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Mit geballten Fäusten gegen den Krebs

Der Krebs kam für Alexandra Saßmannshausen aus heiterem Himmel. Als sie sich in einer Mathestunde nicht wohlfühlte, ging sie zum Arzt und bekam bald darauf die Diagnose Krebs. Im Interview mit uns berichtet sie nun über ihren erfolgreichen Kampf gegen den Krebs und was ihr in dieser schweren Zeit geholfen hat.

laurentinews.de: Viele Gespräche beginnen häufig floskelhaft mit einem „Wie geht’s dir?“ Wir stellen aber diese Frage ganz bewusst: Wie geht es Ihnen?

Frau Saßmannshausen: Mir geht’s gut. Ich hab die Krebserkrankung hinter mir und befinde mich auf dem Weg der Besserung.

Es gibt auch Zeiten, bei denen es einem nicht so gut geht. Darf man überhaupt zugeben, dass es einem schlecht geht?

Definitiv darf ich zugeben, dass es mir schlecht geht. Ich lebe in einem Umfeld, das mir erlaubt dieses zuzugeben, sowohl in der Familie als auch im Freundes- und Kollegenkreis. Ich gehe damit offen um und gehöre glücklicherweise nicht zu den Menschen, die wegen ihres Arbeitsplatzes schwere Krankheiten verheimlichen müssen.

Wie haben Sie die Diagnose „Krebs“ erlebt? Woran haben Sie zuerst gedacht?

Ich bin von meinen Ärzten langsam darauf vorbereitet worden, dass es Krebs sein könnte. Als ich schließlich aber nach der Operation die Gewissheit hatte, dass es ein bösartiger Tumor war, habe ich natürlich erstmal einen Schock bekommen. Ich hab aber ganz schnell daran gedacht, was aus ärztlicher Sicht die nächsten Schritte sind, um gegen den Krebs anzukommen. Ich habe also ganz schnell nach vorne geguckt.

Krebs kann auch eine tödliche Krankheit sein. Gab es Momente, in denen Sie über den Tod nachgedacht haben?

Bei mir gab es solche Momente auf jeden Fall, dass mir bewusst wurde, dass Krebs eine tödliche Krankheit sein kann. Für mich war es aber gut, dass ich erst erfahren habe, dass es Krebs ist, als der Tumor schon draußen war. Ich habe auch versucht, den Gedanken an einen frühzeitigen Tod zu verdrängen. Ich habe mich abgelenkt: Ich habe viel gemalt, viel Musik gehört, viel Fernsehen geguckt. Ich habe alles gemacht, Hauptsache ich kam nicht ins Grübeln.

Oft wird gesagt, man müsse stark sein und gegen den Krebs ankämpfen. Wenn man gesund ist, heißt es auch oft: Ich habe den Krebs besiegt. Wie stehen Sie zu dieser Metapher des Kampfes? Würden Sie sagen, dass man dagegen ankämpfen kann oder ist es Ihrer Meinung nach eher Glücksache, den Krebs zu besiegen?

Ich finde diese Metapher sehr passend. Ich selber habe auch recht schnell eine kämpferische Haltung angenommen. Nach dem Motto: Mit geballten Fäusten dagegen ankämpfen und es anpacken. Tatsächlich habe ich von ärztlicher Seite auch die Bestätigung bekommen, dass ich durch diese positive Haltung, die ich eingenommen hatte, durchgängig positive Blutwerte während der gesamten Chemotherapie hatte. Ich habe auch nachgefragt, ob es da wirklich einen Zusammenhang zwischen meiner positiven Haltung und den Blutwerten gibt, welches mir die Ärzte bestätigt haben. Das heißt anders herum: Wenn man sich aufgibt, hat der Körper es noch schwerer, gegen die Krankheit anzukämpfen.

Viele Menschen tun sich schwer damit, offen mit ihrer Krebserkrankung umzugehen. Sie gehen damit jedoch sehr offen um. Was ist der Hintergrund, dass Sie ihre Krankheit nicht verstecken? Die Krebserkrankung ist ein Teil meines Lebens. Ich selbst sehe gar nicht ein Energie zu verschwenden, um zu verbergen, was ich habe. Ich hatte Krebs und mir ging es schlecht. Das war so. Ich war kurzzeitig auch am überlegen, ob ich es meinen Schülern und Kollegen zumuten kann und meine Antwort hieß ja.

Oft wird auch von Schülern gefragt, was sie haben und warum sie weg sind.

