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Jeder kann zum Mörder werden

Jeder kennt das: Im Zorn ist eine unüberlegte Bemerkung herausgerutscht, ein guter Freund ist gekränkt, Tränen fließen. Wenn der Nebel des Zorns sich lichtet, finden wir jedoch häufig zurück zum normalen Leben. Eine aufrichtige Entschuldigung reicht meistens aus. Doch wie fühlt es sich an, wenn eine Entschuldigung nicht mehr ausreicht, wenn man im Zorn einen Tat begangen hat, die nie wieder gutzumachen ist: einen Mord?

Heiko sitzt seit 9 Jahren im Gefängnis. Zurzeit verbüßt er eine lebenslange Haftstrafe in der JVA Oldenburg. Er ist ein verurteilter Mörder In unserem Interview berichtet er darüber, wie es zu der Tat kommen konnte und welche Rolle dabei das Gefühl des Zorns spielte. Er spricht über Schuldgefühle, was ihm bei der Bewältigung seiner Tat geholfen hat, ob seine Strafe gerecht ist und ob jeder Mensch zum Mörder werden kann.

Wann waren sie zum letzten Mal richtig wütend?

Zum letzten Mal richtig wütend oder zornig war ich in der Nacht vom 10. auf den 11. März 2005. Das war die Tat.

Für was sind sie verurteilt worden?

Es war eine Beziehungstat. Ich habe meine Frau getötet und bin deshalb wegen Mordes zu einer lebenslänglichen Freiheitsstrafe verurteilt worden.

Halten sie das Urteil für gerecht?

Ja, absolut. Es ist sowohl in der Höhe als auch in der Art und Weise gerechtfertigt. Ich will nicht sagen, dass ich besonders froh war über das Urteil, aber besonders unglücklich war ich auch nicht. Ich war auf jeden Fall froh, von der Außenwelt abgeschnitten zu sein und meine Tat niemandem erklären zu müssen. Erst später wurde die Haft belastend.

Was frustriert im Gefängnis besonders?

Es ist die Aussichtslosigkeit bei einer lebenslänglichen Verurteilung. Aber es sind auch die Kleinigkeiten, denn man ist vollkommen fremdbestimmt. Sie haben nicht zu entscheiden wann sie ihr Mittagessen bekommen, wann sie aufzustehen haben, wann und ob sie zur Arbeit gehen. Es ist ein komplett ferngesteuertes Leben. Über die Jahre entfremdet man total vom normalen Leben.

Welche Gefühlszustände sind im Gefängnis besonders präsent?

Ich habe im Vergleich zu meinem früheren Leben unwahrscheinlich viel Toleranz entwickelt gegenüber Menschen, die aus anderen Kulturkreisen stammen. Alle Menschen sind unterschiedlich und haben dementsprechend auch andere Lebensentwürfe. Ich versuche deshalb jedem Mitgefangenen seinen eigenen Raum zu lassen. Was aber dennoch im Gefängnis sehr stark verbreitet ist, sind Missgunst und Neid. Viele sind neidisch auf Mitgefangene, weil sie bei der Arbeit mehr Geld verdienen oder mehr Kontakte nach draußen haben.

Mal abgesehen von den juristischen Unterschieden, spielt es vom Gefühl her eine Rolle, ob man als Mörder oder als Totschläger verurteilt worden ist?

Ich konnte Dank einer hervorragenden Psychologin in Einzelgesprächen eine Tataufarbeitung machen und ich kann mir und auch anderen Personen erklären, warum das Ganze passiert ist. Da ich es selber aufarbeiten konnte, spielt diese Unterscheidung für mich kaum noch eine Rolle, denn ich weiß, dass ich kein Berufskiller und kein klassischer Mörder bin.

Kann denn jeder Mensch zum Mörder werden?

Eindeutig ja, jeder Mensch kann zu einem Mörder werden. Zwei Stunden vor der Tat hätte ich noch gesagt, das kann mir nie passieren und alle die mich näher kennen, konnten überhaupt nicht verstehen, warum das passiert ist. Freunde von mir, die mich auch heute noch besuchen, machen sich bis heute Vorwürfe, warum sie nicht rechtzeitig eingegriffen haben, denn sie wussten, dass irgendetwas nicht stimmt. Ich sage aus absoluter Überzeugung: Wenn die Umstände stimmen, kann jeder zum Mörder werden. Sicherlich sind aber die Anschaltpunkte bei jedem Menschen verschieden.
Es gibt zwei Ebenen bei so einer Tat: Es gibt Menschen die töten aus Habgier oder ähnlichen Gründen und es gibt eben Beziehungstaten. Schlimmer wäre es natürlich, wenn man so eine Tat vorsätzlich begeht.

