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Auf Facebook Entzug

Tagebuch eines Selbstversuchs

Facebook, unser im Internet,
geheiligt werden deine Inhalte.
Deine Chronik komme,
Zuckerbergs Wille geschehe,
wie in den USA so auch in Europa.
Unsere tägliche soziale Bestätigung gib uns heute.
Und like unseren Status,
wie auch wir die Posts der anderen sharen.

                                                                                   Und führe uns nicht zu Google+,
sondern erlöse uns von unserer Einsamkeit.
Denn dein ist die Macht und die Herrlichkeit
In Ewigkeit.
Like!

Allein der Fakt, dass ich ernsthaft das Vaterunser googeln musste, zeigt, dass das Internet die Religion längst abgelöst hat. Der neue Götze heißt WWW und sein Sohn heißt Facebook, der er sitzt zur Rechten Gottes. Entgegen diesem Götzentrend versuchten zwei junge, mutige Redakteure – ähnlich wie Luther –  das Glaubenssystem zu revolutionieren, zu rationalisieren. Und das Zauberwort dazu heißt: Askese. Der bewusste, willentliche Verzicht auf das Social Network. Seht, wie diese zwei Helden die zwei Wochen ohne Facebook erlebten!

1.Tag: Sicherheitsvorkehrungen treffen!

Und da war er schon wieder, dieser Reflex, dieser Komplex: PC an, Internetbrowser aufmachen und ein „F“ in die Browserleiste eingeben – Google Chrome vervollständigt das dann selber zu www.facebook.com – und Enter drücken… Aber ich war standhaft. Bevor es soweit kam, konnte ich den Reiz unterdrücken. Gott sei Dank. Ich will doch nicht schon am ersten Tag meines Projektes „Zwei Wochen ohne Facebook“ scheitern.

Die letzten Stunden gestern auf Facebook habe ich noch genossen und mit einem Abschlussbrief beendet. Wie mag wohl meine Chronik jetzt aussehen? Ist die jetzt schon zugespamt? Ich hoffe nicht. Einige Mitschüler machten Anmerkungen, sie wollten mir meine Chronik zuballern mit dubiosen Inhalten. Aber selbst wenn es so ist, dann muss ich wohl nach diesen zwei Wochen einen „digitalen Hausputz“ machen.

Wie mag es wohl Svenja gehen – so in den ersten Stunden ohne FB? Mir persönlich geht es noch ganz gut – noch… Ich werde durchhalten! Zu meiner eigenen Sicherheit habe ich erst einmal Sicherheitsvorkehrungen getroffen. Das heißt: Löschen von Facebook und dem FB Messenger auf meinem Smartphone. Damit ist eine Versuchung schon mal ausgeschaltet. Eigentlich wollte ich die Seite Facebook auch noch auf meinem Computer sperren, aber ich wusste nicht, wie das geht… Naja, so ist es wenigstens ein Kampf, ein Hadern mit dem „inneren Schweinehund“. Ich bin gespannt, wie es mir morgen geht.

2. Tag: Entzugserscheinungen!

Nervosität, mangelnde Konzentration, Hitzeschübe und Schweißausbrüche – die bekannten, typischen Entzugserscheinungen – dies alles habe ich heute erlebt. Der Grund war aber nicht der FB-Entzug, sondern vielmehr das Wetter. Diese 30°C machen einem schon zu schaffen.

Noch geht es mir ganz gut soweit ohne Facebook, noch kann ich mich ablenken. Noch habe ich nicht ganz das Gefühl, es nicht zu schaffen, vorher zu kollabieren… Nein, so schlimm ist es nicht! Währenddessen gehen die Andeutungen bezüglich Spams an meiner Chronik weiter und ich frage mich, ob diese Menschen das wirklich tun wollen oder nicht. Ich bin schon auf der Suche nach „Ersatzbefriedigungen“, wobei dieser Trieb, auf Facebook zu gehen, noch nicht weiter beengend ist. Alles gut soweit, lautet mein Fazit für heute.

PS: Bis jetzt habe ich nicht das Gefühl wirklich Wichtiges auf FB verpasst zu haben.

3. Tag: Von Freud’schen Abwehrmechanismen

Umfrage auf unserer Facebookseite: Wie lange kannst Du auf Facebook verzichten? Viele halten es nur ein paar Tage aus.