Ja, das ist auch noch mal ein Aspekt, so habe ich es in der Hand wie die Informationen verbreitet werden. So kann ich verhindern, dass irgendwelche Gerüchte über mich entstehen, im Sinne von “Oh Gott, wenn sie es nicht sagt, muss es ja was ganz schlimmes sein”. Krebs ist in der Tat eine schlimme Erkrankung, jedoch kann ich ganz genau sagen was ich hatte, und dass es mir wieder gut geht.

Gab es auch Situationen, in denen sie sich zurückgezogen haben und niemanden sehen wollten?

Nein, diese Situation gab es eigentlich gar nicht. Ich rede lieber, als mich zurückzuziehen. Ich habe zum Beispiel oft meine beste Freundin angerufen und bei den Telefonaten ging es auch nicht nur um die Krankheit. Man hat einfach über “Gott und die Welt” gesprochen. Das Bedürfnis mich ganz zurückzuziehen, hatte ich überhaupt nicht.

Wie haben die Menschen in ihrem Umfeld reagiert, als Sie ihnen ihre Diagnose mitgeteilt haben?

Alexandra Saßmannshausen berichtet, wie sie mit der Diagnose Krebs umgegangen ist. „Mit geballten Fäusten dagegen ankämpfen und es anpacken.“

Die generelle Reaktion, sowohl im Familien- als auch im Freundeskreis war, dass sie geschockt waren. Zu Beginn haben mich viele erst beobachtet, weil sie sehen wollten, wie ich damit umgehe, damit sie wissen, wie sie selber reagieren können. Kann man jetzt noch Scherze machen? Kann man mit ihr noch rumalbern? Das fand ich sehr amüsant zu beobachten. Insgesamt habe ich die Reaktion als unglaublich positiv empfunden und ich habe gemerkt, dass sich die anderen durch meinen offenen Umgang mit der Erkrankung auch geöffnet haben.

Gab es auch Menschen, die damit überfordert waren, und sich zurückgezogen haben?

Gott sei Dank nicht in meinem nahen Umfeld. Glücklicherweise habe ich Menschen in meinem Umfeld, die mich so nehmen, wie ich bin. Diese Erkenntnis konnte ich in dieser Zeit machen. Aber im entfernteren Bekanntenkreis kam es manchmal vor, dass Menschen sich gar nicht mehr getraut haben “Guten Tag” zu sagen, oder diese Floskel “Wie geht‘s dir?” zu verwenden, mit der Sorge, dass ich sage, wie es mir tatsächlich geht. Jedoch verschwende ich auf diese Personen keine Energie. Wer damit nicht umgehen kann, der soll sich von mir fernhalten.

Inwieweit hilft eine positive innere Einstellung gegen die Krebserkrankung?

Als vorbeugende Maßnahme kann ich mir das nicht vorstellen. Doch als Beeinflussung des Genesungsverlaufs, daran glaube ich inzwischen fest, denn bei mir hat es geklappt.

Wie intensiv haben sie sich mit ihrer Krankheit auseinandergesetzt? Haben sie recherchiert, oder wollten sie nur so viel wissen, wie der Arzt erzählt?

Nach der Diagnose habe ich ein wenig mit mir gehadert, wie weit ich informiert sein möchte. Ich hatte tolle Ärzte, die mich in der Zeit begleitet haben und sehr sensibel mit mir umgegangen sind. Sie haben sich auch nie gescheut, mir alle Fragen ganz offen zu beantworten. Ich wollte jedoch nie Zahlen hören, wie hoch meine Überlebenschance ist. Das hätte mich verrückt gemacht, denn selbst bei einem sehr hohen Wert hätte ich mich immer gefragt: Was ist, wenn ich zu den anderen Prozent gehöre? Was ich auch immer vermieden habe, war im Internet nach irgendwelchen Lebensgeschichten von Betroffenen zu suchen, denn jede Erkrankung ist anders. Krebs ist nicht gleich Krebs, ich habe einfach Riesenglück gehabt. Was ich gemacht habe, ist die Begriffe zu recherchieren. Wenn da wieder ein Arztbrief mit den ganzen lateinischen Ausdrücken kam, habe ich mir das schon übersetzen lassen, um besser verstehen zu können, was da nun genau gewesen ist. Also Informationen in wohldosierter Portion.

Wie haben Sie sich während der Chemotherapie gefühlt? Und wie stehen Sie generell zu Chemotherapien?

Alexandra Saßmannshausen spricht mit unseren Redakteurinnen Melanie und Diellza über ihre Krebserkrankung.