Wann haben sie selber gemerkt, dass sie fähig sind einen Mord zu begehen?

Das merkt man nicht. Während der Tat wird man nur noch von seinen Emotionen gesteuert, der Verstand ist total unterdrückt. Jeder weiß, dass es ein Fehler ist, einen Mord zu begehen, nur wenn der Verstand nicht mehr die Oberhand behält, dann hat man auch kein Unrechtsbewusstsein mehr. Das hat mich gewundert und entsetzt und ich musste lernen, dass der Verstand in Zukunft immer die Oberhand behalten muss. Natürlich muss man seinen Frust auch mal raus lassen und auch ein Streit ist mal notwendig, aber das muss auf einem gewissen Level bleiben.

Wann haben sie realisiert was sie getan haben?

Direkt nach der Tat hat der Verstand wieder eingesetzt. Das passiert von einem Augenblick auf den anderen. Da war mir sofort klar: Das war’s jetzt, aus und vorbei. Entsetzen, Schock, Fassungslosigkeit.

Wenn Sie ihren Gefühlzustand während der Tat mit einem Bild beschreiben müssten, welches Bild würden Sie dann wählen?

Zur Tat gab es eine Vorgeschichte und die ging bei mir über mehrere Phasen. Ich war in tiefen Depressionen über mehrere Monate. In der Beziehung lief es nicht mehr. Der einfachste Weg wäre natürlich gewesen sich scheiden zu lassen, aber das ist für mich aus vielerlei Gründen nicht in Frage gekommen. Meine Frau ist dann schwer krank geworden und hat Multiplis Sklerose (eine Erkrankung des zentralen Nervensystems, d.Red.) bekommen. In dieser Situation hat sich bei mir ein schreckliches Szenario aufgebaut. Ich hatte Sorge mit ihrer Pflegebedürftigkeit nicht umgehen zu können. Meine Frau ist durch die Erkrankung sehr jähzornig geworden, ist in Selbstmitleid aufgegangen. Ich habe dann auch einen Selbstmordversuch unternommen, der jedoch mehr ein Hilferuf gewesen ist. Irgendwann ist dann der Punkt gekommen, an dem ich geglaubt habe, dass meine Frau an allem Schuld war. Aus diesem gedanklichen Gefängnis bin ich einfach nicht mehr rausgekommen. Zumindest sehe ich es heute so. Zur damaligen Zeit ist es mir nicht bewusst gewesen. Da ich sehr introvertiert war, habe ich mit niemandem über meine Ängste und Sorgen gesprochen. Ich habe auch nie mit dem Gedanken gespielt mich scheiden zu lassen, dass hat auch etwas mit Moralvorstellungen zu tun, die ich von meinem Opa mitbekommen und in Ehren gehalten habe.

Wenn man Sorgen hat, dann muss man sich möglichst objektive Meinungen von außen holen und das habe ich nicht getan. das hat sich irgendwann so sehr aufgestaut, dass man vielleicht von einem brodelnden Topf reden kann und irgendwann gab es kein Überdruckventil mehr und dann kam es zur Tat.

laurentinews.de Redakteurinnen Jule, Vanessa und Hanna im Interview mit Heiko

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Warum haben die Werte und Moralvorstellungen, die Sie gerade ansprachen, die Tat selber nicht verhindern können?

Alles hat sich so weit aufgebaut und angestaut, man hat im Kopf so einen gewaltigen Druck und kommt aus diesem Gedankenkreislauf nicht mehr raus, dass ihr Leben total Scheiße ist. Es waren Zukunftsängste da und die Angst bei einer Trennung die Familie zu verlieren. Letztendlich war der Auslöser ein Streit am Abend der Tat. Dann hat es Klick gemacht und plötzlich waren nicht die Umstände an meiner Not Schuld sondern es war dann nur noch meine Frau. In dem Moment waren Werte- und Normvorstellungen nicht mehr vorhanden. Die Tat war in diesem Moment die Lösung all meiner Probleme und das hat in dem Moment in meinem Kopf eine gewisse Erleichterung gebracht. Das hört sich jetzt brutal an, aber in diesem Moment war es so.

Haben sie schon mal das Grab ihrer Frau besucht?

Ja, bei meinem ersten Ausgang.

