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Wo.ist.Gott.

Am 27. September fand an der Universität Vechta der 14. Religionslehrertag statt. Oliver Thobens Religions- und Darstellendes Spiel-Kurs vom LSG war eingeladen worden, um eine Aula voller Lehrer für ihre Gottsuche zu inspirieren.

Ein Gong ertönte. Alles starrte gebannt auf die neuformierte Schülerreihe an der Bühnenfront. Plötzlich lenkte ein Ruf aus dem Publikum die Aufmerksamkeit der Zuschauerschaft auf sich.  Ein großer Jugendlicher aus einer der hintersten Reihen hatte sich von seinem Platz erhoben, ehe sein tiefes „Gott sei Dank!“ die Uniaula erfüllte.

„In Gottes Namen!“ Eine weibliche Stimme ließ die Blicke wieder zur Bühne springen.

„Oh, mein Gott!“ Erneut war jemand aus dem Publikum aufgestanden.

„Allahım Ya’Rabbim!“ stimmte ein in den Kanon der sich ständig wiederholenden Ausrufe.

„Gott behüte!“

„Gott im Himmel!“

„OMG!“

„Gottverdammt!“

„Oh Gott, oh Gott!“

„Gott, hab ihn selig!“

„Gott im… behüte! Heiliger…OM… Gott, oh verdammt… Gott… Gott… Heiliger Himmel!“

Die Rufe hatten sich zu einem unverständlichen Lärm summiert, als ein junger Mann in Hemd, Jeans und Sneakers auf die Bühne trat. Er betrachtete das Spektakel einen Augenblick lang, ehe er „Stopp!“ brüllte, einmal in die Hände klatschte und alle Stimmen damit zum verstummen brachte.

„Ganz schön viel Gott in einer… gottlosen Gesellschaft!“ Mit gerunzelter Stirn wandte er sich dem Publikum zu. „Schönes Thema haben Sie sich da ausgesucht, liebe Religionslehrer. Gott suchen.“ Leichter Spott umspielte sein Lächeln. „Bloß… wie und wo soll man Gott suchen?“ Ahnungslos schüttelte der Junge den Kopf. „Wo ist Gott?“

Eine weißgekleidete Brünette, die die Szene vom Bühnenrand aus verfolgt hatte, geleitete eine Familie ans Set, ehe sie sich zu ihrem Platz zurückbegab. Mutter, Vater, Sohn und Tochter saßen zum Abendbrot am Esstisch beisammen. Während der Vater sich zunehmend in seiner Zeitung verlor, bemühte seine Frau sich darum, eine Unterhaltung in Gang zu bringen, indem sie sich danach erkundigte, wie es ihren Kindern am Vormittag in der Schule ergangen sei. Gereizt zog sie ihrem Sohn, weil er sich wie so oft akustisch von seiner Außenwelt abgeschirmt hatte, das Headset aus dem Ohr. Dieser speiste sie entnervt ab, um sich wieder seiner Musik widmen zu können.  „Gut, wie immer halt.“ Als er sich gerade über seinen Teller hermachen wollte, äußerte seine Schwester den Wunsch, vor dem Essen ein Gebet zu sprechen. Ausgerechnet ihr swagender Bruder erklärte sich bereit, die Rolle des Vorbeters zu übernehmen. „Piep, piep, piep, wir haben uns alle lieb!“ rappte er, als der Gott-Sucher das Bild plötzlich mit einem Klatschen gefrieren ließ.

„Piep, piep, piep?“ Mit der Gabel spießte er ein Schnitzel auf. „Und hier soll Gott sein?“ Ungläubig winkte er ab. Daraufhin erschien die Frau, die ihm die Szene dargeboten hatte, entließ die Familie und bat drei Musliminnen an ihre Stelle zu treten. Als die Frauen ihre Gebetsteppiche ausgelegt hatten und zu ihrem stummen Gebet ansetzten, schien die ganze Versammlung den Atem anzuhalten. Die Uniaula verblieb in gänzlicher Stille, während die Gläubigen den Blick fromm zu Boden gerichtet, die Arme vor der Brust verschränkten und sich ihrem Gott versprachen,  verbeugten und ihn priesen, ehe sie sich niederwarfen und wieder erhoben, um die Arme erneut zu verschränken. In dieser Haltung verblieben die drei Frauen, als der Sucher sie achtungsvoll musterte. „Fünfmal am Tag Beten? Rituelle Waschung? Ramadan? …Respekt! Aber nichts für mich.“ Mit diesen Worten rollte er einen der Teppiche zusammen und legte ihn neben das Schnitzel. Daraufhin kam die weißgekleidete Lady zurück, um ihm eine neue Situation zu unterbreiten.  Sie bat einen Priester mit zwei Messdienern auf den Schauplatz.

„[…]Denn am Abend, an dem er ausgeliefert wurde und sich aus freiem Willen dem Leiden unterwarf, nahm er das Brot und sagte Dank, brach es, reichte es seinen Jüngern und sprach: Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Laib, der für euch hingegeben wird.

Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch, dankte wiederum, reichte ihn seinen Jüngern und sprach: Nehmet und trinket alle davon: Das ist der Kelch des ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Tut dies zu meinem Gedächtnis.“

Als das Bild bei der Wandlung verharrte – der Priester hielt gerade die Gaben in die Höhe – kam der Suchende und nahm Kelch und Hostie an sich. Er biss in das Brot, beäugte den Kelch und suchte nach Worten. „Mein Laib? Mein Blut?“ Schon wieder musste er den Kopf schütteln. „Unglaublich.“ Sodann legte er die Gaben auf den Tisch zu den anderen Souvenirs seiner Suche. Seine linke Hand präsentierte ein Schulbuch für den katholischen Religionsunterricht. „Ist Gott etwa hier?“, Die rechte streckte ein evangelisches Religionsbuch in die Luft. „oder hier?“ Da auf keine Fragen eine Antwort kam, entschied der Sucher, eine weitere Alternative anzubieten. Er steckte beide Bücher ineinander und fragte: „Oder ist Gott vielleicht hier drin? So… zusammen?“ Schließlich nahm er die Bibel und hielt sie ebenfalls ins Publikum. „Hier?“ Wortlos musterte er die Gabel mit dem Schnitzel und schüttelte den Kopf. „Wo kann ich Gott finden?“ Er nahm den Gebetsteppich, schaute wie durch ein Fernrohr durch ihn hindurch und legte ihn zurück. Fast verzweifelt hielt er noch einmal die Gaben aus der Kirche in die Höhe. „Wo. Ist. Gott.“

Plötzlich kam die brünette Dame über die Bühne und hielt dem Sucher als Antwort auf seine Frage einen großen Spiegel vors Gesicht. Das Bild gefror. Alle anderen Protagonisten traten an den Bühnenrand und formierten sich zu der Front, die sie schon am Anfang des Stückes gebildet hatten. Im Unterschied zur Ausgangssituation gab nun niemand einen Mucks von sich. Stattdessen hielt jeder einen Spiegel in der Hand. Alle Schüler, die im Publikum Platz genommen hatten, gingen in der Aula umher, zeigten jedem Zuschauer, jedem Religionslehrer, sein Spiegelbild und gesellten sich anschließend zu ihren Mitspielern vor die Bühne. Der Schlussgong ertönte.

1 Kommentar

  1. Der Schlussgong ertönt. Applaus brandet auf, das Publikum zeigt sich beeindruckt von der Performance und honoriert langanhaltend und unmissverständlich die Schülerleistung. Zu Recht, es war wirklich sehr, sehr gut. Vielen Dank!

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