In meinem Fall war es so, dass die Chemotherapie als reine Sicherheitsmaßnahme gemacht wurde, denn ich war zu diesem Zeitpunkt schon krebsfrei. Mir ist empfohlen worden, diese Chemotherapie dennoch zu machen, falls irgendwo doch noch Krebszellen sein sollten. Ich konnte also mit erhobenem Haupt in die Chemo starten und in den ersten sechs der achtzehn Wochen habe ich kaum gemerkt, dass ich eine Chemo mache, weil es einfach dauert, bis die Gifte im Körper anfangen zu arbeiten. Bis auf kleinere Probleme während der Infusion lief die Chemo reibungslos, aber irgendwann setzten doch die Begleiterscheinungen ein. Ich weiß, dass es Leute gibt, die der Chemotherapie ablehnend gegenüber stehen. Aber der Gedanke die Chemo auszuschlagen und einige Zeit später doch einen neuen Tumor zu haben und sich vielleicht sagen zu müssen „Das hättest du verhindern können“, das wollte ich auf keinen Fall.

Es geht in der Gesellschaft viel zu oft um Äußerlichkeiten. Wie sind Sie damit umgegangen, dass Sie die Haare verloren haben?

Ich fand es blöd, dass meine Haare ausgefallen sind. Eine Zeit lang sah es so aus, als könnte ich sie behalten. Als sie nach einer Weile aber doch ausfielen, bin ich damit sehr pragmatisch umgegangen und habe mir eine Schere und einen Rasierer genommen und habe den Rest selbst erledigt. Ich bin in die Stadt gegangen und habe mir Mützen und eine Perücke gekauft. Als ich die Perücke vor einem Spiegel aufgesetzt habe, fand ich das falsch. Für mich war es keine Option, nach außen so zu tun als wäre nichts, denn ich hatte die Krebserkrankung und ich hatte eben keine Haare. Und die Mützen habe ich ganz einfach getragen, weil es sonst im Winter zu kalt gewesen wäre auf dem Kopf.

Würden Sie sagen, es gibt ein Leben vor und nach der Krebserkrankung?

Nein, für mich ist die Krebserkrankung kein so einschneidendes Erlebnis gewesen, das mein Leben verändert hätte. Ich bin mitten aus einer Mathestunde herausgegangen, weil es mir nicht gut ging. In diesem Moment war es wie auf Pause drücken und ich kümmere mich jetzt darum wieder gesund zu werden und danach geht es weiter. Es gibt zwar kleinere Veränderungen, aber mein Lebensplan hat sich nicht geändert.

Leben Sie denn jetzt bewusster?

Ja, in einigen Bereichen lebe ich jetzt bewusster. Es ist jetzt aber nicht so, dass ich nur noch Salat und Gemüse esse (lacht). Aber ich pflege jetzt viel bewusster meinen Freundeskreis. Ganz intensiv habe ich das zum Beispiel in der letzten Adventszeit gemacht. Ich wollte eigentlich immer schon all die Jahre Weihnachtskarten verschicken, weil ich die Karten auch gerne selber gestalte, hatte aber immer ganz viele Argumente dafür, warum ich gerade jetzt dafür keine Zeit habe. Und in diesem Jahr habe ich es einfach gemacht und Weihnachtspost ohne Ende geschrieben. Für solche Dinge nehme ich mir jetzt bewusst Zeit und es ist mir egal, wenn etwas anderes dafür liegen bleibt.

Was können Freunde und Verwandte tun, um Betroffene zu unterstützen und was hat Ihnen geholfen?

Ein offenes Ohr haben ist das eine. Und man sollte die Betroffenen nicht ständig bedauern. „Och, Dir geht es doch bestimmt schlecht!“, das möchte man nicht ständig hören, das weiß man auch selber schon. Und man sollte die Betroffenen so behandeln wie vorher auch: Genauso Unsinn machen wie vorher auch, rumblödeln wie vorher auch und auch über ernste Dinge reden wie vorher auch. Und nicht die eigenen Probleme auf einmal hinten anstellen im Sinne von „Dir geht es ja viel schlechter, jetzt kann ich dir meine Probleme nicht mehr mitteilen.“ Das ist Quatsch. Einfach normal weitermachen.

Wenn alles gut läuft, werden Sie nach den Sommerferien wieder am LSG sein. Wie sehr freuen Sie sich darauf?

Ich freue mich wirklich sehr darauf. Endlich wieder Mathe unterrichten. (lacht)

Wir bedanken uns sehr für dieses interessante und offene Interview.

Bitte, bitte.

 

Das Interview führten Melanie und Diellza.

1 Kommentar

  1. wow…ein sehr faszinierendes und offenes interview

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