Was haben sie am Grab ihrer Frau gefühlt?

Ich bin dort mehr oder weniger zusammengebrochen. Die Schuldgefühle sind noch mal komplett aufgebrochen. Warum, wieso, weshalb? Was hast Du der Familie angetan? Man darf nicht vergessen, dass die Familie meine Frau mich aufgenommen hat wie ihren eigenen Sohn. Es war für mich wie meine eigene Familie, da ich selber nicht so viel Glück hatte in meiner Kindheit. Ich bin bei meinen Großeltern aufgewachsen und ich hatte nach dem Tod meines Opas keine Bezugsperson mehr. Mein Vater war Alkoholiker und hat sich totgesoffen und zu meiner Mutter hatte ich irgendwie nie eine richtige Beziehung. Aber es war wichtig, dass ich das Grab besucht habe und ich werde es sicherlich auch noch mal irgendwann wieder tun.

Wie war die Beziehung zu ihren Schwiegereltern?

Es war ein richtiges Familienleben, drei Generationen in einem Haus. Es war für mich am Anfang wie im Paradies. Von daher habe ich nicht nur Schuldgefühle gegenüber meiner Frau, was mich auch unwahrscheinlich stark belastet hat, war das, was ich den Angehörigen angetan habe, denn die sind ja noch da. Die Familie meiner Frau liegt mir immer noch am Herzen, denn Gefühle sterben nicht einfach so mit. Außerdem muss die Familie meiner Frau mit den Folgen meiner Tat ein ganzes Leben weiterleben.

Besteht heute noch ein Kontakt zur Familie ihrer Ehefrau?

Nein und aus meiner Sicht muss ich momentan sagen glücklicherweise besteht kein Kontakt. Wenn ich die Familie meiner Frau sehen würde, würde ich mich umdrehen und weggehen. Ich selber werde den Kontakt nicht suchen, weil ich befürchte, dass ich dann dort alte Wunden aufbreche.

Und wenn die Familie den Kontakt zu Ihnen suchen würde?

Ich werde dann wohl keine andere Wahl haben als mich dem zu stellen, aber ich wünsche mir von ganzem Herzen, dass das nicht passiert. Ohne Hilfe von Psychologen würde ich das auch nicht machen.

Haben Sie sich denn mal bei den Angehörigen ihrer Frau entschuldigt?

Noch in der U-Haft Zeit habe ich einen Brief geschrieben.

Wurde die Entschuldigung angenommen?

Das Einzige, was ich mitbekommen habe, war, das meine Schwiegermutter in einem Fernsehinterview gesagt hat, dass sie zwei Kinder verloren hätte. Im Gerichtssaal war kein Kontakt.

Haben Sie heute immer noch Schuldgefühle?

Die habe ich mein ganzes Leben lang, die wird man nicht los. Es mag Mitgefangenen geben, die mit ihren Taten ganz locker und lässig umgehen können, ich kann das nicht!
Man muss lernen damit zu leben, so wie mit anderen Schicksalsschlägen auch. Es gibt Phasen, da liegt man heulend in der Zelle und fragt sich, warum das alles passiert ist. Man muss irgendwann eine Entscheidung treffen. Bei mir war das nach ca. 5 Jahren, da habe ich mir gesagt: entweder hängst du dich jetzt auf oder du machst weiter. Diese Phase hat ungefähr 3 Monate gedauert und ich habe mich dann für’s Weitermachen entschieden.

Wie wichtig ist Ihnen der Glaube bei der Bewältigung der Tat?

Ich denke nicht in diesen klassischen katholisch/evangelisch Kategorien. Ich habe meine eigene Definition von Glauben. Ich glaube nicht, dass mir meine Tat später vergeben wird. Ich glaube zwar nicht an eine Hölle oder einen Himmel, aber irgendwie glaube ich daran, dass nach dem irdischen Leben noch etwas existiert. Mit unserem Tode soll hoffentlich nicht alles enden. Ich hoffe, dass es meiner Frau jetzt irgendwo gut geht, aber für mich habe ich die Befürchtung, dass ich im Jenseits noch mal vor Gericht sitze. Wie auch immer das dann für mich ausgehen mag.

Warum haben Sie das Recht in einigen Jahren wieder ein freier Mensch zu sein?

