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Steuern statt Schiller – Lernen wir am Leben vorbei?

Nach dem Tweet einer 17jährigen Schülerin aus Köln diskutiert Deutschland sich die Köpfe heiß: Lernen wir in der Schule am Leben vorbei? Sollten wir mehr über Versicherungen und Steuern lernen als über Goethe und Schiller?

Non vitae, sed scholae discimus – Nicht für das Leben, sondern für die Schule lernen wir. Schon vor fast 2000 Jahren prangerte der römische Philosoph Seneca die Lebensferne der Schulen an. Mit ihrem Tweet „Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann ’ne Gedichtsanalyse schreiben. In 4 Sprachen.“ trifft nun die Schülerin Naina scheinbar einen Nerv und löst eine Debatte aus, welche Inhalte in der Schule gelernt werden sollen.

Die Situation kennen wahrscheinlich viele Abiturienten: Das Studium ruft, man zieht von zuhause aus und sieht sich plötzlich mit Fragen konfrontiert, auf die man in der Schule nicht vorbereitet wurde: Bin ich jetzt eigentlich noch krankenversichert? Was muss ich beachten, wenn ich einen Mietvertrag unterschreibe? Und wie mache ich bloß eine Steuererklärung? Willkommen im wirklichen Leben! Das Wissen über Kurvendiskussionen und die Versailler Verträge hilft einem an dieser Stelle auch nicht mehr weiter. Wieso gibt es kein Schulfach, dass einem zumindest zwei Stunden in der Woche das ganz banale aber nützliche Wissen für den Alltag vermittelt? Vielleicht lautet in solchen Situationen der erste Reflex der Generation Web2.0 googlen. Im Internet werden schließlich alle Fragen beantwortet. Ob jedoch alle Ratschläge im Netz richtig und gut sind, steht auf einem anderen Blatt.
Natürlich kann die Schule nicht alles beibringen. Das deutsche Steuerrecht ist so umfangreich und komplex, dass selbst ausgewiesene Experten manchmal daran verzweifeln. Aber darum geht es nicht. Es geht um Grundlagen, die die Schule vermitteln kann. Wahrscheinlich lässt sich das nützliche Alltagswissen auch gut in die bereits existierenden Fächer eingliedern. Mit guten Deutsch- und Mathekenntnissen lassen sich bestimmt schon viele Formulare meistern. Für Detailfragen gibt es dann Freunde, die Familie und sicherlich auch das Internet oder ein gut sortierter Buchladen. Und sollte man dann doch einmal scheitern oder nicht mehr weiter wissen? Nun, auch das gehört als wichtige Erfahrung zum Leben dazu.

Brauchen wir also ein Schulfach „Alltag“ oder ein Fach „Steuern und Miete“? Es würde wohl viel gegähnt werden, wenn man versucht 14jährigen zu erklären, ob sie bei einem Auszug die Wände ihrer Mietswohnung weiß streichen müssen oder nicht. Es ist zu vermuten, dass nicht viel hängen bleiben würde und der Rest wäre ein kaum nützliches Halbwissen. In der Schule geht es doch viel mehr darum, die Kompetenz zu erlernen, sich Dinge selbstständig anzueignen, komplexe Zusammenhänge zu begreifen und vor allem darum, einen Überblick über das Leben zu bekommen. Und selbst wenn wir mit einem Fach in der Schule mal so rein gar nichts anfangen können, so lernen wir auch dabei noch etwas sehr Wichtiges: Sich Inhalte anzueignen, die einem keinen Spaß machen und mit den eigenen Ressourcen so umzugehen, dass noch genügend Zeit bleibt für Dinge, die einem wirklich Spaß machen. Mit dieser Erfahrung kommt man dann vielleicht auch als Erwachsener auf die Idee, die Steuererklärung einfach von einem Steuerberater machen zu lassen.

Zur Naina Debatte haben wir auch eine neue Schulhofumfrage gestartet: Lernen wir am Leben vorbei?

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