für die Zukunft wünschst?

Timo: Ich will das Mama und Papa wieder mehr mit mir machen, und nicht mehr sauer auf Patrick sind. Außerdem will ich der beste Spieler aus unserer Mannschaft werden, wenn ich wieder Zuhause bin.

laurentinews.de: Ich wünsche dir wirklich ganz viel Glück, dass dein Wunsch in Erfüllung geht und dass du schnell wieder nach Hause kannst. Du bist ein ganz cooler Junge und du schaffst das!

Timo lächelt wieder und gibt mir ein „High Five“.

bsb2014Timo ist ein besonderer Fall, aber Alkohol ist bei Kindern und Jugendlichen nach wie vor die am häufigsten konsumierte Droge, denn Alkohol ist billig und immer noch viel zu einfach zu erwerben. 14,2% der Jugendlichen zwischen 12 und 17 gaben an, dass sie mindestens einmal wöchentlich Alkohol konsumieren (Quelle: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Stand: 2011), über 26.000 Kinder und Jugendliche zwischen 10 und 19 Jahren mussten im Jahr 2012 wegen einer Alkoholvergiftung stationär im Krankenhaus behandelt werden. Insgesamt ist dies der höchste Stand seit Beginn der statistischen Auswertung im Jahr 2000 (9.514 Alkoholvergiftungen in diesem Jahr) (Quelle: Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung). Oft kennen Jugendliche ihre eigenen Grenzen nicht, und trinken sich hemmungslos voll. Dabei besteht die Gefahr, dass sie psychisch und körperlich davon abhängig werden, wenn sie öfter in diese Situation kommen. Viele benutzen Alkohol als Ausweg aus dem stressigen Schulalltag. Oft sind auch Beziehungsprobleme und Sorgen in der Familie ein Grund, warum Jugendliche sich im wahrsten Sinne des Wortes ”voll laufen lassen.” Wenn Ihr nicht sicher seid, ob auch Ihr ein Alkoholproblem haben könntet, dann könnt ihr auf der Webseite der BZgA einen Selbsttest machen oder Euch telefonisch beraten lassen.

* Alle im Text verwendeten Namen wurden von der Redaktion verändert.

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