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Der Tatortreiniger – “Wenn wir gebraucht werden, sind wir da.”

Was in der Fernsehserie noch der lustigen Unterhaltung dient, ist im wahren Leben gar nicht zum Lachen: Tatortreiniger säubern Räume, in denen Menschen ums Leben kamen – manchmal auf sehr brutale Weise. Wir hatten die Möglichkeit, mit einem Tatortreiniger über seinen Berufsalltag zu sprechen.

laurentinews.de: Bei unserer ersten Interviewanfrage sagten Sie, dass Sie momentan sehr viele Aufträge hätten. Gibt es Zeiträume im Jahr, in denen Sie üblicherweise mehr zu tun haben? Wenn ja, woran liegt das?

André Rohde: Ja, das stimmt. Aktuell haben wir tatsächlich gut zu tun. Grundsätzlich kann man aber sagen, dass wir nach kurzen, aber heftigen Hitzewellen eine erhöhte Auftragslage verzeichnen können. Denn gerade für ältere Menschen oder Personen mit Herzkreislaufstörungen, kann ein solches Wetterereignis tödlich enden. Wenn sie dann ein paar Tage oder Wochen unentdeckt in ihrer Wohnung liegen, ist die Verwesung aufgrund der Wärme meist schon sehr weit vorangeschritten. Dann ist eine Reinigung des Leichenfundortes unumgänglich. In der kalten und dunklen Jahreszeit steigt hingegen die Häufigkeit von Einsätzen nach Suiziden, also Selbsttötungen, deutlich an. Warum dies so ist, kann ich nicht abschließend beurteilen. Eventuell neigt der Mensch in dieser Zeit eher zu Depressionen oder depressiven Verstimmungen.

Mit welcher Art von Tatorten werden Sie bei Ihrer Arbeit konfrontiert?

Der Begriff „Tatortreinigung“ ist genau genommen etwas ungünstig gewählt, denn dieser würde das Einsatzgebiet auf Orte beschränken, an denen ein Gewaltverbrechen verübt wurde. Dies ist aber nicht immer so. Größtenteils liegt unser Aufgabengebiet eher darin Leichenfundorte zu reinigen. Also den Ort, an dem ein Verstorbener – meist eines natürlichen Todes – länger gelegen hat. Dennoch hat sich der Begriff „Tatortreinigung“ in den letzten Jahren gleichsam etabliert. Aber natürlich reinigen wir auch echte Tatorte. Hierzu zählen jedoch auch Suizide.

Können Sie sich noch an Ihren allerersten Tatort erinnern?

Seit über 10 Jahren reinigt André Rohde mit seinem Team Tatorte. (Foto: Nicole Behnke)

Ja, das kann ich sogar sehr gut. Der war aber weitaus weniger „spektakulär“, als die heutigen. Eine Frau ist in ihrem Bad gestürzt und verstorben. Also kein wirklicher Tatort. Da sie nur zwei Tage unentdeckt blieb, gab es für uns nicht so viel zu tun. Bis auf einer kleinen Blutlache war von der vorangegangenen Tragödie nichts zu sehen.

Sind Sie angespannt, wenn Sie auf dem Weg zu einem neuen Einsatz sind?

Es kommt drauf an. Kennen wir vorab die Hintergründe und gab es bereits eine mediale Berichterstattung, sind wir natürlich schon gespannt darauf, was uns tatsächlich erwartet. Aber angespannt im Sinne von nervös sind wir eigentlich nicht. Man bespricht auf der Fahrt zum Einsatzort eher das dortige Vorgehen. Und man geht gedanklich nochmal durch, ob man alles dabei hat oder doch wichtiges Material vergessen hat. Denn nicht immer wissen wir im Vorfeld, wie es wirklich vor Ort aussieht. Häufig können wir von den telefonischen Angaben und unseren Erfahrungen aus vergangenen Einsätzen nur ableiten, was uns erwartet und welches Material wir benötigen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diesen Beruf zu ergreifen?

 André Rohde: Als Desinfektoren hatten wir uns auf die Erstellung von Hygienekonzepten spezialisiert. Wir haben also individuelle Hygienepläne erstellt, beispielsweise für Pflege- und Betreuungseinrichtungen. Irgendwann erhielten wir dann einen Anruf. Es war der Fall der im Bad gestürzten und verstorbenen Frau. Der Anrufer erklärte, dass er schon Stunden rumtelefoniere und keine Firma fände, die ihm helfen könne. So sei er im Internet auf uns gestoßen und hoffe, dass wir – als Desinfektoren – uns der Sache annehmen könnten. Wir sagten zu. Nach und nach haben wir uns weitere Qualifikationen angeeignet. Weitere Aufträge folgten, sodass dies unser neuer Schwerpunkt wurde. Das Ganze liegt nun über 10 Jahre zurück. Heute erstellen wir keine Hygienekonzepte mehr, sondern haben uns auf die Tatortreinigung spezialisiert.