Der Druck wird größer, immer mächtiger. Facebook! – es muss sein, aber ich darf nicht. Heute habe ich eine Philosophie-Klausur geschrieben. Thema: „Freuds Instanzenmodell und Abwehrmechanismen“. Und ich finde, dass passt sehr gut zu meinem Versuch, um die psychologischen Vorgänge in meinem Inneren zu erläutern. Mein „Es“ (Instanz der Triebe laut einer Theorie vom Begründer der Psychoanalytik Siegmund Freud) hadert mit meinem „Über-Ich“ (der Freud’schen Moralinstanz), d.h. Kampf zwischen dem Bedürfnis nach gesellschaftlicher Anerkennung auf der einen Seite und das moralische Ideal von Selbstbeherrschung, von Contenance auf der anderen Seite. Dieser Kampf wird entschieden von einer weiteren Instanz in Freuds Theorie – dem „Ich“, dem Vermittler zwischen „ES“ und „Über-Ich“ und dem Realitätsprinzip. Das Ich leitet aus der Konkurrenz der anderen beiden Instanzen eine Entscheidung ab. Hier hat das Ich vier Möglichkeiten, mit meinem „Facebook-Trieb“ umzugehen: 1. Bedürfnisbefriedigung (wobei ausgeschlossen, weil ich sonst das Experiment beenden würde), 2. Bedürfnisaufschub (wobei das zu lange dauert), 3. bewusster Bedürfnisverzicht (den strebe ich an, aber kaum haltbar) oder – und so verfahre ich momentan – die Nutzung von Abwehrmechanismen, die Verdrängung des Triebes. Das heißt konkret, ich versuche mich irgendwie abzulenken, abzulenken von eigentlich unwichtigen Dingen, die auf FB passieren. In dem Sinne – bis morgen!

4. Tag: Künstliche Verknappung, sinkende Triebstärke und doofe Angewohnheiten

Laut Spiegel-Online unter der Kategorie SPAM solle man eine künstliche Verknappung seiner Facebook-Zeit durchführen – nur eine Stunde pro Tag weniger. So nämlich würde das soziale Netzwerk interessanter für Investoren werden. Dieser Tipp soll gegen die sinkenden Aktienkurse von Facebook an der us-amerikanischen Technik-Börse Nasdaq helfen. – Eine Stunde? Das ist ja gar nichts – zwei Wochen, das ist mal was!

Heute hatte ich soviel zu tun, dass für Facebook gedanklich keine Zeit blieb… Das war auch gut so. Eigentlich ist es nur schwer, auf Facebook zu verzichten, wenn man nichts zu tun hat, wenn einem langweilig ist – oder wenn man abends vor dem PC sitzt und sich fragt, was man jetzt wohl machen kann. Früh Schlafengehen ist bei dieser Hitze gänzlich ausgeschlossen… Da kriegt man kein Auge zu. Bis heute habe ich das Experiment also ganz gut überstanden. Die Triebstärke wird auch kleiner. Wahrscheinlich ist es doch so: Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Soll heißen, wenn ich also auf FB verzichte – Tag um Tag – verspürt man auch keinen Drang mehr, seine Anerkennung über das Social Network zu erhalten. Vielleicht ist FB ja auch nur eine dumme Angewohnheit, auf die man ganz verzichten kann und sollte. Ich werde die zwei Wochen ohne Facebook durchstehen – ich schaffe das definitiv!

5. Tag: Inhaltslose Inhalte

Mehr Zeit zum Lernen ohne Facebook?

Noch zwei Tage, dann habe ich die Hälfte des Versuchs „Zwei Wochen ohne Facebook“ überstanden! Der Tag heute war gänzlich unspektakulär. Nichts Besonderes. Nichts Interessantes. Langweilig. Da hat man schon ein größeres Verlangen, seinem Leben Inhalt zu geben – auch wenn der Inhalt inhaltslos und bedeutungslos ist, aber besser irgendwelche Informationen als keine, als absolute Einöde. Außerdem habe ich heute ein paar Mal festgestellt, wie viel an Kommunikation über Facebook stattfindet. Heute musste ich zweimal einen Menschen über mein Experiment aufklären und ihm sagen, dass wir andere Kommunikationswege finden müssten. Das hat dann auch geklappt, nachdem mein Gegenüber mit Erstaunen, Irritation und dann völligem Entsetzen reagiert hat.