Ich halte nichts von der Todesstrafe wie in Amerika, denn letztendlich ist dies nichts anderes als ein legitimierter Mord. Da erschließt sich mir der Sinn nicht. Jeder Mensch sollte eine zweite Chance haben. Dass es für Verbrechen eine Strafe geben muss, gehört für mich zu einer friedlichen Gesellschaft dazu, denn es muss ja eine Reaktion gegenüber den Angehörigen und gegenüber der Gesellschaft erfolgen. Ich denke, dass die deutsche Regelung ganz gut ist, die Straftätern eine Chance bietet, ins Leben zurückzufinden.

In unserer Gesellschaft werden immer wieder Vorwürfe laut, dass die Justiz sich zu sehr um die Täter kümmert und zu wenig um die Opfer. Ist unser Rechtssystem zu sehr auf den Täter fixiert?

Es muss für Straftäter, was die Resozialisierung angeht, eigentlich noch mehr getan werden. Straftäter, die im Gefängnis sitzen, sind die einzigen, bei denen man den zukünftigen Opferschutz richtig gezielt vorantreiben kann. Wenn mir in der Straßenbahn jemand gegenüber sitzt, weiß man nicht, ob er vielleicht auf dem Weg zum nächsten Bankraub ist oder ob er nur zur Arbeit fährt. Wenn man also an dieser Stelle noch mehr investieren würde, könnte der Steuerzahler am Ende sogar noch Geld sparen, denn jeder Täter, der nicht wieder straffällig wird, verursacht keine weiteren Kosten.
In einem Land wie Deutschland ist es jedoch eine Riesen-Sauerei, dass für die Opfer von Straftaten keinerlei Hilfe zur Verfügung steht. Bezogen auf meine Tat ist es ein Skandal, dass keine psychologische Hilfe zur Seite gestellt wird. Es gibt zwar Hilfsorganisationen wie der Weiße Ring, aber von staatlicher Seite steht nichts zur Verfügung. Eine Opferentschädigungsrente, die vielleicht ein paar Monate gezahlt wird, ist ein Witz. Sowohl psychologisch als auch finanziell brauchen die Angehörigen viel mehr Hilfe. Nach der Gerichtsverhandlung verschwinden die Opfer aus den Medien und auch der Staat bietet keine Hilfe an.

Glauben Sie auch daran eine zweite Chance in der Liebe zu bekommen?

Da habe ich viel darüber nachgedacht. Wenn sich noch mal eine feste Beziehung aufbauen sollte, dann werde ich nach einer gewissen Zeit mit der Wahrheit rausrücken. Zwar nicht sofort am ersten Tag, aber ich werde nie wieder eine Beziehung auf Lügen aufbauen. Ich habe meiner Frau damals versprochen, dass ich sie wegen der Krankheit nicht verlassen werde, ich habe an das Versprechen der Ehe geglaubt – bis das der Tod euch scheidet – und da ich beide Versprechen nicht brechen wollte, bin ich in einen Teufelskreis geraten.

Können Sie denn verstehen, wenn andere Menschen Angst vor ihnen haben?

Ja, natürlich. Ich bin auch den Menschen, die sich nach der Tat von mir distanziert haben, nicht böse. Traurig ja, aber ich mache da niemandem Vorwürfe. Ich wüsste selber nicht wie ich reagieren würde, wenn mir Ähnliches im Freundeskreis vor der Tat passiert wäre.
Zwei Freunde sind mir noch geblieben, die mir immer noch zur Seite stehen. Sie haben mir zwar gesagt, dass meine Tat nicht in Ordnung war, aber sie halten bis heute zu mir. Dadurch habe ich gelernt tiefe Dankbarkeit zu empfinden, ein Gefühl, das ich vorher nicht gekannt habe. Es gibt Hoffnung, dass man in der Zukunft nicht ganz allein auf der Welt sein wird.

Haben Sie sich schon häufiger die Frage gestellt, wie ihr Leben heute aussehen würde, wenn Sie diese Tat nicht begangen hätten?

Ehrlich gesagt nein. Ich glaube, dann zerfleischt man sich gedanklich selbst. Ich habe aber viel darüber nachgedacht, wie mein Leben nach der Haft aussieht, weil ich Angst habe vor eine Stigmatisierung durch die Gesellschaft. Was passiert, wenn Nachbarn oder Arbeitskollegen herausfinden, was ich getan habe? ich laufe ja nicht mit einem Schild durch die Gegend auf dem steht „Ich habe meine Frau umgebracht“.

Wie stellen Sie sich ihre Zukunft vor?

Friedlich, das ist ganz wichtig. Ich hoffe, dass ich irgendwo wieder einen Job finde und dass ich ein ganz normaler, spießbürgerliches Leben habe.

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