Wie exakt sind die Informationen, die Sie über die Ereignisse am Tatort vorab erfahren? Welche Gedanken machen Sie sich über diese Ereignisse?

Die “PSA” (Persönliche Schutzausrüstung) zählt zu den wichtigsten Utensilien eines Tatortreinigers. (Foto: Nicole Behnke)

Das ist immer unterschiedlich. Mal wissen wir alles, mal so gut wie nichts. Wichtig ist für uns eigentlich nur, dass der Tatort von der Polizei und Staatsanwaltschaft freigegeben ist. Erst dann legen wir mit unserer Arbeit los. Während der Reinigung hat man gar keine Zeit, über die stattgefundenen Ereignisse nachzudenken. Der Fokus liegt voll und ganz auf unsere Arbeit. Auf dem Rückweg zum Betrieb redet man gegebenenfalls nochmal kurz über den Einsatz und auch darüber, welche dramatischen Ereignisse sich dort ereignet haben müssen. Spätestens mit Annahme des nächsten Auftrages ist der vorangegangene Einsatz für uns abgehakt und eigentlich kein Thema mehr.

Was belastet Sie bei Ihrem Beruf am meisten? Die optischen Eindrücke, die Gerüche oder die Bilder, die in Ihrem Kopf entstehen?

Ganz klar der Geruch. Dieser liegt manchmal noch Tage in der Nase, auch wenn es dann meist nur noch Einbildung ist. Gelegentlich verknüpft der Körper alltägliche Gerüche mit Leichengeruch oder sogar mit ganz bestimmten Fällen aus unseren Einsätzen. Das ist nicht sehr angenehm, aber das gehört für Menschen, die mit Toten zu tun haben, wohl dazu. Optische Eindrücke belasten mich gar nicht. Da stumpft man mit der Zeit wirklich ab. Auch Bilder bleiben nicht hängen, obwohl ich wirklich schon viel Schlimmes gesehen habe.

Gab es / gibt es Aufträge, die Sie emotional besonders berühren?

Tatsächlich gab es einen Fall, der mich emotional besonders berührt hat. Ein Ehemann hatte seine Ehefrau mit mehreren Messerstichen getötet. Wir wurden von der Polizei beauftragt, den Tatort zu reinigen. Kurz bevor wir unsere Arbeit am Einsatzort abgeschlossen hatten, stand plötzlich und unerwartet die 15-jährige Tochter der Getöteten vor uns. Eigentlich wollte sie nur ein paar persönliche Gegenstände aus der Wohnung holen, da sie inzwischen woanders untergebracht wurde. Doch dann standen wir im Vollschutz und blutverschmiert vor ihr. Sofort brach sie in Tränen aus und schrie immer wieder nach ihrer Mama. Dieses Ereignis hat mich besonders berührt.

Haben Sie schon einmal / würden Sie auch einen Auftrag ablehnen?

Nein, wir haben noch nie einen Auftrag abgelehnt und würden es auch nicht tun. Mit unserer Arbeit gehen wir mehr oder weniger auch eine Verpflichtung ein. Man kann Angehörige oder Hinterbliebene in einer solchen Situation nicht alleine lassen. Wenn wir einen Auftrag, aus welchen Gründen auch immer, ablehnen würden – wer soll es denn dann machen?! Nein, die Frage stellt sich uns nicht. Wenn wir gebraucht werden, sind wir da.

Verfolgen Sie manche Fälle bewusst in den Medien weiter, z.B. Berichte über Gerichtsverfahren?

Eigentlich ist der Fall für uns abgeschlossen, wenn der Tatort gereinigt ist. Dennoch verfolgen wir Fälle gelegentlich weiter, wenn diese in den Medien ein großes Thema waren.

Ihr Beruf hat durch die Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ große Aufmerksamkeit und sogar schon Kultstatus erreicht. Gab es dadurch vermehrt Bewerbungen auf Ihren Beruf? Wie realitätsnah ist der Fernseh-Tatortreiniger?

Als Tatortreiniger benötigt man eine umfassende Ausrüstung, z.B. werden für Blutflecken spezielle Enzymreiniger verwendet.
(Foto: Nicole Behnke)

Wir werden nicht nur sehr häufig auf die Serie angesprochen, sondern erhalten tatsächlich auch viele Bewerbungen. Ob die Vielzahl an Bewerbungen jedoch im Zusammenhang mit der Serie steht, kann ich nicht beurteilen. Auf die Frage, wie realitätsnah die Fernsehserie ist: Ich mag Bjarne Mädel in seiner Rolle als „Schotty“ wirklich sehr und ich finde die Serie insgesamt auch sehr amüsant. Allerdings hat sie mit der Realität nicht viel gemein. Dies liegt aber auch daran, dass sich „Schotty“ mit so ziemlich allen Dingen beschäftigt, jedoch kaum mit seiner Arbeit an sich.