Jetzt sind 5 Tage ohne Facebook um, und ich fiebere und zähle schon dem Ende entgegen. Wie sich wohl Svenja hält, so ganz ohne FB? Hat sie schon aufgegeben? – Nein, das kann nicht sein, denn dann hätte ich eine Benachrichtigung erhalten…

6. Tag: Sinkendes Interesse

Und es wird immer unspektakulärer auf Facebook zu verzichten. Das Interesse an Facebook sinkt – sowohl mein persönliches als auch das der Börsianer. Ich stelle fest, Facebook ist nichts Lebensnotwendiges. Eigentlich sollte das schon klar gewesen sein, aber es ist halt so, dass FB eine Funktion erfüllt. FB killt Langeweile mit sinnlosen Informationen, die kein Mensch braucht, die aber durchaus unterhaltsam sind. Auch das ist wichtig: Es muss nicht alles bildend sein, auch der Unterhaltungsfaktor zählt. Zudem habe ich heute eine weiteres Mal bemerkt, dass die Kommunikation über das Internet auch ohne Facebook gelingen kann. Das ist möglich. Die Alternative lautet: E-Mail. Wichtige Erkenntnis des heutigen Tages. Ohne Facebook sinkt die Zeit, die man im Internet verbringt und daraus folgt: Mehr und mehr besinnt man sich auf sein Real Life.

7. Tag: And I’m half way gone!

So, ein wichtiger Tag, ein wichtiges Etappenziel. Die Hälfte ist geschafft. Heute blieb überhaupt keine Zeit, an Facebook zu denken. Ich war viel zu sehr beschäftigt. Insofern ist das Schreiben meines kleinen „Tagebucheintrags“ hier das einzige Mal heute, wo ich an FB denken muss. Dennoch durchströmt mich kein Bedürfnis, kein innerer Zwang, auf Facebook zu gehen. Fazit für heute: Alles gut!

8. Tag: Sommer, Sonne, Sonnenschein

Pfingstmontag, sehr heiß, sehr sonnig. Ich war die ganze Zeit unterwegs und habe die Sonne genutzt – bis ich rote Arme bekommen habe. So ein Mist. Naja… ich hätte nicht gedacht, dass ich doch einen Sonnenbrand bekomme, aber den habe ich wohl etwas. Und weil ich heute die ganze Zeit draußen war, blieb auch heute – so wie gestern – keinerlei Zeit für Facebook, nicht mal ein einziger Gedanke. Keine Entzugserscheinungen, kein Zwang. Mittlerweile denkt man sich auch: Wie konnte man soviel Zeit in FB verbringen? Wie zum Teufel? Andererseits freue ich mich auch schon wieder darauf, FB in der nächsten Woche nutzen zu können…

9. Tag: Cyber-Utopia?

Like-a-holic: Süchtig nach Facebook-Likes.

Standhaft, gleichgültig, rückfällig – heute so nah bei einander. Und je weniger man weiß, was man machen soll an so einem freien Tag, um so stärker sehnt man sich danach, zu schauen, was die anderen Mitmenschen so unternehmen an einem solchen Tag. Da war Facebook immer die beste Quelle. Quelle des Zeitvertreibs, Quelle der Interesse, Quelle der Inspiration. Was tun? Was machen? – Noch 5 Tage! Wie sieht meine Chronik wohl aus? Noch übersichtlich oder vollkommen zugespamt? Wie hoch werden die roten Zahlen am oberen linken Bildrand sein? Hat jemand versucht, mich zu kontaktieren – oder fiel meine digitale Abstinenz niemandem auf. Und was bedeutet das? Denkt keiner an mich? Wie sollte man diesen ständigen Drang nach sozialer Bestätigung deuten? Spiegelt FB dein Leben wider, ist es eine Fortführung oder schaffen sich die Mensch mit FB ein Cyber-Utopia, in dem alles so verläuft, wie sie es sich wünschen?

Ich jedenfalls musste heute kämpfen, kämpfen und siegen. Das war hart, aber machbar. Je weniger abgelenkt man ist, desto mehr möchte man … aber ich darf ja nicht. Wie erging es Svenja wohl heute an einem solchen Tag? Sie hält wohl noch durch, sonst wüsste ich, dass sie aufgegeben hat. – Aber ich halte auch durch, halte weiterhin stand!

10. Tag: Keine besonderen Vorkommnisse

Ein Tag, ein ganz normaler Tag ohne besondere Vorkommnisse. Nichts besonderes, kein Trieb, kein Verlangen, keine Libido. Facebook ist und bleibt ein Tabu! Soweit für heute.

11. Tag: Folgen der Soziomodernisierung

Und es regnet, regnet ununterbrochen. Ewiger Regen, ewiges Grau. Ein Seelenspiegel? Ganz ehrlich: Mittlerweile wird Facebook absolut uninteressant. Heute habe ich gehört, dass jemand gepostet hat, dass er ihm ein Hund zugelaufen sei. Diese Information habe ich auch ohne FB erhalten, zwar später als die anderen, aber ich habe sie erhalten – und selbst wenn nicht, wäre das so schlimm gewesen? Hätte es mein Leben positiv oder negativ beeinflusst? Hätte es überhaupt irgendeine Rolle gespielt? Ich bezweifle. Wie der Eintrag von gestern vermuten lässt, wusste ich gestern nicht, was ich schreiben sollte. Ähnlich geht es mir heute. Ich schreibe etwas – das Ganze ist aber eher ein Selbstzweck. Ein Leben ohne Facebook ist vorstellbar, vielleicht sogar einfacher. Diese Erwartungshaltung der Mitmenschen, die einem gegenüber gebracht wird – wenn auch unbewusst und völlig subtil. Sie ist bemerkbar. Es wird erwartet: Teile dich mit! Tu es!