Was sind die wichtigsten Eigenschaften, die man für den Beruf mitbringen muss?

Die Bereitschaft zur Flexibilität steht über alle anderen Eigenschaften. Wer auf feste Arbeitszeiten pocht, hat in diesem Beruf grundsätzlich nichts verloren. Darüber hinaus sollte man sich gut in Menschen hineinversetzen können, denn häufig suchen Hinterbliebene das Gespräch mit uns. Wenn es dann an Empathie und Einfühlungsvermögen mangelt, hat man seinen Beruf ebenfalls verfehlt. Außerdem sollte man dem Tod nicht kritisch gegenüberstehen, sondern akzeptieren, dass dieser zum Leben einfach dazugehört – egal, wie er uns heimsucht. Ansonsten sieht man sich bei jedem Einsatz mit der Frage „Warum …?“ konfrontiert.

Vordergründig reinigen Sie ja „nur“ einen Raum. Inwieweit ist Ihre Arbeit aber auch ein Beitrag zur Trauerbewältigung für Angehörige? Haben Sie Kontakt zu Angehörigen?

Wir erhalten nicht nur Aufträge von der Polizei und anderen behördlichen Einrichtungen, sondern natürlich auch von Angehörigen und Hinterbliebenen. Zwar wünscht sich wohl jeder, dass er irgendwann einfach im Beisein seiner Liebsten sanft einschläft. Aber die Realität ist häufig eine andere. Entweder wurde man gewaltsam aus dem Leben gerissen oder man verstirbt einsam in seiner Wohnung und wird erst sehr viel später gefunden. Dann sind die Hinterbliebenen nicht „nur“ mit der Trauer konfrontiert, sondern auch mit den Spuren des Ablebens der verstorbenen Person. Das bedeutet meist auch eine zusätzliche, emotionale Belastung für die Angehörigen. Unsere Arbeit ist dann natürlich auch ein Mittel zur Trauerbewältigung, da wir den Hinterbliebenen eine große Last abnehmen. Darüber hinaus suchen viele Angehörige und Hinterbliebene mit uns das Gespräch und erzählen uns häufig, was der Verstorbene für ein Mensch war. Dabei blicken sie meist auf freudige Ereignisse zurück. Auch diese Gespräche sind dann ein kleiner Beitrag zur Trauerbewältigung.

Was sind besonders hartnäckige Flecken?

Im Prinzip lassen sich fast alle Verunreinigungen mit dem richtigen Mittel beseitigen. Blutspuren entfernen wir beispielsweise ohne große Mühen mit einem speziellen Enzymreiniger. Wenn ein Verstorbener aber mehrere Wochen unentdeckt geblieben ist, treten zum Teil große Mengen Körperflüssigkeiten aus. Dann muss sogar oftmals der Estrich entfernt werden. Eine Reinigung ist dann nicht mehr möglich. Auch kontaminierte Matratzen oder Polstermöbel werden in der Regel entsorgt.

Wie reagiert Ihr privates Umfeld auf Ihren Beruf?

Anfangs wurde ich häufig zu unseren Einsätzen befragt. Mittlerweile ist unsere Arbeit aber kaum noch ein Thema im Familien- und Freundeskreis.

Werden Sie im Freundeskreis nicht ständig gefragt, wie man diese und jene Flecken herausbekommt?

Nein, das ist und war nie ein Thema.

Können Sie eigentlich während Ihrer Arbeit etwas essen oder brauchen Sie dafür einen zeitlichen und räumlichen Abstand?

In der Regel machen wir während eines Einsatzes keine Pausen. Dies liegt aber nicht daran, dass mir das Wurst- oder Käsebrot nicht schmecken würde. Der Grund ist schlichtweg der Kosten- und Zeitaufwand für die „Persönliche Schutzausrüstung“, kurz „PSA“. Diese kann man nicht mal eben schnell ablegen und danach einfach wieder anziehen. Alle kritischen Punkte, wie der Reißverschluss oder der Übergang vom Anzug zu den Handschuhen, werden zusätzlich abgeklebt. Auch hier unterscheidet sich die Fernsehserie „Der Tatortreiniger“ von der Realität. Kein echter Tatortreiniger würde seine Mittagspause, wie „Schotty“, am Leichenfundort machen.

Gibt es einen Tatort, der Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?

Ein besonders brutales Tötungsdelikt ist mir schon in Erinnerung geblieben. Ein junger Mann wurde auf sehr bestialische Weise aus dem Leben gerissen. Der Täter hat sein Opfer nicht nur mit dutzenden Messerstichen schwer verletzt, sondern hat ihm noch vor Eintritt des Todes mehrfach mit einer Bohrmaschine in den Kopf gebohrt. Das war wirklich einer der schlimmsten Tatorte, den wir zu reinigen hatten.

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