Ohne diese Selbstverpflichtung zur Mitteilungspflicht geht es dem Menschen eventuell sogar besser. Fest aber steht: Facebook ist das Medium des Soziallebens! Daran kann nichts mehr geändert werden. Vielleicht wird es ein anderes Social Network geben, vielleicht wird FB abgelöst. Aber der Kern dieser Soziomodernisierung wird bleiben: Gleichgeschaltete, dauernd erreichbare Menschen, die einerseits Informationen, andererseits Bestätigung erwarten.

Und auch ich bin Mitglied dieser Gleichschaltung – und ich bin es gerne, auch wenn dies den doch so hochgelobten Individualismus einschränkt.

12. Tag: Offene Chatfenster

Heute war ich erschrocken über mich selbst. Aus irgendeinem unerklärlichen Grund war ich so kurz vor einem Rückfall, ich weiß selbst nicht warum. Ich dachte und sprach im Terminus von Facebook. Beispielsweise habe ich versucht, vier Gespräche gleichzeitig zu führen, konnte es aber nicht. Meine Antwort: „Leute, ich habe gerade vier Chatfenster offen. Ich kann euch gerade nicht folgen.“

Außerdem sehne ich mich nach den „Inhalten“ auf FB, ich weiß nicht wieso, aber es ist Fakt. Naja, es sind ja auch nur noch zwei Tage… ich schaffe das! Ich darf nicht gegen Svenja verlieren!

13. Tag: Endspurt!

Der Versuch „Zwei Wochen ohne Facebook“ neigt sich dem Ende zu und ich bin froh darüber – erstens: weil ich dann nicht mehr diese Tagebucheinträge hier schreiben muss und zweitens: weil ich dann wieder Facebook nutzen kann. Ja, das wird gut. Wenn man meine Ablehnung gegenüber Facebook im Verlauf des Experimentes graphisch darstellen sollte, so würde eine Optimumskurve entstehen, die ihren Hochpunkt an Tag Nummer 11 hat. Morgen folgt dann die Auswertung des Versuches.

14. Tag: Das Ende

Facebooksucht: Ab wann wird's gefährlich?

Es ist vorbei. GOTT SEI DANK! ICH LEBE! Juhu! Naja… das ist jetzt auch etwas übertrieben. Aber ich muss schon sagen: Ich bin froh, dass es zu Ende geht. Denn man hat ja doch gewisse Verpflichtungen, die vor allem seinen höchstpersönlichen Mitteilungsdrang  befriedigen. Aber das ist absolut ok. Was ich heute schon mal erledigt habe, war, mir die Facebook-App und den Messenger auf mein Handy runterzuladen. Morgen darf das Ganze dann auch wieder in Betrieb genommen werden. Zum Fazit meines Versuches: Es ist ein Kampf, zwei Wochen auf FB zu verzichten, aber der Kampf ist aufzunehmen und zu gewinnen. Man bemerkt zwei wesentliche Dinge bei seiner Askese, die ich so sonst nicht wahrgenommen hätte: 1. Wenn ich auf FB verzichte – Tag um Tag – verspürt man auch keinen Drang mehr, seine Anerkennung über das Social Network zu erhalten. Und 2. Facebook ist eine Modernisierung des Soziallebens, die nicht mehr wegzudenken ist. Zwar kann man auch anders mit seinen Mitmenschen telekommunizieren, doch ist FB die bequemste Variante dazu. Aus der Pflicht zur Selbstverpflichtung, d.h. das ständige Kundtun seines Lebens, folgte eine Spezies Mensch, der immer und überall erreichbar ist. Facebook soll angeblich zur Individualisierung jedes Einzelnen beitragen. Das Problem: Wenn jeder durch FB individualisiert wird, wird man durch FB gleichgeschaltet.

Und so kann man Facebook aus der heutige Gesellschaft nicht mehr wegdenken. Ich habe versucht auf FB zu verzichten. Die Askese gelang, aber auch nur wegen der zeitlichen Begrenzung. Fest steht: Ich bin Teil der gleichgeschalteten Internetmasse und ich bin stolz darauf!

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